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Grünweiße Liebe: Mit Kalle und „Kiwi“ fing alles an

Das Leben als Ernstfall

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Wir machen gerade eine schwere Phase durch. Zerreißprobe für eine Langzeitbeziehung. Trotzdem, oder gerade deshalb, nutze ich diese Kolumne für ein öffentliches Treuebekenntnis. Zu einer Liebe, die mittlerweile seit über 30 Jahren hält, ohne Trauschein, in guten wie in schlechten Zeiten. Auch wenn die Höhepunkte lang zurückliegen, die Lust ist immer noch da. Ehrlich, ich dachte bisher nicht eine Sekunde ans Fremdgehen. Verführungen für Auswärtsspiele gäbe es weiß Fußballgott genug.

Angefangen hat alles Ende der 1980er. Mit Kalle. Er machte damals den ersten Schritt. Unbewusst, denn er kannte mich gar nicht. Aber ich ihn. Zumindest aus dem Fernsehen. Und aus dem Stadion. Kalle war, wie ich fand, ein gutaussehender Mann – für einen Allgäuer. Ist er übrigens heute noch. Und er schoss Tore. Vornehmlich in der Luft mit dem Kopf. Daher sein Spitzname „Air“. Später kam Wynton dazu. Ein Neuseeländer. Ein Exot. Was Gollum sein Ring, ist mir ein Autogramm von „Kiwi“, das eingerahmt an meiner Wand hängt.

Karl-Heinz „Air“ Riedle und Wynton „Kiwi“ Rufer sind längst Bremer Fußballgeschichte. Aber durch sie habe ich meinen Herzensverein gefunden – oder er mich. Wer sich da wen aussucht, ist schicksalstechnisch ja nicht hundertprozentig nachgewiesen. Der SV Werder, ein vergleichsweise kleiner, aber sympathischer Verein. Ein Underdog – aber einer, der nicht nur spielen, sondern auch zubeißen will.

Und wie haben wir zugebissen. Das W auf dem Trikot stand einst für Wunder, für unvergessene Momente, die für mich aus dem vermeintlich banalen Sport, bei dem hoch bezahlte Männer einem Ball hinterherlaufen, so viel mehr gemacht haben. Das oft zitierte 5:3 gegen den RSC Anderlecht in der Champions-League-Saison 1993/94 erlebte ich bei meinem Opa auf der Couch. In einer Zeit, als man noch ohne Abo frei empfangbar Königsklasse schauen konnte. Zur Erinnerung: Werder lag im Gruppenspiel zu Hause nach 66 Minuten 0:3 gegen die Belgier zurück und erlebte dann eine unfassbare Wiederauferstehung. Oder das reale 3:2 im Weserstadion 2007, als wir die Galaktischen aus Madrid erdeten. Unvergessen aber auch die Tragödien wie das bittere Ausscheiden im CL-Achtelfinale 2006 gegen Juventus Turin. Die Auswärtstorregel und ein folgeschwerer Patzer von Keeper Tim Wiese in der 88. Minute bedeuteten den K.O.

„Mein glücklichster Tag aber, noch vor bestandener Abitur-, Magister- und Führerscheinprüfung, war zweifellos der 8. Mai 2004“Florian Ferber, Reporter

Mein glücklichster Tag aber, noch vor bestandener Abitur-, Magister- und Führerscheinprüfung, war zweifellos der 8. Mai 2004. Als Werder mit einem 3:1 beim ewigen Rivalen Bayern München den Meistertitel klarmachte. 3:0 zur Pause? In München? Ich saß damals vorm Radio und bekam den Mund nicht mehr zu. Ich weiß noch, wie ich die BamS am nächsten Tag zerpflückte und mir aus den Schnipseln eine Fotocollage bastelte – unter anderem mit einem Bild von Kugelblitz Ailton, nackt und freischwingend im Entmüdungsbecken. Das Werk hängt noch heute an meiner Wand – neben „Kiwi“. Beim Autokorso durch Bremen nach dem Doublegewinn standen meine Schwester und ich in der ersten Reihe. Als die Sieger auf dem Rathausbalkon erschienen, war mit uns die ganze grünweiße Familie elektrisiert.

Unter Spannung stand ich auch als unbedarfter Sportreporter des Nordkurier immer dann, wenn ich bei Spielen von Hertha BSC Berlin gegen Werder Bremen auf die Pressetribüne neben Marcel Reif oder Béla Réthy durfte – und anschließend für Interviews in die Mixed-Zone. Dort rief ich einst Werders Trainer-Legende Otto Rehhagel – er gab bekanntlich ein Intermezzo auf der Bank beim Hauptstadtklub – nach einem Spiel die Frage hinterher, wie es denn für ihn gewesen sei, gegen seinen langjährigen Ex-Verein anzutreten. König Otto rollte daraufhin nur genervt mit den Augen und zog kommentarlos samt Gattin Beate von dannen. Ich war wohl nicht der erste, dem diese originelle Frage eingefallen war.

Dass mir gerade in Krisenzeiten wie diesen solche Anekdoten einfallen, dürfte kein Zufall sein. Bieten sie doch eine willkommene Ablenkung vom momentanen sportlichen Elend nach der schlechtesten Bundesliga-Hinrunde der Bremer Vereinsgeschichte. Aber immerhin: Nach dem 1:0-Auswärtssieg am Samstag in Düsseldorf, bei dem ich selbst im Stadion war, lebt die Hoffnung wieder. Der grünweiße Support von den Rängen war einmal mehr beeindruckend. Schönwetterfans gibt es im Süden der Republik genug. Ach, wenn wir jetzt noch Kalle und „Kiwi“ im Team hätten . . .

Zur Person

  • Florian Ferber ist Redakteur der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter f.ferber@om-online.de.

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