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Fienhage krönt sich zum König der Langbahn

Der Traum vom Titel ist wahr geworden: Ein zweiter Platz beim Grand Prix im polnischen Rzeszow reichte dem 21 Jahre alten Brockdorfer zum umjubelten Triumph.

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Neuer Langbahn-Weltmeister: Lukas Fienhage. Fotos: Jesper Veldhuizen

Neuer Langbahn-Weltmeister: Lukas Fienhage. Fotos: Jesper Veldhuizen

Es war kurz vor Mitternacht am Sonntagabend, als Lukas Fienhage ein wenig zur Ruhe kam. Der junge Brockdorfer saß im Kleintransporter auf dem Weg nach Hause. Zwölf Stunden Fahrt lagen vor ihm und seinem Team, von Rzeszow im Südosten Polens bis in die Heimat sind's schließlich rund 1150 Kilometer. Krakau, Kattowitz, Breslau, Görlitz, Dresden, Leipzig, Magdeburg, Hannover – acht Etappen eines langen Trips. Viel Zeit also, um die Ereignisse des packenden Abends Revue passieren zu lassen, um die Glücksgefühle zu sortieren. „Mir fehlen echt die Worte, um das alles zu beschreiben. Ich denke, ich werde das erst in den nächsten Tagen realisieren“, erklärte der 21 Jahre alte Motorradsportler.

Als Fienhage das sagte, hatte er Rzeszow gerade verlassen. Jene 200000-Einwohner-Stadt unweit der Grenzen zur Ukraine und zur Slowakei, in der er zwei Stunden zuvor den bislang größten Triumph seiner Karriere gefeiert hatte. Im „Stadion Miejski w Rzeszowie“ krönte sich der Klubfahrer des AC Vechta erstmals zum Langbahn-Weltmeister. Ein zweiter Platz hinter dem überragenden Dänen Kenneth Kruse Hansen reichte Fienhage, um als neunter deutscher WM-Champion in die Langbahn-Historie einzugehen. Vor drei Wochen hatte er in Morizes den ersten Grand Prix gewonnen.

Der letzte Akt von Rzeszow: Lukas Fienhage (Nr. 125) erwischte im Finale des zweiten WM-Grand-Prix einen schlechten Start, holte dann aber noch Platz zwei. Von links Mathieu Tresarrieu, Zach Wajtknecht, Kenneth Kruse Hansen und Stanislaw Burza.Der letzte Akt von Rzeszow: Lukas Fienhage (Nr. 125) erwischte im Finale des zweiten WM-Grand-Prix einen schlechten Start, holte dann aber noch Platz zwei. Von links Mathieu Tresarrieu, Zach Wajtknecht, Kenneth Kruse Hansen und Stanislaw Burza.

Angereist mit einem Drei-Punkte-Vorsprung auf den Grasbahn-Europameister und früheren Weltmeister Mathieu Tresarrieu aus Frankreich, zog Fienhage in Rzeszow seine Mission „WM-Titel“ in beeindruckender Art und Weise durch. Sein erster Gedanke nach Überqueren der Ziellinie? „Ich hab' mich echt gefragt, wie das noch möglich war“, so Fienhage.

In einem Atemzug mit Müller, Maier, Riss und Barth

Im Finale der fünf besten Fahrer des Abends hatte er den schlechtesten Start. Kruse Hansen flog vorne davon, dahinter positionierten sich der polnische Lokalmatador Stanislaw Burza, Tresarrieu, der Brite Zach Wajtknecht und Fienhage. Für Letzteren war sofort klar: Er musste irgendwie an Tresarrieu vorbei, um WM-Gold nicht zu verlieren. „Am Anfang haben sie mir die Tür zugemacht. Ich hab' überlegt, was ich jetzt tun kann. Ich hatte nur diese eine Chance“, erklärte Fienhage. Er nutzte sie. Der Brockdorfer kassierte zunächst Wajtknecht ein und überholte dann Tresarrieu und Burza.

Die Jagd auf Kruse Hansen, der in Rzeszow sechsmal ans Startband rollte und sechsmal gewann, ersparte sich Fienhage. Er wusste: Platz zwei war Gold wert. „Ich bin total überwältigt, dass es geklappt hat“, sagte Fienhage, der als Weltmeister nun in einem Atemzug mit Größen wie Egon Müller, Karl Maier, Robert Barth oder Gerd Riss genannt wird. „Echt cool, in dieser Reihe zu sein“, meinte der neue Langbahn-Primus.

Die 395 Meter lange Bahn in Rzeszow lag dem Brockdorfer, der im Speedway-Bereich für den MSC Wittstock in der 1. polnischen Liga sowie für den MSC Cloppenburg fährt. In den Vorläufen siegte er dreimal, hinzu kamen ein zweiter und ein dritter Platz. Das erste Halbfinale dominierte er dann im Stile eines Champions, gefolgt von der taktischen Meisterleistung im Endlauf.

"Er ist volle Asche gefahren, klasse."Ex-Weltmeister Robert Barth über den neuen Weltmeister Lukas Fienhage.

„Meine Hochachtung, eine geile Sache, er hat es absolut verdient. Im Finale ist ihm nichts geschenkt worden, er hat es sich erkämpft“, schwärmte Robert Barth und lobte Fienhages Mut und Kalkül: „Er ist volle Asche gefahren, klasse.“ Barth, zwischen 2002 und 2006 viermal Weltmeister, kümmert sich seit Jahren um Fienhages Motoren und gehörte auch in Rzeszow zum Team. Der Memminger ist so etwas wie Fienhages Mentor. „Robert war mein Idol als Kind, ich bin immer mit seiner Mütze rumgelaufen“, erinnerte sich Lukas Fienhage an diverse Gala-Auftritte von Barth im Reiterwaldstadion. Dort hatte er selbst 2005 als Sechsjähriger sein erstes Rennen in der Kids-Klasse absolviert. „Ich bin elendig hinterhergefahren“, so Fienhage.

Ein Hoch auf den neuen Weltmeister: Lukas Fienhage wird direkt nach dem Finale in Rzeszow durch die Luft gewirbelt.Ein Hoch auf den neuen Weltmeister: Lukas Fienhage wird direkt nach dem Finale in Rzeszow durch die Luft gewirbelt.

Apropos Anfänge: In der Stunde des Triumphes dachte Fienhage auch an Heinz Wollering, der über Jahrzehnte als Sportleiter Motorrad eine treibende Kraft im AC Vechta war. „Heinz hat Papa ja quasi dazu gedrängt, dass ich ein Motorrad bekomme. Er hat mich vom ersten Tag an unterstützt. Schade, dass er das jetzt nicht mehr erleben konnte.“ Heinz Wollering war vor einem Jahr, wenige Tage nach der Team-WM 2019 in Vechta, verstorben. Seine Ehefrau Sylvia, Vorsitzende des AC Vechta, verfolgte am Sonntagabend den Livestream des Weltverbandes FIM und war nach dem dramatischen Finallauf den Tränen nahe. Sie sagte: „Ich bin ganz ergriffen. Ich bin so stolz auf Lukas. Wenn mein Heinz das gesehen hätte ...“

Als Lukas Fienhage nach der Siegerehrung im Stadion und einem Interview mit einem polnischen TV-Sender („Zum Glück auf Deutsch“) sein Smartphone anstellte, hatte er „400 Nachrichten bei WhatsApp und Facebook“. Fienhage hofft, „dass der Rummel noch ein bisschen anhält“. Er habe jetzt die Chance, das WM-Gold zu versilbern. Nach der Ankunft in Lohne und einer Nacht im Transporter lagen Fienhages Prioritäten aber erst mal woanders. Er freute sich auf eine „schöne, heiße Dusche“.

Die Top 3 der WM 2020: Von links Kenneth Kruse Hansen, Lukas Fienhage und Mathieu Tresarrieu.Die Top 3 der WM 2020: Von links Kenneth Kruse Hansen, Lukas Fienhage und Mathieu Tresarrieu.

WM-Wertung nach Rennen in Morizes und Rzeszow:

  • 1. Lukas Fienhage (GER) 47 Punkte
  • 2. Kenneth Kruse Hansen (DEN) 37
  • 3. Mathieu Tresarrieu (FRA) 37
  • 4. Zach Wajtknecht (GBR) 32
  • 5. Romano Hummel (NED) 30
  • 6. Theo Pijper (NED) 26
  • 7. James Shanes (GBR) 21
  • 8. Stanislaw Burza (POL) 19
  • 9. Max Dilger (GER) 19
  • 10. Chris Harris (GBR) 18

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