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Der neue Uli Hoeneß – nicht auf Krawall gebürstet

Kolumne: Kopfball zum großen Kick – Thema: Uli Hoeneß beim Sport1-Doppelpass.

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Am knisternden Lagerfeuer hockte ich in der Jugend, später saß ich am TV-Lagerfeuer der Nation, dem ARD-Tatort. Schimmi, Stöver & Co. mussten sein. Heute herrscht im Hause ein Tatort-Verbot. Abstruse, durchgeknallte Handlungen. Psychisch angeknackste Ermittler, die selbst Problemfälle sind. Nur Börne und Thiel werden geschaut, amüsante Comedy.

Das TV-Lagerfeuer der Fußballfans lodert noch sonntags mit dem Doppelpass im DSF, heute Sport 1. Lief früher bei der Arbeit im Hintergrund, später nicht mehr registriert, irgendwann nicht mehr angestellt. Dass im Doppelpass weitergeredet wurde, erzählten bisweilen einige Hardcore-Kumpels. Die Existenz des Doppelpasses spürte ich aber erst, wenn Uli Hoeneß mal wieder wutentbrannt zum Telefonhörer griff. Seine Giftpfeile rauschten durch den Blätterwald, in den Video-Clips war am anderen Ende der Telefonleitung die Zornesröte in seinem Gesicht zu erahnen. Die neun Bundesliga-Spiele des Wochenendes gerieten zur absoluten Nebensache.

Kein Wunder, dass Sport 1 zum 30-jährigen Bestehen seine Doppelpass-PR-Maschine live-haftig ins Studio holte. Angekündigt als brisanter Top-Gast, bei dem es knallen könnte. Aber zum Re-Start der Bundesliga lieferte Uli Hoeneß nicht, zumindest nicht die erhofften Schimpftiraden, jedenfalls nicht in den ersten zwei der drei Doppelpass-Stunden. Der 71-Jährige wirkte überraschend altersmilde, stoisch in sich ruhend, nachdenklich im Sessel versinkend. Hoeneß fand Völlers Beförderung super, lobte Frankfurt, zog den Hut vor Köln. Wertete Leipzigs Ausgleich nach Kimmichs Mimosen-Fall als korrekt, erhob kurz die Stimme beim unverschämten Abgesang auf Manuel Neuer und äffte sogar witzelnd den Schleichgang seines Bruders Dieter nach dessen Rückkehr aus dem Ski-Urlaub in den 70er Jahren nach. Ja, Uli Hoeneß lachte sogar herzhaft.

Geradezu handzahm, der neue Uli. Er schlug familienfreundliche Nachmittagszeiten für die Testländerspiele bis zur Heim-EM 2024 vor, Freikarten für Kinder, öffentliche Trainingseinheiten. Warum befindet sich die geläuterte Abteilung Attacke nicht in der DFB-Taskforce? Dem Anforderungsprofil des DFB entspricht er mit seinen 71 Jahren allemal. Vorne der Volksheld Rudi Völler, dahinter Uli Hoeneß als Macher – ein Duo für die Ewigkeit.

Natürlich wird jedes Wort des Münchner Ehrenpräsidenten in dieser Sendung in den nächsten Tagen für irgendeine Geschichte irgendwie gedeutet. Aber: Uli Hoeneß nicht auf Krawall gebürstet – da kam der auf drei Stunden aufgeblähte Jubiläums-Doppelpass bei mir am Ende nicht mehr an. Zu zäh dieses Spiel, in dem alles zerredet wird und die Diskussionen sich im Kreise drehen. Zum Mittagessen nur lau Aufgekochtes vom Samstag und den Tagen davor, dazu reine Kaffeesatzleserei von sich selbst beweihräuchernden Fast-Weltstars wie Effe und Basler – kurz vorm Kaffee geriet der Doppelpass endgültig zum Fehlpass. Abpfiff. Das TV-Lagerfeuer des Fußballfans erlosch und lodert bei mir so schnell nicht wieder auf.

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