Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Defensiv okay, aber nach vorne kam nichts

Umfrage zum EM-Start: Die heimischen Experten schwanken zwischen Zuversicht und Pessimismus.

Artikel teilen:
Frust in München: Mats Hummels (rechts) und Timo Werner nach dem EM-Auftaktspiel gegen Frankreich. Foto: dpa / Hangst

Frust in München: Mats Hummels (rechts) und Timo Werner nach dem EM-Auftaktspiel gegen Frankreich. Foto: dpa / Hangst

Über 22 Millionen Zuschauer haben am Dienstagabend im ZDF das Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-EM gesehen. Logisch, dass auch im Oldenburger Münsterland das Interesse am Vorrundenstart groß war. Die OM-Medien-Sportredaktion hat diverse Heimatsport-Vertreter zur 0:1-Niederlage gegen Frankreich befragt. Was war gut? Was passte noch gar nicht? Klappt's noch mit dem Einzug ins Achtelfinale? Wie sieht's mit dem EM-Feeling aus? Diese und weitere Fragen wurden beantwortet.

Mehmet Koc (Spielertrainer beim Fußball-Bezirksligisten SW Osterfeine): „Frankreich hat sehr clever gespielt, sie waren die bessere Mannschaft. Sie haben die Räume besser genutzt und sich auch viel besser bewegt. Und bei aller Qualität im Angriff, die einfach unglaublich ist, waren sie auch in der Defensive sehr stabil. Deutschland hatte in den 90 Minuten ja keine richtige Chance. Da fehlte einfach die Durchschlagskraft im letzten Drittel. Paul Pogba war für mich der überragende Spieler. Er ist in der Vergangenheit ja oft kritisiert worden, aber seine Präsenz ist beeindruckend. Und Kante finde ich auch toll. Einfach stark, wie er die Drecksarbeit für die ganze Mannschaft erledigt.“

Nico Thoben (Landesliga-Fußballer beim SV Bevern): „Das Spiel hat gezeigt, dass wir im Vorfeld schlechter gemacht wurden als wir sind. Man hat gesehen, dass wir mithalten können, Deutschland hatte zum Teil sehr viel Ballbesitz. In der Offensive war es meiner Meinung nach aber insgesamt zu wenig. Eigentlich hatte nur Serge Gnabry eine nennenswerte Chance. Ich denke außerdem, dass Jogi Löw früher hätte wechseln müssen. Leroy Sané und Timo Werner kamen zu spät. Und Kevin Volland als Linksverteidiger zu bringen, fand ich auch nicht sehr glücklich. Insgesamt macht der Auftritt gegen Frankreich aber Mut.“

Kai von der Assen (Kapitän der Tennis-Herren vom Nordliga-Aufsteiger TV Lohne sowie Fußballer beim Landesligisten Falke Steinfeld): „Wir haben verdient verloren, die Franzosen haben ja auch noch zwei Abseitstore gemacht. Bei den deutschen Aktionen im Angriff hat mir irgendwie der Zug zum Tor gefehlt, da hätte ich mir ein bisschen mehr Risiko gewünscht. Defensiv war's in Ordnung; das haben Hummels, Rüdiger und Ginter gut gemacht. Insgesamt war es besser als bei den letzten Auftritten, aber am Ende ist es halt eine Niederlage. Richtiges EM-Fieber hat sich bei mir nicht eingestellt, es läuft so ein bisschen nebenher. Die Fanmeilen fehlen schon irgendwie.“

Armin Beyer (Leichtathletik-Abteilungsleiter beim VfL Löningen): „Wir haben uns gut präsentiert und besser verkauft als vorher gedacht. Frankreich war insgesamt eine Nummer zu groß, obwohl wir nicht viele Chancen zugelassen haben. Die Einstellung der Deutschen stimmte, sie haben gekämpft und alles versucht, letztlich durch das Eigentor aber Pech gehabt. Für die kommenden Spiele macht der Auftakt aber Mut. Weil wir wohl nur als Zweiter oder Dritter weiterkommen, müssen wir im Achtelfinale mit einem starken Gegner rechnen.“

Tina Schwarz (Handballerin beim Drittligisten SFN Vechta): „Wir haben unser Training extra vorverlegt, um das Spiel gucken zu können. Wir waren privat mit einigen aus der Mannschaft zusammen, fast alle sind ja schon geimpft. Es war sehr ärgerlich für Hummels, dass er nicht ein bisschen höher geschossen hat. So war's natürlich kein glücklicher Auftakt für Deutschland. Wir hätten noch lange spielen können und hätten kein Tor geschossen, so sah es jedenfalls aus. Die Lust, das Spiel zu gucken, war schon da, aber die Fanmeilen und die Stimmung vermisse ich schon.“

Silke Hanneken (stellvertretende Vorsitzende Fußballkreis Cloppenburg): „Die knappe Niederlage war aufgrund des Eigentores von Mats Hummels schon ärgerlich, aber auch nicht unverdient. Die Franzosen wirkten insgesamt etwas flotter als wir. Meiner Meinung nach haben wir ganz gut mitgehalten, hatten viele Spielanteile, aber vorne fehlt einfach ein ,Knipser'. Timo Werner und Leroy Sané hätte ich von Anfang an spielen lassen. Gegen Portugal wird es nun schwer. Wir müssen uns steigern, wenn wir gewinnen wollen."

Henry Napierala (Trainer der Bezirksliga-Fußballerinnen von BW Lohne): „Das Ergebnis war erwartungsgemäß. Frankreich ist mit seiner Qualität einfach weit weg. Diese Geschlossenheit war schon beeindruckend. Läuferisch, kämpferisch und auch in der Defensive war's in Ordnung, was die Deutschen gespielt haben, aber nach vorne kam ja gar nichts. Wir müssen uns mit dem Gedanken anfreunden, dass nach der Vorrunde Schluss ist. Wir werden maximal Dritter. Gegen Portugal wird's eng. Und wenn die Ungarn so verteidigen wie in den ersten 80 Minuten gegen Portugal, kommen wir da auch nicht durch. Dieses ganze Tiki-Taka rund um den Strafraum ist vorbei, es geht inzwischen nur überfallartig.“

Nils Goepel (Drittliga-Handballer beim TV Cloppenburg): „Man hat schon gesehen, dass die Franzosen mehr Geschwindigkeit haben – damit hatten wir Probleme. Das liegt natürlich auch daran, dass für Deutschland einige ältere Spieler auflaufen. Alles in allem finde ich aber, dass wir ein Unentschieden verdient gehabt hätten. Das Eigentor war unglücklich und Löw hätte zudem früher wechseln müssen. Im Vergleich zu den Spielen vor der EM war eine deutliche Leistungssteigerung zu erkennen, die Hoffnung auf mehr macht.“

Dennis Jex (Spieler beim Fußball-Kreisligisten RW Visbek): „Die Einstellung war gut und hat mich total überzeugt. Darauf kann man aufbauen. Alle haben extrem gearbeitet. Bestes Beispiel ist für mich Toni Kroos. Er hat gezeigt, dass er auch Zweikämpfe in der Defensive kann. Nach vorne ist uns aber wenig eingefallen. Insgesamt waren wir etwas zu ängstlich, das gilt auch für die Aufstellung. Ich finde, eine Dreierkette passt irgendwie nicht zu Deutschland. Im Mittelfeld fehlte mir ein Zehner oder ein Achter, Müller als Mann hinter den Spitzen wäre ideal. Kroos und Gündogan mussten sich die Bälle viel zu weit hinten abholen. Die Lücke zwischen den beiden Sechsern und der Angriffsreihe war zu groß. So war es leicht für die Franzosen. Ich bin mir aber sicher, dass wir das Achtelfinale erreichen. Ich hoffe, dass wir am Samstag etwas mutiger spielen. Portugal ist auch gut besetzt, aber nicht so gut wie Frankreich. Mit der Einstellung vom Dienstag und etwas mehr Mut wird's klappen.“

Yann Rochet (in Bühren wohnhafter Franzose, früher Motocross-Fahrer): „Wir Franzosen hatten Glück, dass die Deutschen ein Tor für uns geschossen haben. Ich ärgere mich ein bisschen, dass zwei Treffer wegen einer Abseitsstellung nicht anerkannt wurden – denn ich hatte 2:0 getippt. Wir haben sehr gute Einzelspieler wie Kylian Mbappé, aber in den nächsten Spielen kommt es darauf an, noch mehr als Team aufzutreten. Deutschland hat nicht schlecht gespielt, wie ich finde.“

Ludger Hilgefort (Klubchef des SV Carum): „Frankreich war diesen Tick besser, das muss man akzeptieren. Deutschland gegen Frankreich – das ist ja seit Jahrzehnten ein Klassiker. Mal geht's so aus, mal so. Diesmal hatten die Franzosen halt die Nase vorn, sie haben eine ganz starke Truppe. Aber wir waren nicht weit weg, es waren Kleinigkeiten, die gefehlt haben. Was ich mich aber gefragt hab': Warum nimmt man mit Kimmich den besten deutschen Sechser, den wir haben, aus der Mitte raus. Ich finde: Man sollte die Stärken stärken. Aber ob das am Ende entscheidend war, weiß ich nicht. Vieles erinnert mich an Handball. Man spielt immer rund um den Strafraum und nichts passiert. Ich hab' früher mal gelernt: Wenn man ein Tor schießen will, sollte man auch mal draufhalten. Wir reden im Fußball ja immer mehr von Systemen. Für viele Fachbegriffe braucht man ein Lexikon. Uns wird vorgegaukelt, dass alles durchgeplant werden kann. Aber so ist es nicht. Fußball lebt von Unwägbarkeiten. Ich wünsche mir, dass die Spieler einfach mehr Freiheit und Eigenverantwortung bekommen.“

Jetzt neu! Moin Friesoythe! Der wöchentliche Newsletter für die Eisenstadt mit aktuellen News und Informationen. So verpassen Sie nichts mehr. Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach. Jetzt hier anmelden.  

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Defensiv okay, aber nach vorne kam nichts - OM online