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Ein Lebenszeichen als Mutmacher

Rasta Vechtas Klubchef Stefan Niemeyer sagt nach dem ersten Saisonsieg: „Ich hoffe, dass jetzt auch der Letzte in der Mannschaft kapiert hat, was wichtig ist. Endlich war das Team ein Team.“

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Gute Laune auf der Rasta-Bank: Jordan Barnett (links) und Jannes Hundt im Spiel gegen Brose Bamberg. Foto: Schikora

Gute Laune auf der Rasta-Bank: Jordan Barnett (links) und Jannes Hundt im Spiel gegen Brose Bamberg. Foto: Schikora

Die letzten zwei, drei Minuten waren die reinste Quälerei. Stefan Niemeyer hielt es nicht mehr auf seinem Sitzplatz im Oberrang, der Geschäftsführer von Rasta Vechta marschierte am Freitagabend um kurz nach halb neun auf und ab. Die Nerven waren angespannt, der Blutdruck raste. Mit 85:76 hatte Rasta gegen Brose Bamberg geführt – und plötzlich stand es nur noch 85:82. „Ich hab' nur gedacht: Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Jungs, lasst euch das jetzt nicht mehr nehmen“, sagte Niemeyer am Tag danach: „Und ich hab' ernsthaft überlegt, aus der Halle zu gehen. Ich hab's nicht mehr ausgehalten, ich war fix und fertig.“

Rastas Klubchef blieb aber doch im Dome und sah, wie Jean Salumu mit fünf Freiwurf-Punkten in Serie die letzten Zweifel am ersehnten Erfolg ausräumte. 90:82 – der erste Saisonsieg in der 1. Basketball-Bundesliga, die Erlösung nach einem kapitalen Fehlstart mit elf Niederlagen.

Der Erfolg gegen den ehemaligen Serienmeister brachte neue Hoffnung im Abstiegskampf – und bescherte dem Klubchef eine ruhige Nacht. „Endlich hab' ich mal gut geschlafen nach einem Spiel“, sagte Niemeyer. Thomas Päch, Coach des Tabellenletzten, sprach ebenfalls von einer „riesigen Erleichterung“, verbunden mit einer „gewissen Erschöpfung“. Päch meinte: „Die letzten Wochen haben gezehrt. Endlich haben wir es geschafft, uns zu belohnen.“ Der 38-Jährige genoss den sonnigen Samstag mit seiner Familie und stellte erfreut fest: „Die Gedanken kreisen mal nicht um die Frage, was falsch gelaufen ist.“



Es war Rastas drittlängste Negativserie in der BBL, die da am Freitag ein Ende fand. In der Saison 2013/14 verlor das Team von Pat Elzie zwölfmal in Folge und stoppte diese Durststrecke per 106:99 gegen Tübingen. Drei Jahre später waren es gar 17 Niederlagen in Serie, ehe Oldenburg mit 89:76 besiegt wurde. Die damaligen Lebenszeichen kamen am 26. bzw. 30. Spieltag und damit zu spät, um die Saison noch zu retten. Diesmal ist noch genug Zeit, um die Kurve zu kriegen.

„Wir haben jetzt die Chance, uns da rauszuarbeiten“, sagte Päch und ergänzte: „Wir können uns in den nächsten Wochen selbst in eine Position bringen, wo man wieder im Rennen ist.“ Für den Moment dürfe man sich zwar über den ersten Sieg freuen, so Päch: „Aber wir vergessen nicht, wo wir stehen. Die harten Spiele kommen jetzt.“ Bis zum Ende der Hinserie stehen neben dem ungleichen Duell beim Titelverteidiger Alba Berlin (31.1.) noch die vier Big-Point-Partien gegen Gießen (16.1.), in Göttingen (24.1.), gegen Frankfurt (6.2.) und in Chemnitz (10.2.) an.

Auch Niemeyer wünscht sich sehr, dass der Knoten geplatzt ist und weitere Siege folgen. „Ich hoffe, dass jetzt auch der Letzte in der Mannschaft kapiert hat, was wichtig ist. Endlich war das Team ein Team. Und der Sieg sollte den Jungs die Bestätigung geben, dass sie etwas erreichen können, wenn sie es wollen“, erklärte der Klubchef. Die Identifikation mit der Aufgabe, also mit dem Abstiegskampf und dessen Besonderheiten, sei das A und O.

Päch freute sich indes über einen konstanten Auftritt seines Teams. Alle vier Viertel gewonnen zu haben, sei „ein gutes Zeichen“, so der Coach. Allzu oft ist Rasta das in seiner BBL-Historie nicht gelungen; genauer gesagt: Es war erst das fünfte Mal. Mit Ausnahme der 0:11-Serie im dritten Viertel (59:57 nach 59:46) und des kurzen Zitterns auf den letzten Metern wirkte Rasta sehr stabil. „Wir haben uns diesmal nicht beirren lassen“, sagte Päch: „Wir hatten keine Ausfälle, jeder war da.“


BBL-Spiele, in denen Rasta alle vier Viertel gewann

  • 2013/14 gegen Bremerhaven:  20:14, 22:20, 26:20, 21:16
  • 2018/19 gegen Ludwigsburg: 27:23, 28:21, 28:27, 29:21
  • 2018/19 in Frankfurt: 25:24, 18:11, 33:13, 24:22
  • 2019/20 gegen Crailsheim:  26:13, 24:21, 18:14, 27:18
  • 2020/21 gegen Bamberg: 20:19, 19:17, 26:23, 25:23

Jean Salumu, Topscorer mit 25 Punkten, habe der Partie „seinen Stempel aufgedrückt“, erklärte Päch, der auch Kapitän Josh Young (16 Punkte, acht Assists) lobte: „Josh hat diesmal die wichtigen Dreier getroffen.“ Mit Blick auf drei Dreier von Tim Hasbargen, Jordan Barnett und Young mit Ablauf der 24-Sekunden-Uhr ergänzte Niemeyer noch: „Ein bisschen Glück haben wir diesmal auch gehabt.“

Einig waren sich Niemeyer und Päch darin, dass Hasbargen und Robin Christen ein „unglaubliches Spiel“ gemacht haben. Beide hatten großen Anteil an der überragenden Dreier-Quote von Rasta (15/27). Hasbargen traf zweimal von jenseits der 6,75-m-Linie, Christen sogar viermal. „Toll, was die beiden gerade leisten“, sagte der Klubchef. Und der Coach meinte: „Sie sind mit so viel Herz und Emotionen dabei. Sie gehen voran, was man im Vorfeld vielleicht gar nicht so erwarten konnte.“

Seit Freitagabend haben Hasbargen, Christen und Co. einen neuen Teamkollegen. Jesse Hunt soll helfen, die Baustelle auf der Power-Forward-Position zu beheben. Der 23-Jährige, nach Venky Jois der zweite Australier bei Rasta und am Mittwochabend noch für den zypriotischen Spitzenreiter Keravnos Stovolou in der Champions League im Einsatz (67:78 bei Tofas in der Türkei), startete anderthalb Stunden nach der Schlusssirene im Dome seine fünftägige häusliche Isolation. Nach zwei negativen Coronatests darf er ins Training einsteigen.

Rasta hat nun acht Ausländer im Kader, aber nur sechs dürfen spielen. Päch freut sich über den Konkurrenzkampf („Jeder hat Druck, keiner kann sich zurücklehnen“) und hält sich noch alle Optionen offen („Wir werden sehen, wie es läuft“). Er weiß aber auch, dass die Situation „nicht einfach“ ist.

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