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„Es ist für mich total unverständlich, wie man weiterspielen konnte“

Zweitliga-Profi Oliver Hüsing schreibt über das Eriksen-Drama und die Erhabenheit von zwei Defensivkünstlern. Und er verrät, gegen wen er mal gerne spielen würde.

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Italien und Belgien, zwei Mitfavoriten bei dieser EM, sind souverän ins Turnier gestartet. Aber bevor ich darüber spreche, würde ich gerne noch ein paar Worte über Christian Eriksen verlieren. Man hat gemerkt, wie schnell Fußball zur Nebensache wird. Es hat mich total betroffen gemacht. Es war ganz schlimm, das mitanzusehen – auch die Aktion an sich. Schrecklich.

Es hat mich an mein erstes Herren-Jahr erinnert. Mit der U 23 von Werder war ich zum Regionalliga-Spiel in Wilhelmshaven. Ein Mitspieler von mir ist beim Warmlaufen zusammengebrochen. Er hatte einen epileptischen Anfall, von der Krankheit hat bei uns aber keiner gewusst. Alle waren total geschockt, das war nicht schön. Diese Erfahrung kam mir am Samstag direkt wieder in den Kopf. Da denkst du an alles andere außer ans Fußballspielen. Du kannst danach nicht vernünftig weitermachen, weil es nebensächlich ist.

Daher ist es für mich auch total unverständlich, wie man in Kopenhagen weiterspielen konnte. Das Interview mit dem dänischen Trainer ist mir richtig nahe gegangen, als er mit den Tränen gerungen hat. Ich will gar nicht wissen, was das mit den Spielern gemacht hat. Auch wenn Eriksen wohl gesagt hat, dass weitergespielt werden soll, und es den Mannschaften freigestellt war: Da muss einfach von höherer Instanz kommen, dass es so nicht geht. Ich glaub' nicht, dass das danach noch etwas mit Fußball zu tun hatte. Von den Spielern konnte doch keiner einen klaren Gedanken fassen, sie waren von den Emotionen übermannt.

„Schön, dass Eriksen wieder auf dem Weg der Besserung ist. Das ist das Wichtigste.“EM-Kolumnist Oliver Hüsing.

Außenstehende von der Uefa hätten alle nach Hause schicken müssen, was von außen leicht gesagt ist. Am Tag danach hätte man dann mit klarerem Kopf nachdenken können, was man macht. Und ich bin mir sicher: Die Finnen hätten bei allem mitgemacht. Mit dem Vorschlag Sonntag, 12.00 Uhr, hat es diesen Beigeschmack, dass der Turnierplan fürs Fernsehen durchgepeitscht werden sollte. Es passt leider so ein bisschen ins Bild.

Schön, dass Eriksen wieder auf dem Weg der Besserung ist. Das ist das Wichtigste. Und über alles andere kann man jetzt streiten – auch weil es ihm wieder besser geht. Mir bleiben auf jeden Fall die Wechselgesänge der finnischen und dänischen Fans im Gedächtnis. Auch die Grußbotschaft von Lukaku im Abendspiel war toll. Ich fand's auch bemerkenswert, wie die dänischen Spieler reagiert und einen Kreis um Eriksen gebildet haben, damit die Kameras nicht voll draufhalten.

Aber jetzt zu Italien, auch wenn der Übergang schwer ist. Das Auftaktspiel hat meine EM-Lust gesteigert. Italien ist seiner Favoritenrolle gerecht geworden. Es war mir gar nicht so bewusst, dass sie seit 28 Spielen ungeschlagen sind und dass sie im Olimpico in Rom noch nie ein EM- oder WM-Spiel verloren haben. Sie waren sehr gefestigt und total dominant, mannschaftlich geschlossen, mit einer richtig guten Struktur im Spiel. Ich komme jetzt aber nicht mit dem asymmetrischen Aufbau, da lässt die Generation Laptop-Trainer grüßen. Die Türken waren viel zu defensiv, und hinten raus fehlten einfach die Körner vom ganzen Verteidigen.

Wo wir bei der Verteidigung sind: Bonucci und Chiellini bei den Italienern – für mich ist es immer ein inneres Fest, den beiden zuzusehen. Sie strahlen eine Ruhe und Sicherheit aus, auch eine gewisse Erhabenheit. Gefühlt gibt's keine Stürmerbewegung, die sie noch nicht gesehen haben. Das ist Verteidigen als Lehrbeispiel. Und noch kurz zu Ciro Immobile: Was er in Rom und im Nationalteam macht, ist toll. Ich glaube, da hätten wir Deutschen zu Dortmunder Zeiten nicht mehr dran geglaubt. Das zeigt: Im Fußball gibt's nicht diese eine Wahrheit in der Spielerbewertung.

Bei Belgien fällt mir immer wieder auf, wie viele gute Fußballer sie haben. Das hat man auch gegen Russland gesehen. Sie haben ja nur 11,5 Millionen Einwohner, in etwa so viele wie Moskau. Auch ohne Eden Hazard, der ja später reinkam, Kevin De Bryune und Axel Witsel hatten sie so viel Qualität auf dem Platz. Kein Wunder, dass sie in Belgien von ihrer goldenen Generation sprechen. Ich bin gespannt, wo sie am Ende landen. Russland war sehr bieder, nur lange Bälle. Lukaku war überragend, seine Torquote ist der Wahnsinn. Krass, wie er die Gegner wie Schuljungen aussehen lässt. Das würde mal Spaß machen, gegen ihn zu spielen. Da kann man sich richtig abarbeiten, weil's so ein Büffel ist.

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