Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Der Klassenerhalt hat oberste Priorität

Vechtas neuer Coach Thomas Päch spricht im Sonderheft "Rasta 20/21" über die Ziele, den neuformierten Kader, die kurzen Wege in Vechta, das Scheitern in Bonn und einen "riesigen Schock".

Artikel teilen:
Rastas neuer Coach: Thomas Päch. Der 38-Jährige ist Vechtas f��nfter BBL-Trainer nach Pat Elzie (13/14), Andreas Wagner, Doug Spradley (beide 16/17) und Pedro Calles (2018-2020). Foto: Schikora

Rastas neuer Coach: Thomas Päch. Der 38-Jährige ist Vechtas f��nfter BBL-Trainer nach Pat Elzie (13/14), Andreas Wagner, Doug Spradley (beide 16/17) und Pedro Calles (2018-2020). Foto: Schikora

Als beim Mittagstalk auf der Terrasse von Mores Grill, zwischen Kebab-Teller, Falafel und Hähnchenspieß, das Thema Saisonziel auf den Tisch kommt, muss Thomas Päch kurz überlegen. „Es ist schwierig, ein Ziel zu formulieren. Man weiß ja überhaupt nicht, was die Saison so bringt – das gilt in diesem Jahr mehr denn je“, sagt der neue Trainer des Basketball-Bundesligisten Rasta Vechta mit Blick auf die BBL-Spielzeit 2020/21, auf eine Saison im Würgegriff der Coronavirus-Pandemie.

Für Rasta ist es mittlerweile die fünfte Serie im nationalen Oberhaus. Zweimal, als Tabellenletzter 2014 und 2017, ging's fürchterlich schief, zweimal überraschte Rasta positiv, als Halbfinalist 2019 und als Tabellensechster der abgebrochenen Hauptrunde im vergangenen März sorgte der Außenseiter aus dem Oldenburger Münsterland für bundesweite Schlagzeilen. Und nun? Irgendwas in der Mitte? Irgendwas zwischen Playoff-Region und Abstiegszone? Für Rasta gilt in den kommenden Monaten ganz klar „safety first“ – oder um im Bild der Pandemie zu bleiben: Man will die Abstiegsplätze 17 und 18 auf Abstand halten, das hat oberste Priorität. „Erst einmal geht es darum, in der Klasse zu bleiben. Das wäre die Basis für die weitere Entwicklung“, erklärt Päch, der als Nachfolger von Pedro Calles ein schweres Erbe angetreten hat. Der Spanier, den es zu den Hamburg Towers zog, war schließlich der Architekt des Höhenflugs, der Rasta sogar auf die Champions-League-Landkarte brachte.

Der neue Chefcoach, 38 Jahre alt und ausgestattet mit einem Zweijahresvertrag, weiß: In Zeiten von Corona stochern alle irgendwie im Nebel, alle mussten im Sommer den Gürtel enger schnallen und alle müssen vor Ort in einer komplexen Gemengelage über die Runden kommen. „Ich hoffe sehr, dass alles sportlich gelöst werden kann, dass alle gesund bleiben, dass wir diese besondere Situation zusammen meistern“, sagt Päch. Ihm ist klar, dass es Rückschläge geben wird. Garantien gibt's keine, dafür „sehr viele Fragezeichen“, so Päch.

Zwei Neuzugänge und ein Etablierter: Von links Dennis Clifford, Philipp Herkenhoff und Stefan Peno. Clifford kam aus Amerika zu Rasta, Peno von Alba Berlin. Foto: SchikoraZwei Neuzugänge und ein Etablierter: Von links Dennis Clifford, Philipp Herkenhoff und Stefan Peno. Clifford kam aus Amerika zu Rasta, Peno von Alba Berlin. Foto: Schikora

Eine zentrale Frage bei Rasta lautet: Wie schnell findet die neue Mannschaft zueinander? Von den 17 Spielern, die Rasta in der BBL-Hauptrunde 19/20, in der Champions League und beim Finalturnier der Liga in München eingesetzt hat, sind 15 nicht mehr da. Der Aderlass war groß – erst im März, als einige Verträge wegen des ersten Corona-Lockdowns aufgelöst wurden, später dann im Juni/Juli, als weitere Leistungsträger gingen. Der Umbruch, den Päch nun zu meistern hat, ist riesig. Nur Kapitän Josh Young und Philipp Herkenhoff sind nach wie vor dabei. Und Robin Christen, der die komplette Saison 2019/20 mit einer Knieverletzung verpasst hat, feiert sein Comeback. Rasta geht die Saison mit einem 11er-Kader an. Heißt: Acht neue Spieler wurden im Sommer geholt; ein Serbe, ein Belgier, drei Amerikaner und drei Deutsche.

Drei bekannte Gesichter und acht Neuzugänge – das ist eine Parallele zur Saison 2016/17, die, so lautet der Wunsch an der Pariser Straße, kein schlechtes Omen sein soll. Zur Erinnerung: Damals ging der Umbruch total in die Hose, Rasta verlor 30 der 32 Spiele. Das Team war nie ein Team, es zog selten bis gar nicht an einem Strang. Päch ist fest davon überzeugt, dass das diesmal anders sein wird. „Bei den meisten Spielern wussten wir vom ersten Tag an zu 100 Prozent, was wir bekommen. Es ist wichtig, dass man die Spieler kennt, dass man ihnen vertraut. Und das ist absolut der Fall“, sagt Päch. Und er ergänzt noch: „Die Jungs sind total klar im Kopf. Sie haben alle darauf gebrannt, diese Chance zu haben. Sie wollten unbedingt hier sein, das spürt man richtig.“

Spielmacher Stefan Peno und Center Dennis Clifford, zwei der acht Neuzugänge und zwei absolute Fixpunkte im Personalpuzzle, kennt der neue Coach aus der gemeinsamen Zeit bei Alba Berlin. „Wir haben eine gute Verbindung. Ich bin sehr froh, dass sie hier sind“, so Päch. Peno, groß geworden beim FC Barcelona und eine Leihgabe von Alba, sowie Big Man Clifford sollen die Gruppe mit Worten und Taten anführen.

Das gilt natürlich auch für Kapitän Young, der für Päch die „entscheidende Persönlichkeit“ ist. Die Leader-Qualitäten des 32 Jahre alten Amerikaners waren in den beiden so erfolgreichen Vorjahren von zentraler Bedeutung. Päch verriet, dass er nach seiner Amtsübernahme als erstes die Nummer von Young gewählt habe, um für einen Verbleib bei Rasta zu werben. Reichlich Erfahrung bringt auch Jean Salumu mit; der Belgier blickt auf zwei EM-Teilnahmen, 90 Europacup-Spiele sowie diverse nationale Titel mit Ostende zurück. Auch für Philipp Herkenhoff hat Päch eine „größere Rolle“ vorgesehen, er schickt aber gleich hinterher: „Es gibt nichts geschenkt.“

Bereit für den Saisonstart: Rastas Kapitän Josh Young (rechts), hier mit Frankfurts Jon Axel Gudmundsson. Foto: SchikoraBereit für den Saisonstart: Rastas Kapitän Josh Young (rechts), hier mit Frankfurts Jon Axel Gudmundsson. Foto: Schikora

Für Päch spielt in Corona-Zeiten der Kopf eine große Rolle. „Die mentale Stärke wird extrem wichtig sein“, sagt er mit Blick auf die Geisterspiel-Atmosphäre: „Es wird erst mal keine richtigen Heimspiele geben. Man muss die Energie, die nötig ist und die ja oft von den Fans kommt, selbst erzeugen. Und da ist die Gruppendynamik, also jeder Schub von außen, sehr wichtig.“ Vizemeister Ludwigsburg habe beim Finalturnier gezeigt, dass die Energie von der Bank enorm wertvoll sein kann. Auch Rastas Klubchef Stefan Niemeyer hadert mit der Leere im Dome. Die Richtigkeit des Zuschauerverbots in Zeiten extrem hoher Inzidenz-Zahlen zweifelt er nicht an, traurig ist er trotzdem: „Unsere Fans waren immer der sechste Mann und haben uns zu manchen Siegen verholfen. Das brauchen wir eigentlich, denn wir sind nach wie vor ein Underdog.“ In den letzten zwei Jahren gewann Rasta 22 seiner 31 BBL-Heimspiele.

Den letzten Liga-Heimsieg gab es am 29. Februar. Beim 73:72 gegen Gießen trug Jordan Barnett noch das Trikot der Hessen, nun will er für Rasta punkten. Die vier weiteren Neuzugänge kommen alle aus der 2. Liga ProA: Will Vorhees aus Bremerhaven, Tim Hasbargen aus Ehingen, Jannes Hundt von den Artland Dragons sowie Björn Rohwer von Schalke 04. „Sie sind alle extrem hungrig und wollen sich in der BBL beweisen“, sagt Päch über das Quartett.

Für Päch selbst ist Rasta Vechta die große Chance, das „schwere Jahr in Bonn“ vergessen zu machen. Wobei: Es war ja nicht mal ein Jahr am Hardtberg. Anfang Februar, nach nur siebeneinhalb Monaten im Amt und nach der 14. Niederlage im 17. Liga-Spiel, wurde er bei den Telekom Baskets entlassen – die Erfolge in der Champions League, wo Bonn als einziges BBL-Team das Achtelfinale erreichte, halfen nicht. „Ich bin Vechta sehr dankbar für diese Chance. Es ist nicht selbstverständlich. Und ich hatte mich auch auf ein längeres Warten eingestellt“, sagt Päch und berichtet noch: „Es war lange ruhig auf dem Markt. Erst Pedro hat das Ganze ins Rollen gebracht.“ Insgesamt sechs BBL-Klubs präsentierten im Sommer neue Trainer.

Päch gibt sich keinen Illusionen hin. „Ich weiß, in welchem Business ich tätig bin“, sagt er: „Druck ist immer da, darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf, das ist Teil des Jobs. Aber ich weiß natürlich auch: Wenn es hier in die Hose geht, dann bekomme ich vielleicht nicht so schnell wieder eine Chance in der BBL.“ Aus der Bonn-Erfahrung habe er viel gelernt. Er werde „alles reinlegen“, um es besser zu machen.

Dass seine Lebensgefährtin und sein zweijähriger Sohn „daheim im Kiez“, also in Berlin-Schöneberg, geblieben sind, ist eine Konsequenz aus dem verkorksten Bonn-Projekt. „Wir wollen für unseren Sohn ein stabiles Umfeld. Er fühlt sich wohl in der neuen Kita, da wollten wir ihn nicht schon wieder rausreißen“, erklärt Päch. Während der Pre-Season fuhr er in der Regel einmal pro Woche, am freien Tag für das Team, nach Berlin. Während der BBL-Saison dürfte es dagegen häufiger Besuch in Bergstrup geben, wo Päch die Calles-Wohnung übernommen hat. „Dass ich meine Familie nicht hier habe, belastet mich schon. Aber mir ist klar: Ich bin zum Arbeiten hier, und da hänge ich mich voll rein.“ Päch bildet mit Pedro Calles (37), Bonns Igor Jovovic (38), Frankfurts Sebastian Gleim (36) und Crailsheims Tuomas Iisalo (38) das U-40-Quintett in der aktuellen Trainerriege. Und: Päch ist nur einer von fünf deutschen Trainern in der BBL-Saison 2020/21.

Suche nach Co-Trainer dauerte etwas länger

Die Arbeitsbedingungen an der Pariser Straße bezeichnete er als „sensationell“. Und sonst, wie gefällt's dem Berliner auf dem Land? „Richtig gut. Ich fühle mich sehr wohl hier. Ich mag diesen Schlag Menschen, das Grüne, die frische Luft. Es ist ein gutes Leben hier.“ Der Coach genießt vor allem die kurzen Wege, er fährt fast mehr mit dem Rad als mit dem Auto. „Es gibt fast keinen Zeitverlust, in fünf bis zehn Minuten ist man überall da“, berichtet Päch.

Die Suche nach dem passenden Co-Trainer dauerte unterdessen etwas länger. Eigentlich war Päch zügig fündig geworden. Arne Woltmann sollte es sein, „einer der erfahrensten deutschen Co-Trainer, die es gibt“. Der 45-jährige Quakenbrücker hatte auch bereits einen Zweijahresvertrag unterschrieben und seine Arbeit als Nachfolger von Miguel Zapata aufgenommen, ehe er nach gut zwei Wochen um die Auflösung des Kontrakts bat, um in gleicher Funktion zum Euroleague-Team Zalgiris Kaunas wechseln zu können. „Das war schon ein riesiger Schock und ich hab' erstmal ein bisschen gebraucht, um das zu verdauen“, blickt Päch zurück, „aber zum Glück haben wir danach eine richtig gute Lösung gefunden.“

Mitfiebern auf der Bank: Rastas Neuzugänge Jordan Barnett (links) und Jean Salumu. Foto: SchikoraMitfiebern auf der Bank: Rastas Neuzugänge Jordan Barnett (links) und Jean Salumu. Foto: Schikora

Gemeint ist Derrick Allen. Rastas Ex-Kapitän war in der Vorsaison, als der Klub die zusätzliche Europapokal-Belastung hatte, als „2. Assistant Coach“ in den Stab von Calles gekommen. Für einen anderen Trainerposten innerhalb des Vereins gab's im Sommer zunächst keine Einigung, aber als Woltmann wieder absprang, fanden Rasta und der 40 Jahre alte Amerikaner doch noch zueinander. „Ich bin super glücklich mit Derrick als Co-Trainer, er macht das sensationell“, erklärt Päch. Neu im Trainerstab sind zudem NBBL-Coach Marius Graf, der zuletzt das Regionalliga-Team betreut hat, und der neue Athletikcoach Andreas Finsinger, der aus Bamberg kam und die Nachfolge von Frederik Kramp (jetzt Bayreuth) antrat.

Die BBL kennt Päch aus dem Effeff, vor seiner Bonn-Zeit war er fünf Jahre in Trier sowie vier Jahre bei Alba Berlin tätig. Für den Rasta-Coach sind Double-Gewinner Alba Berlin und der entthronte Champion FC Bayern München die ersten Anwärter auf den Meistertitel. „Eigentlich weit vor allen anderen“, wie er betont. Eigentlich? Päch ist gespannt darauf, wie das Topduo die enorme Belastung durch die EuroLeague stemmt. Neben Berlin und München spielen in dieser Saison nur noch Ratiopharm Ulm und Brose Bamberg international, Ulm im EuroCup, Bamberg in der Champions League. In der Vorsaison waren es noch acht BBL-Klubs, die in einem Europacup-Wettbewerb unterwegs waren.

Rasta froh über Europapokal-Verzicht

Rasta hätte auch jetzt wieder durch Europa reisen können, hisste aber gleich die weiße Fahne. „Gut, dass wir unsere Meldung zurückgezogen haben“, sagt Klubchef Niemeyer mit Blick auf die Kosten und die Risiken der vielen Reisen. Volle Konzentration also auf den nationalen Liga-Alltag, denn der wird schwer genug.

Zurück zu Päch und zur BBL. „Oldenburg ist für mich ein klarer Top-3-Kandidat“, sagt er über den Lokalrivalen. Heiße Anwärter für ein Playoff-Ticket seien zudem Ludwigsburg, Bamberg und Ulm, die üblichen Verdächtigen also. Und der Rest? „Ich sehe ein sehr breites Mittelfeld, wo wirklich alles passieren kann“, so Päch. Und weiter: „Es gibt ja einige Teams, die ganz schöne Einbußen beim Etat hatten, was man so hört. Und auf Hamburg bin ich sehr gespannt.“ Den Niners Chemnitz, einziger Neuling im 18er-Feld, traut Päch eine gute Rolle zu.

Mit dem Verlauf der Vorbereitung ist Rastas Coach „generell zufrieden“. Er sagt: „Die Jungs haben gut gearbeitet.“ Mit den verletzungsbedingten Pausen von Rohwer, Salumu, Young, Herkenhoff und Clifford gab's zwar auch einige Störfeuer, für schlaflose Nächte sorgte das jedoch nicht. Nach fünf Testspielen und den drei Pokal-Partien gegen Gießen (99:85), Göttingen (87:99) und Frankfurt (80:89) fühlt sich Rasta bereit für den Liga-Ernstfall. Und der bevorzugte Spielstil? Offensivfeuerwerk und Abwehrbeton? Päch sagt: „Erst einmal geht's darum, die Sachen solide und konstant zu machen. Natürlich wäre es schön, wenn wir es im Laufe der Saison schaffen, schnell zu spielen, wenn wir attackieren und nicht nur zerstören. Es ist ein Entwicklungsprozess.“

Gutes Stichwort: An der Vorbereitung des BBL-Teams nahmen auch Malte Stenzel (22), Kilian Brockhoff (16), Noah Jänen (16) und Martin Kalu (15) teil – vier Talente aus dem Regionalliga- bzw. NBBL-Team. „Es gibt hier eine starke junge Generation, die wir langfristig ranführen wollen. Auch das ist wichtig für die Zukunft“, sagt Päch. Fast so wichtig wie der Klassenerhalt.

  • Info: 56 Seiten im Halbformat: Die Saisonbeilage "Rasta 20/21" ist die ideale Einstimmung auf die neue Spielzeit in der Basketball-Bundesliga. Das Heft gibt's ab sofort im Epaper-Shop.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Der Klassenerhalt hat oberste Priorität - OM online