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Die schwere Suche nach dem geringsten Übel

Der heimische Fußball schwankt in der Corona-Krise zwischen Saisonabbruch und dem Prinzip Hoffnung. Im englischen Amateurfußball wurden am Wochenende Fakten geschaffen:

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Wann wird wieder gespielt? Der Goldenstedter Angreifer Simon Lübbehusen (links) am 30. November 2019 gegen den Brockdorfer Torwart Jan-Ole Schneppe. Fotos: Schikora

Wann wird wieder gespielt? Der Goldenstedter Angreifer Simon Lübbehusen (links) am 30. November 2019 gegen den Brockdorfer Torwart Jan-Ole Schneppe. Fotos: Schikora

Sollte die Saison im Amateurfußball nach dem Vorbild der Engländer abgebrochen werden? Wenn ja, wie geht man dann mit Auf- und Abstieg um? Was ist das geringste Übel? Wie lange kann man eigentlich noch pausieren? Und ab welchem Zeitpunkt macht eine Rückkehr zum Spielbetrieb überhaupt keinen Sinn mehr? Fragen über Fragen in Zeiten von Corona. Die OV hat sich in der VEC-Fußballszene umgehört.

Henning Rießelmann (Trainer BW Lohne) glaubt fest daran, dass es einen Saisonabbruch geben wird. Das hält der Coach für seine Mannschaft für besonders bitter, da er sie nach drei Siegen in diesem Jahr schon als klarer Spitzenreiter auf Kurs zur Oberliga gesehen hat. „Wir haben 21 Spiele absolviert, wir sind Tabellenführer – wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und können uns nichts vorwerfen“, sagt der 37-Jährige. Man werde aber jede Entscheidung von höherer Stelle akzeptieren. Natürlich sei es im Falle eines Saisonabbruchs schwerer, in der Landesliga wieder bei null anzufangen. „Es wird schwer da rauskommen und schwerer, als in der Oberliga zu bestehen. Da hätte ich uns unter den ersten fünf, sechs Mannschaften gesehen. Aber wir werden wieder angreifen“, kündigt Rießelmann an. Er hat vor zwei Wochen seinen Vertrag bei BWL um ein Jahr verlängert – auch um in der Krise ein positives Zeichen zu setzen. Auch der Kader für die neue Serie steht nahezu fest.

Jan Schockemöhle (Spieler Falke Steinfeld) hält fest: „Ich möchte nicht in der Haut derjenigen stecken, die das entscheiden müssen. Aber ich denke, ein Abbruch der Saison wie in den Amateurklassen in England wäre die einfachste Lösung. Wir stehen auf einem Abstiegsplatz und bekämen so die Chance, es in der nächsten Saison besser zu machen.“ Jan Schockemöhle geht dabei davon aus, dass sein Verein in der Landesliga bleiben will. Der in Vechta auf Lehramt studierende Defensivakteur denkt aber auch an Vereine wie BW Lohne, SC Melle oder Bezirksligist Hansa Friesoythe, die den Aufstieg im Visier hatten: „Die müssen jetzt in den sauren Apfel beißen.“ Eine Alternative wäre es, nur Aufsteiger zuzulassen, mit größeren Staffeln und zusätzlichen Absteigern zu starten – oder deren Zahl auf ein paar Jahre zu strecken. „Wir hätten dann in der Landesliga 21 Mannschaften“, rechnet Schockemöhle hoch. Grundsätzlich fände er es gut, im November/Dezember länger zu spielen, um unbelasteter ins neue Jahr zu gehen.

Norbert Vornhagen (Manager Amasyaspor Lohne) fordert eine Entscheidung, bei der „die Fairness betrachtet wird“. Dass die Saison zu Ende gespielt wird, hält der Motor des Kreisliga-Spitzenreiters für „unmöglich“ – gerade was die Sportplatz- und die Schiedsrichter-Kapazitäten angeht. Vornhagens klare Meinung: Es muss einen Aufsteiger geben, aber keine Absteiger. „Man kann die Saison nicht einfach für nichtig erklären und das alles wegschmeißen“, sagt er. Die höheren Staffelstärken müssten dann seiner Ansicht nach damit aufgefangen werden, dass der Spielbetrieb drei Wochen eher beginnt. Falls das englische Modell doch zur Anwendung komme, werde Amasya nächstes Jahr mit Coach Thomas Schmunkamp einen neuen Anlauf starten. Vornhagen: „Aber es wäre ärgerlich, wenn es so kommt.“

Denkt auch an die Folgen: Der Bakumer Michael Burhorst.Denkt auch an die Folgen: Der Bakumer Michael Burhorst.

Michael Burhorst (Spielertrainer SC Bakum) denkt in der aktuellen Situation nicht so viel an Fußball, eher an die anderen Folgen der Corona-Epidemie. Und doch hat der Spielertrainer des Tabellenvierten der Kreisliga schon viele Gespräche mit Fußballkollegen geführt. Seine Erkenntnis: „Es gibt keine Lösung, die für alle fair ist.“ Er geht aber davon aus, dass die Saison abgebrochen wird und es einen Aufsteiger, aber keine Absteiger geben wird. „Die Saison auf Biegen und Brechen zu Ende zu bringen, wenn bis Ende April nicht gespielt werden kann, macht in meinen Augen keinen Sinn.“ Wirtschaftlich sei ein Abbruch in der Kreisliga auch zu verkraften. „Bei uns geht's nicht wie in der Bundesliga um Verträge oder Sponsoren- und TV-Gelder“, sagt Michael Burhorst.

Stefan Feldhaus (Kapitän Frisia Goldenstedt) hält es für „ausgeschlossen“, dass in den kommenden Wochen eine Lösung gefunden wird, „mit der alle zufrieden sind“. Die Entscheidung sei „sehr schwierig“. Ein Saisonabbruch inklusive Annullierung würde die Frisia nicht besonders hart treffen, als Tabellensiebter liegt Goldenstedt in der Bezirksliga jenseits von Gut und Böse. „Für uns wäre das ja fast egal. Aber für die, die oben stehen und hoch wollen, ist das echt bitter.“ Aber selbst die Aufstiegsfrage sei knifflig. „Die meisten Tabellen sind so schief, da gibt's ja keine Wettbewerbsgleichheit“, so Feldhaus. Er würde es gerne sehen, dass die Saison noch irgendwie beendet wird. Er weiß aber auch: „Irgendwann kann man es nicht mehr durchziehen.“

Bernard Piening (Vorsitzender SW Osterfeine) kann sich gut vorstellen, die Saison Ende Juni oder gar erst im Juli zu beenden: „Uns treibt noch nichts, wir sollten keinen Stress machen und können ruhig noch etwas warten.“ Klar sei aber auch, dass das Zeitfenster irgendwann „zu eng“ ist. Piening hätte Verständnis für einen Abbruch der Saison: „Alle Überlegungen sind legitim.“ Und: „Eine 100-prozentige Lösung wird es nicht geben.“ Grundsätzlich hält er fest: „Aufstieg, Meisterschaft, Klassenerhalt – das alles ist im Moment sekundär. Die Gesundheit steht im Vordergrund.“ Die Sehnsucht nach der Rückkehr zur Normalität ist allerdings auch beim Klubchef des Bezirksliga-Zweiten groß: „Der Sport ist unheimlich wichtig für die Gesellschaft und das Allgemeinwohl. Und es tut mir in der Seele weh, dass auf dem Sportplatz und in der Halle nix los ist.“

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