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Die Struktur war gut – aber die Durchschlagskraft fehlte

In der dritte Folge der „EURO-Visionen“ schreibt EM-Kolumnist Oliver Hüsing über den deutschen Auftakt. Er hält fest: Von Havertz, Gnabry und Sane kam zu wenig - und Kroos hat's den Kritikern gezeigt.

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Man merkt, dass es jetzt ans Eingemachte geht. Nach dem Spiel ist mir mal wieder an der Berichterstattung aufgefallen, dass es einfacher ist, draufzuhauen und nur das Negative zu sehen. Bei der Analyse ist viel vom Ergebnis abhängig, so ist es halt im Fußball. Klar, es zählen die nackten Ergebnisse. Dem darf man sich nicht verschließen, das gehört einfach dazu. Aber ich bin ein Freund davon, die Leistung an sich zu bewerten. Ich hab' viel Gutes gesehen. Mir hat gefallen, wie Deutschland von Anfang an versucht hat, das Heft in die Hand zu nehmen. Die Struktur im Spiel war gut, sie waren mutig.

Man darf nicht vergessen: Es ist immer schwieriger, das Spiel aktiv zu gestalten, so wie es die Deutschen gemacht haben, als so zu spielen wie Frankreich. Ich hätte mir gewünscht, dass wir noch mehr über die Außen kommen, da war am meisten Raum. Was uns komplett abgegangen ist, war diese Durchschlagskraft im letzten Drittel. Das lag natürlich auch an den Franzosen, die nichts zugelassen haben. Ein Goretzka würde uns da guttun, er geht diese tiefen Wege, rückt immer nach.

Unsere Offensivspieler haben mir nicht gut gefallen. Havertz war zu phlegmatisch, er hätte zwei-, dreimal richtig durchziehen können. Von Gnabry und Müller kam mir zu wenig, von Sane nach seiner Einwechslung auch. Ohnehin sind die Wechsel ziemlich verpufft. Einige Spieler sehen Dinge immer zu verbissen, sie müssen lockerer werden, dazu würde ich mich auch zählen. Andere Spieler neigen dagegen dazu, Dinge zu locker zu sehen. Und das Gefühl hatte ich bei Havertz, Gnabry und Sane. Die Sache noch konsequenter anzugehen – das fehlte mir.

Frühe Gelbe Karte hat Kimmich gehemmt

Bei Kroos war dieser Biss da. Ihm hat man angemerkt, dass er die Kritiker Lügen strafen wollte. Er war stark, defensiv und im Passspiel. Nur seine Standards müssen zwingend besser werden. Gündogan ist dagegen ein bisschen abgefallen. Und zu Kimmich: Die frühe Gelbe Karte war extrem unglücklich und ein absoluter Witz, das war nicht mal ansatzweise Gelb. Ich kenne das: Für mich gibt's kaum etwas Schlimmeres als eine frühe Gelbe Karte. Mein Spiel ist sehr körperlich, das schränkt mich extrem ein. Und Kimmich ist ja auch ein aggressiver Spieler. Er war ein bisschen gehemmt.

Zum Gegentor: Es war eine kleine Fehlerkette, und am Ende kriegt Hummels die Füße nicht richtig geordnet. Als Verteidiger weiß ich: Das kann passieren. In acht von zehn Fällen geht's gut, diesmal nicht. Wenn Tore passieren, bist du als Innenverteidiger zu 90 Prozent in der Nähe. Es gehört dazu, das weiß man. Man darf sich nicht davon runterziehen lassen, das hat Hummels auch nicht getan, er hat ein gutes Spiel gemacht. Unser Trainer sagt immer: Als Verteidiger wirst du an den Dingen gemessen, die du nicht gut gemacht hast. Als Offensiver wirst du anhand der Dinge bewertet, die du gut gemacht hast.

Die Franzosen um Pogba, für mich der Spieler des Spiels, hab' ich nicht so defensiv erwartet, obwohl sie mit dieser Taktik ja Weltmeister geworden sind. Sie waren kompakt und stabil. Sogar ein Ausnahmekönner wie Griezmann grätscht in der eigenen Hälfte einen Gegner ab. Das spricht auch für den Trainer. Es ist nicht einfach, solche Stars dahin zu bringen, sich für die anderen aufzuopfern. Eigentlich Wahnsinn, mit so vielen Weltklasse-Spielern so ein System zu wählen. Aber am Ende des Tages – und da sind wir wieder am Anfang – zählt nur das Ergebnis.

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