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Ein fataler Mangel an Reife und innerer Stärke

Kolumne: WM in der Wüste – Thema: das deutsche Aus in der Gruppenphase.

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Wie beschreibt man die Stimmungslage am Tag danach am besten? Schock ist das richtige Wort. Als in der zweiten Halbzeit die Spielstände plötzlich so waren, dass wir raus sind, fühlte sich das ein bisschen surreal an. Ich hatte, wie so viele andere auch, den festen Glauben daran, dass wir weiterkommen. Dass es nun das dritte Turnier in Folge ist, bei dem wir schlecht abschneiden, ist sehr enttäuschend.

Es nur auf die letzten 20 Minuten gegen Japan zu reduzieren, das Ausscheiden damit zu erklären, ist in meinen Augen nicht richtig, damit würde man es sich viel zu einfach machen. Dann könnte man denken, alles andere drumherum war gut. Und das war es definitiv nicht.

Berechtigterweise wird jetzt über alles gesprochen. Alles wird in Frage gestellt, alles und jeder wird kritisiert und hinterfragt. Das muss auch so sein, dafür ist es Profifußball, und dafür stecken einfach zu viele Emotionen und zu viel Geld drin. Bitte aber auf einer sachlichen Ebene und nach eingehender Analyse.

Der Abend hat mir wieder gezeigt, wie absurd der Fußball sein kann. Wenn wir weitergekommen wären mit diesem Ergebnis, wenn nur andere etwas anderes gemacht hätten, dann gäbe es diese Diskussion nicht. Vielleicht nur zu einem kleinen Teil, weil wir es nach einer Führung wieder haben schleifen lassen. Das alles zeigt, wie der Fußball funktioniert, wie er auch zu Recht funktioniert.

Die Gründe für das Ausscheiden? Da reicht diese Kolumne nicht aus, um in die Tiefe zu gehen. Das würde den Rahmen sprengen. Ich versuche, mich auf das Wesentliche zu beschränken. Gegen Japan und Costa Rica ist deutlich geworden, dass die Mannschaft nicht die Reife und die innere Stärke hat, solche Spiele durchzuziehen. Dass sie dem Gegner gar nicht erst die Chance gibt, ins Spiel zurückzukommen. Am Donnerstag ist es vom reinen Ergebnis her gut gegangen, aber zwischendurch war es wild, die taktische Disziplin ist verloren gegangen. Gefühlt war viel Unsicherheit dabei. Das war für mich der größte Faktor, der auf dem Feld zu beobachten war.

Über die Defensive muss man im Detail sprechen. In drei Spielen, und rechnet man das Oman-Spiel dazu, sind es sogar vier Spiele, hatten wir vier verschiedene Viererketten. Ich weiß aus eigener Erfahrung als Abwehrspieler: Ich habe am liebsten immer die gleichen drei um mich herum, und am besten auch die gleichen Sechser. Abwehrarbeit hat viel mit Automatismen, mit Absprachen zu tun, viel mehr als das Offensivspiel. Im Zweifel habe ich lieber einmal mehr die gleiche Formation, als wieder eine taktische Variante einzustreuen. Für mich steht die Stabilität über allem.

Jetzt wird natürlich auch das große Ganze in Frage gestellt. Für Oliver Bierhoff gab es ja schon kritische Fragen. Ich bin kein Freund davon, es gleich an einzelnen Personen festzumachen. Es ist nie der Einzelne. Aber klar: Man muss nach dem dritten schlechten Turnier in Folge auch über personelle Dinge nachdenken. Generell sollte sich der DFB über seine Herangehensweise und seine Kommunikation Gedanken machen.

Es ist auch deutlich geworden, dass wir auf der Außenverteidiger-Position große Probleme haben, da geht uns die internationale Klasse ab. Aber der größte Faktor ist und bleibt die Reife, diese Konsequenz über 90 Minuten, als Mannschaft und auf einzelnen Positionen. Das haben wir nur gegen die Spanier geschafft. Ein Spiel, das für die Mannschaft sicher am attraktivsten war. Gegen Japan hat uns neben der defensiven Stabilität die fehlende Konsequenz vor dem gegnerischen Tor das Genick gebrochen. Und am Donnerstag auch. Die Chancen, um wie Spanien sieben Tore gegen Costa Rica zu schießen, waren da. Vielleicht wäre es mit Füllkrug von Anfang an anders gelaufen, es gab viele Flanken aus dem Halbfeld.

Ich habe nach dem Spiel eine interessante Statistik gelesen. Wir hatten in der gesamten Vorrunde die meisten kreierten Chancen, die meisten Schüsse aufs Tor und die meisten vergebenen Chancen. Es war nicht alles schlecht, es war lange kein Ausscheiden wie 2018. Aber andere Top-Nationen – wobei, wir sind keine Top-Nation mehr – sind viel effektiver. Brasilien hat in den zwei Spielen keinen Torschuss zugelassen, und das bei ihrem Offensivpersonal. Das ist am Ende erfolgsversprechender als die Torschussstatistiken.

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