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Frust im Heimatsport: Kein Licht im Lockdown-Tunnel

Auszeit – der Heimatsport im Lockdown: Die neue Serie beschäftigt sich mit den Folgen der Corona-Einschränkungen im Landkreis Vechta. Teil eins: Ein Gespräch über die Lage im Kreissportbund.

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Sport verboten: So wie die Anlage von Amasyaspor Lohne sind auch alle anderen Sportstätten zurzeit gesperrt. Foto: Lünsmann

Sport verboten: So wie die Anlage von Amasyaspor Lohne sind auch alle anderen Sportstätten zurzeit gesperrt. Foto: Lünsmann

Wenn Robin Pahl dieser Tage morgens in sein Büro spaziert, dann hört er: nichts. Kein tiefer Dauerton durch die Laufbänder im TVD-Aktivcenter, keine klirrenden Hantelscheiben, keine prellenden Bälle auf dem Boden der beiden Turnhallen, keine umhertobenden Kinder. Und keiner, der ihm einen abfälligen Spruch über seinen Lieblingsklub Hannover 96 hinterherruft. Sondern einfach nur: Stille. Der Geschäftsführer des Kreissportbundes (KSB) Vechta, dessen Büro sich in der Geschäftsstelle des TV Dinklage – umringt von unzähligen Sport-Räumlichkeiten – befindet, vernimmt im Corona-Lockdown kein angenehmes Grundrauschen. Statt geordnetem Bewegungschaos herrscht in Dinklage genau wie in allen anderen Sportstätten in diesen Tagen gähnende, frustrierende Leere.

So erfährt Robin Pahl die Sorgen der Sportvereine in dieser schwierigen Zeit hautnah. Die großen Ängste der Klubs, deren Vereinsleben komplett zum Erliegen gekommen ist. Dass die Mitglieder nicht wiederkommen. Dass andere Gewohnheiten entstehen. Dass der Sportverein schrumpft. In Teilen hat sich diese Sorge auch schon bewahrheitet: Bis zum erneuten Lockdown im November war der bundesweite Anteil an Vereinen, die Rückgänge oder Zuwächse bei den Mitgliederzahlen verzeichneten, mit 36,6 Prozent bzw. 35,0 Prozent noch ausgeglichen. Inzwischen hat sich der Anteil der Vereine mit sinkenden Mitgliederzahlen auf 44,0 Prozent erhöht; nur 29,0 Prozent der Klubs registrieren Zuwächse.

Zu diesem Ergebnis kam die Studie zur 8. Welle des deutschen Sportentwicklungsberichts, an der sich vom 21. Oktober bis zum 21. Dezember 2020 über 20 000 Sportvereine beteiligt haben. Mit Blick auf die nahe Zukunft malte die Studie ein düsteres Bild. Die Prognose: Jeder zweite Sportverein (52,4 Prozent) erwarte in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohende Lage. Der leitende Professor Christoph Breuer meinte dazu: „Je länger Sportvereine ihrem Zweck nicht nachkommen dürfen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft. Es geht sozialer Kitt verloren, der gerade in einer individualisierten Zuwanderungsgesellschaft von Bedeutung ist.“

Lobt die Kreativität: KSB-Chef Dr. Jürgen Hörstmann. Foto: KSB VechtaLobt die Kreativität: KSB-Chef Dr. Jürgen Hörstmann. Foto: KSB Vechta

Diese Aussage unterstreichen auch die Funktionäre des Kreissportbundes – um das Überleben der Vereine machen sie sich dagegen keine Sorgen. Generell empfinden sie die Lage vor Ort zwar nicht als angenehm, mit Blick auf die etablierten Strukturen und die große Verbundenheit der Sportler zu ihren Vereinen aber auch keineswegs als bedrohlich. „Existenziell haben wir alle überhaupt keine Probleme“, sagt der KSB-Vorsitzende Dr. Jürgen Hörstmann. Das liege insbesondere daran, dass die Solidarität „im Kern sehr hoch“ sei. Heißt: Die Mitglieder im Landkreis Vechta halten ihren Vereinen in der Regel die Treue, auch wenn das Vereinsleben monatelang brach liegt. Zudem seien die meisten Klubs auch sehr kreativ, was coronakonforme Angebote angeht.

Rückgänge gebe es phasenweise dennoch – gerade bei den größeren Vereinen, berichtet Geschäftsführer Pahl. Wie etwa beim TV Dinklage, der als einziger Klub im Landkreis selbst ein Fitnessstudio betreibt. Hier sei der Verlust von Mitgliedern normal – mit dem Unterschied, dass inmitten einer Lockdown-Phase keine Neumitglieder gewonnen werden können. „Je höher die normale Fluktuation ist, desto mehr Rückgänge hast du im Moment“, erklärt Hörstmann.

In einer Videokonferenz des Landessportbundes berichteten einige Vereine kürzlich von Mitgliederschwund um zehn Prozent. So hohe Verluste zeichnen sich in Vechta nicht ab. „Einige haben schon Angst, dass die Mitglieder nicht wiederkommen“, berichtet Hörstmann von seinen Erfahrungen aus Gesprächen mit diversen Vorständlern. Aber gibt es auch Existenzsorgen? „Da ist nichts Gravierendes“, versichert er. Auch Robin Pahl merkt an, dass die Vereine finanziell alle sehr stabil und gesund aufgestellt seien. Auch die Bindung zu den Sponsoren sei weiterhin sehr stark.

Die sorgenvollen Gedanken der Vereinsverantwortlichen kreisen demnach eher um das Vereinsleben. Sie können die leeren Hallen nicht mehr sehen, die ätzende Stille nicht mehr aushalten. Kein lockerer Plausch nach dem Training, kein gemeinsames Biertrinken in der Halle oder am Sportplatz, keine Wettkämpfe – diese bittere Realität macht vielen zu schaffen. „Du hast kein Licht im Tunnel“, klagt Hörstmann, „alle sind im Moment so ein bisschen gefrustet.“ Das große Problem sei: Keiner weiß, wann und wie es weitergeht. Es gibt keinen Stichtag, ab dem der Amateursport den Lockdown hinter sich lassen wird. Stattdessen hangelt man sich von Bund-Länder-Pressekonferenz zu Bund-Länder-Pressekonferenz – und hängt dazwischen in der Schwebe.

Keine Finanz-Sorgen: KSB-Geschäftsführer Robin Pahl. Foto: KSB VechtaKeine Finanz-Sorgen: KSB-Geschäftsführer Robin Pahl. Foto: KSB Vechta

Wenngleich auch Hörstmann vom Wartezustand auf unbestimmte Zeit genervt ist, bleibt sein Blick in die Zukunft positiv. „Das wird sich alles wieder regeln“, sagt er in Bezug auf das Vereinsleben im Landkreis. Der Zusammenhalt sei durch Gemeinschaftsprojekte wie die OV/KSB-Aktion „Sportler gegen Hunger“ riesig, sodass man Krisen durchstehen könne. Und die Vereine seien auch nicht untätig – gerade in puncto Sportstättenbau habe sich vor Ort einiges getan. Zudem sei es beeindruckend zu sehen, was viele Vereine hier vor Ort trotz des Lockdowns auf die Beine stellen – beispielsweise in Form von Online-Angeboten.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass in anderen Bereichen Stillstand herrscht. Vor allem der Gesundheitssport ist hart getroffen. Eine Zukunftsprognose wagt Robin Pahl nicht. Er sagt: „Die langfristigen Folgen kann man nicht abschätzen.“ Ein Vereinssterben schließt er immerhin aus. Trotz bedrückender Stille.

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