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"Das Auftreten der U21 dient als Vorbild"

Zweitliga-Profi Oliver Hüsing (28) aus Bühren spricht im OMonline-Interview über den deutschen Kader für die Fußball-EM - und über seine neue Rolle als EM-Kolumnist.

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Eng dran: Heidenheims Oliver Hüsing (blaues Trikot) im Zweitliga-Duell mit Havard Nielsen von Greuther Fürth. Foto: dpa/Karmann

Eng dran: Heidenheims Oliver Hüsing (blaues Trikot) im Zweitliga-Duell mit Havard Nielsen von Greuther Fürth. Foto: dpa/Karmann

Sommer, Sonne, Strand und Meer: Oliver Hüsing hat die Tage auf Ibiza sehr genossen. Nach einer intensiven Zweitliga-Saison mit dem 1. FC Heidenheim tat es gut, die Akkus wieder aufzuladen, neue Kraft zu tanken. Bevor sich der 28 Jahre alte Fußball-Profi aus Bühren auf seine dritte Spielzeit in Heidenheim vorbereitet, nimmt der Abwehrspieler eine neue Rolle ein – als EM-Kolumnist für OM Medien. Zur Einstimmung gibt's ein großes EM-Interview – und Hüsing verrät dabei, wer für ihn gesetzt ist und welchen Weltklassespieler er nicht unbedingt in der deutschen Startelf sieht.

7:1 gegen Lettland – hat das Schützenfest die persönliche EM-Vorfreude richtig geschürt? So richtig noch nicht, muss ich sagen. Das liegt aber weniger am 7:1, sondern daran, dass generell noch nicht so ein EM-Feeling da ist – so wie früher Panini-Sticker sammeln oder die Deutschland-Fahnen an den Autos. Das liegt sicher auch daran, dass lange Corona war, dass bisher beim Fußball keine Zuschauer in den Stadien waren, auch wenn es jetzt anders sein wird. Aber auch darüber kann man ja streiten. Bei mir persönlich war zuletzt auch viel Fußball. Und was noch dazukommt, ist, dass es nicht an einem Standort ist. Es gibt nicht die große Vorfreude in einem Land, diese Euphorie. Aber: Das 7:1 hat Lust auf mehr gemacht. Es war sehr viel Spielfreude zu erkennen. Es hat echt Spaß gemacht, das Spiel zu gucken.

Macht eine Generalprobe gegen einen Fußball-Zwerg wie Lettland überhaupt Sinn, wenn's danach sofort gegen den Welt- und den Europameister geht? Es macht insofern Sinn, als sich die Mannschaft Selbstvertrauen geholt hat, was extrem wichtig ist in meinen Augen. Am Ende des Tages sind sieben Tore immer noch sieben Tore. Lettland hatte hinten zwei Busse geparkt. Dann ist es auch nicht so einfach, erst mal sieben Tore zu schießen. Als Fußballer freust du dich einfach über jedes Tor, das dir Selbstvertrauen gibt. Und es ist dann am Ende egal, ob es gegen Lettland ist. Eine Generalprobe so zu machen, finde ich total in Ordnung. Und alle wissen ja auch, dass es bei der EM nicht so einfach wird.

Tor für Heidenheim: Oliver Hüsing (Mitte) hat in Osnabrück getroffen - eine Szene vom 22. Spieltag der vergangenen Zweitliga-Saison. Foto: dpaTor für Heidenheim: Oliver Hüsing (Mitte) hat in Osnabrück getroffen - eine Szene vom 22. Spieltag der vergangenen Zweitliga-Saison. Foto: dpa

Schauen wir auf den deutschen EM-Kader. Vermissen Sie einen Spieler? Welche Personalie hat Sie überrascht? Wie ist Ihr Eindruck vom Aufgebot? Eins vorweg: Ich hab' niemanden vermisst, ich finde den Kader sehr gut. Über wen man vielleicht hätte nachdenken können, ist Ridle Baku für die Rechtsverteidiger-Position. Ich finde, er hat eine sehr gute Saison beim VfL Wolfsburg gespielt. Aber gegen Lettland hatte Joachim Löw ja den Plan mit Joshua Kimmich auf der Seite, was ich sehr interessant finde. Ich glaube zwar, dass er im Zentrum noch stärker ist. Aber auch auf der rechten Seite ist er total dominant, und im Zentrum haben wir viele starke Spieler. Ich finde super, dass Löw Müller und Hummels zurückgeholt hat. Es geht darum, die besten Spieler mitzunehmen, und nicht darum, etwas perspektivisch aufzubauen – das ist zwar auch wichtig, aber nicht so entscheidend. Ich finde, wir sind gut aufgestellt. Was natürlich fehlt, ist ein richtiger Stoßstürmer. Das ist nicht neu, aber dafür können ja andere wirbeln. Überraschend war Kevin Volland, ihn hatte ich nicht unbedingt auf dem Zettel. Aber auch das ist irgendwie verdient, weil er in Monaco sehr gut gespielt hat. Und Musiala finde ich sehr interessant. Als Joker kann er richtig wirbeln. Toll, was er auf engstem Raum kann.

Die deutsche Startelf gegen Lettland war mit einem Schnitt von 29 Jahren die älteste Startelf seit 19 Jahren. Ist das Projekt „Jugend forscht“ vorbei? Wenn man das so hört, könnte man das denken. Für mich sollte es, gerade bei so einem Turnier wie der EM, nur darum gehen, die stärkste Elf auf den Platz zu bringen, und nicht auf irgendwelche Potenziale für die Zukunft zu schauen. Deshalb ist das absolut in Ordnung, wie es gerade ist. Ich weiß gerade nicht, mit welchem Altersschnitt die Griechen damals Europameister geworden sind. Die hatten auch ein paar ältere Kollegen dabei.

Die U 21 des DFB hat am Sonntag den EM-Titel geholt. Andere Teams hatten definitiv mehr Talent, aber die deutsche Auswahl hat als Einheit funktioniert. Kann das sogar als Vorbild für die A-Nationalmannschaft dienen? Absolut, zu 100 Prozent. Die U 21 hat auf dem Weg zum Titel Mannschaften geschlagen, die ganz sicher besser besetzt waren. Holland und Portugal hatten auf dem Papier die spannenderen Spieler, was den Marktwert oder die Vita angeht. Aber am Ende treffen halt zwei Mannschaften aufeinander. Da spielt der Teamgeist eine große Rolle, die Mentalität. Wie ist man gewillt, den eigenen Plan durchzusetzen, zu marschieren, zu beißen. Und das haben die Jungs überragend gemacht. Insofern dient das Auftreten der U 21 als Vorbild.

Die deutsche Gruppe ist ja unbestritten schwer, vielleicht sogar die schwerste der EM. Zwei Remis gegen Frankreich und Portugal, ein Sieg gegen Ungarn – könnte die Rechnung aufgehen? Könnte klappen, könnte aber auch schiefgehen. Ich glaube, ein Sieg gegen einen der beiden Großen sollte es schon sein. Es wird nicht einfach, das ist klar. Gerade gegen Frankreich. Wenn man da auf den Kader guckt, das ist schon beeindruckend. Sie haben jemanden wie Upamecano zu Hause gelassen, das sagt ja alles. Sie sind auf jeder Position Weltklasse und doppelt besetzt. Portugal ist ähnlich. Aber noch mal: Die U 21 hat's vorgemacht. Wie müssen uns nicht verstecken.

Kommen wir zur deutschen Abwehr. Sie als Fachmann für die Verhinderung von Gegentoren: Viererkette oder Dreierkette? Ich mag beides. Zuletzt haben wir in Heidenheim viel Viererkette gespielt. Beides hat ja seine Vor- und Nachteile. Jogi Löw wird schon wissen, was er macht. Er sagt ja, dass sich die Mannschaft gerade mit einer Dreier- bzw. Fünferkette wohler fühlt. Da sollte man ihm vertrauen. Mit Hummels und Rüdiger haben wir zwei sehr, sehr gute Spieler für die Kette. Rüdiger war für mich im Champions-League-Finale zusammen mit Kante der stärkste Mann auf dem Platz.

Joshua Kimmich als Sechser im defensiven Mittelfeld oder lieber auf der Außenbahn? Also dadurch, dass Deutschland hinten rechts nicht die absolute Weltklasse zu bieten hat, finde ich die Lösung mit Kimmich nur für das Turnier gesehen und im Sinne der Mannschaft gut. Ich hab's ja schon gesagt: Egal, wo er spielt, er ist dominant. Ich finde, das hilft im Moment rechts mehr, weil wir im Zentrum gut besetzt sind mit Gündogan, Kroos und Goretzka. Es wird spannend, was passiert, wenn Goretzka zurückkommt.

Wäre das Team mit Kroos und Gündogan im Zentrum defensiv stabil genug? Gute Frage. Ganz ehrlich: Ich würde da sehr gerne Goretzka sehen. Und tatsächlich statt Kroos. Gündogan war bei ManCity sehr stark. Klar, Kroos ist auch Weltklasse. Aber ich bleib' dabei: Ich würde im Zentrum gerne Gündogan und Goretzka sehen. Das ist insgesamt sicher die spannendste Frage für das Turnier.

Fehlt noch der Sturm ... Thomas Müller ist für mich gesetzt, ich finde ihn als Typen enorm wichtig. Er ist laut, er coacht, er gibt die Richtung vor. Drumherum ist alles möglich. Wir sind da flexibel, variabel. Wir haben mit Gnabry, Havertz, Sané und Werner viele Spielertypen, die alle viel Tempo haben. Richtig gesetzt ist aber keiner.

Wie verfolgen Sie normalerweise die Spiele bei einer EM oder WM? In Ruhe auf dem Sofa oder lieber erste Reihe Fanmeile? Früher, und die Erinnerungen sind sehr präsent, stand ich tatsächlich erste Reihe Fanmeile. Das war 2006 und total aufregend für mich. Mit den Jahren wurde das weniger. Mittlerweile gucke ich am liebsten ganz entspannt zu Hause und in kleiner Runde, weil mich die Spiele inhaltlich interessieren.

Und in kleiner Runde herrscht dann Ruhe oder geht's hoch her mit einem Sprüche-Feuerwerk? Eher weniger sprechen. Natürlich darf geredet werden, aber es wird nicht alles kommentiert. Mitfiebern ja, aber nicht komplett durchdrehen.

Stichwort kommentieren. Bald geht's los als EM-Kolumnist... Ich freue mich riesig drauf. Es ist total aufregend und spannend für mich, weil ich es zum ersten Mal mache. Ich hoffe, ich biete den Lesern in irgendeiner Form einen Mehrwert. Ich werde die Spiele jetzt noch konzentrierter gucken, das hab' ich schon beim Spiel gegen Lettland gemerkt. Und ich hoffe, dass ich dann fundiert und unterhaltsam meine Eindrücke rüberbringen kann.

Zur Person: Oliver Hüsing

  • Der 28-Jährige, geboren am 17. Februar 1993, stammt aus Bühren. Sein Abitur machte er am Kolleg St. Thomas in Vechta (2011).
  • Bis 2004 spielte er für den BV Bühren. Im Alter von elf Jahren ging er zu Werder Bremen. Dort durchlief er bis 2012 alle U-Teams und feierte im April 2012 sein Profi-Debüt in der 3. Liga.
  • Von 2012 bis 2016 spielte der 1,93 m große Innenverteidiger für Werder II in der Regionalliga Nord und der 3. Liga, unterbrochen von einer halben Saison (Rückserie 14/15) bei Hansa Rostock.
  • Hüsing absolvierte in diesem Zeitraum auch drei Bundesliga-Kurzeinsätze für Werder.
  • In der Saison 2016/17 spielte er für Ferencvaros Budapest in Ungarn, danach zwei Jahre in Rostock (2017 bis 2019).
  • Zur Saison 2019/20 wechselte er zum 1. FC Heidenheim in die 2. Liga, ausgestattet mit einem Vertrag bis 30. Juni 2022. Im Debüt-Jahr absolvierte er 19 Partien. In der Saison 2020/21 folgten 26 weitere Zweitliga-Spiele (zwei Tore), wobei er den Saisonstart nach einer Fuß-Operation verpasste.
  • Im „Kicker“-Ranking 20/21 für die 2. Liga landete Hüsing mit einer Durchschnittsnote von 3,04 auf dem 14. Platz – und das als bester Heidenheimer sowie als zweitbester Abwehrspieler nach Fürths U-21-Europameister David Raum (2. Platz/2,80).
  • Während der EM ist er für OM Medien als Kolumnist tätig. Seine „EURO-Visionen“ erscheinen in der Oldenburgischen Volkszeitung, in der Münsterländischen Tageszeitung sowie bei OMonline.

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