Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Beim TV Dinklage wächst die Missstimmung

Auszeit – der Heimatsport im Lockdown: Teil fünf der Serie thematisiert einen Konflikt zwischen den 24 niedersächsischen Großvereinen und dem Landessportbund. Der TVD plädiert für Öffnungen.

Artikel teilen:
Aufenthalt verboten: Auch Einzelsportler dürfen nicht in die großen Dinklager Hallen. Foto: Lünsmann

Aufenthalt verboten: Auch Einzelsportler dürfen nicht in die großen Dinklager Hallen. Foto: Lünsmann

Es sollte eine gute Botschaft sein, ganz nach dem Motto: Um uns müsst ihr euch keine allzu großen Sorgen machen. Das war die eindeutige Message der Pressemitteilung, die der Landessportbund (LSB) Niedersachsen am 4. Februar mit der Überschrift „Mitglieder bleiben Sportvereinen treu“ in die Welt hinausschickte. Die Bestandserhebung in Niedersachsen hatte zuvor ergeben, dass die Vereine im Jahr 2020 trotz Corona nur 3,7 Prozent ihrer Mitglieder verloren haben – zweifelsohne ein zufriedenstellender Wert. Und doch erzürnte die LSB-Mitteilung diverse Vereinsvertreter, insbesondere die Funktionäre der mitgliederstärksten Klubs des Landes – darunter auch der TV Dinklage mit 4579 Mitgliedern.

Was an der Basis besonders für Kopfschütteln sorgte, war die Schlussfolgerung des LSB-Vorstandsvorsitzenden Reinhard Rawe. Dieser sagte, man könne „nun vorsichtig optimistisch in die kommenden Monate blicken“. Weil sie sich vom Landessportbund nicht repräsentiert fühlen, haben die 24 mitgliederstärksten Vereine Niedersachsens gemeinsam einen offenen Brief an den Verband adressiert und ein „Perspektivpapier zur aktuellen Corona-Lage“ erarbeitet.

Der Konter der 24 Vereine in Richtung LSB: „Nein, wir können nicht einmal vorsichtig optimistisch in die Zukunft blicken.“ Diese Aussage unterstreicht auch Dr. Jürgen Hörstmann, der stellvertretend für den TV Dinklage den offenen Brief unterzeichnet hat.

Keine Menschenseele da: So sieht es aktuell im vereinseigenen Fitnessstudio TVD-Aktivcenter“ aus. Foto: LünsmannKeine Menschenseele da: So sieht es aktuell im vereinseigenen Fitnessstudio „TVD-Aktivcenter“ aus. Foto: Lünsmann

Der TVD-Vorsitzende stört sich vor allem an der fehlenden Perspektive für Lockerungen. „Mir geht's eigentlich weniger ums Geld, wir kommen schon klar“, sagt er. Zwar hat auch der TVD als einziger VEC-Verein, der in Eigenregie ein Fitnessstudio betreibt, mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen: Die Zahl sank 2020 um 8,95 Prozent, was 450 Austritten entspricht. Zudem sind die Mitarbeiter zum zweiten Mal in Kurzarbeit. Hörstmann ist sich hinsichtlich der verlorenen Mitglieder aber sicher: „Die holen wir schon wieder rein.“ Bei größeren Vereinen stehe der Dienstleistungs-Aspekt nun mal mehr im Vordergrund.

Sein Unverständnis äußerte Hörstmann angesichts der Tatsache, dass Individualsport in öffentlichen Hallen verboten ist. „Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund. Da gibt es auch eine Ungleichbehandlung, wenn man bedenkt, dass Tennis erlaubt ist.“ Warum eine Person nicht alleine auf 400 Quadratmetern trainieren dürfe, „muss man uns mal erklären“. Außerdem plädiert er dafür, dass Rehasport in Kleingruppen möglich ist – sowie Kleingruppentraining im Outdoorbereich.

Im Kreise der 24 Großsportvereine liegt der TVD mit seinem Mitgliederschwund im Durchschnitt. Die großen Klubs haben laut der Erhebung des Landessportbunds Rückgänge von etwa acht Prozent zu verzeichnen. Damit haben die zwei Dutzend Vereine zusammen über 11.700 Mitglieder verloren. „Die Gesamtschau mit einem Rückgang von nur 3,7 Prozent versperrt den Blick auf die Riesenprobleme der Großsportvereine“, heißt es im offenen Brief. Dass die Sorgen der Großvereine in der LSB-Mitteilung keine Berücksichtigung finden, sei „mehr als ärgerlich und nicht nachvollziehbar, zumal Ihnen die Situation bekannt ist“.

Die Vereine schreiben weiter, dass sich seit Monaten ein Großteil der hauptamtlichen Mitarbeiter erneut in Kurzarbeit befinde und mit Mehreinnahmen aus zusätzlichen Veranstaltungen auch in diesem Jahr nicht zu rechnen sei; ebenso wenig mit Neueintritten. Daher würden die Mindereinnahmen weiter wachsen – und das bei fehlender Perspektive für den Wiedereinstieg in den Sportbetrieb.

Aus diesem Grund haben die 24 Vereine Hinweise und Handlungsempfehlungen erarbeitet. Das Perspektivpapier umfasst drei Seiten und ist in einzelne Bereiche untergliedert, die im Folgenden vorgestellt werden.

Wirtschaftliche Situation
Für Großsportvereine mit mehreren tausend Mitgliedern, eigenen Vereinsanlagen und hauptamtlichem Personal seien die Herausforderungen in der Corona-Krise ganz andere als bei kleineren Vereinen. Von den staatlichen Hilfen könne man dennoch nur bedingt profitieren. Das Mittel der Kurzarbeit senke zwar die Personalkosten, aber auch die Handlungsfähigkeit zur Krisenbewältigung.

Rückkehr zum Sportbetrieb
Aus der Sicht der 24 Großsportvereine gilt es, die Öffnung in vielen kleinen Schritten – so wie zwischen Mai und September geschehen – zu vermeiden. Man sehne sich zwar nach Öffnungen im Rahmen des Verantwortbaren, „das Staccato aus dem Frühsommer sind wir aber nicht noch einmal in der Lage mitzugehen“, heißt es. Im Zwei-Wochen-Rhythmus die Trainingsorganisation zu ändern, bringe Trainer, Sportler und die Verwaltung an ihre Grenzen.

Die 10-plus-1-Regel
Die Vereine hoffen auf Sonderregeln für Kinder und Jugendliche, die Sport ermöglichen. Bereits der erste Lockdown habe zu einer signifikanten motorischen Verschlechterung geführt. Viele Kinder seien verhaltensauffällig, unbeweglicher und hätten an Gewicht zugenommen. Notwendig und sinnvoll ist laut Perspektivpapier eine 10-plus-1-Regelung. Das hieße: zehn Trainierende, ein Trainer – sowohl indoor als auch outdoor.

Mitgliederzahlen
Die Befürchtung der Vereine: Selbst Mitglieder, die ihrem Klub bisher die Treue hielten und ihre Beiträge zahlten, werden ihre Bereitschaft hierfür nicht endlos aufrechterhalten, wenn der Sport weiterhin im Lockdown verweilt. Weitere Austritte seien die Folge. Und kein Sportverein könne sich eine Sporthalle leisten, wenn sie nicht bespielt werden kann. Auch der Breitensport benötige ein Hilfsprogramm.

Die Forderungen
Ein Forderungskatalog bildet die zweite Hälfte des Perspektivpapiers. Hier pochen die 24 Vereine auf eine „Sonderförderung“ – einen Zuschuss pro verlorenem und nicht gewonnenem Mitglied. Anspruch hätten Vereine, die am 1. Januar 2021 weniger Mitglieder hatten als ein Jahr zuvor. „Für die Dauer von zunächst zwölf Monaten erhält der Verein in 2021 für jedes verlorene Mitglied 60 Euro und jedes nicht hinzugewonnene Mitglied 60 Euro“, so der Vorschlag. Anhand der fünf Vorjahre könne ein durchschnittlicher Mitgliedergewinn ermittelt werden. Die Höhe dieses Ausgleichs-Fonds: sechs Millionen Euro.

Die weiteren Forderungen betreffen die Öffnung des Sportbetriebs. Bis zu einer Inzidenzzahl von 100 soll ab dem 1. März die Sonderöffnung im Outdoorbereich für Kinder und Jugendliche (4 bis 14 Jahre) mit Abstand erlaubt sein; mit der 10-plus-1-Regel. Bei einer Inzidenz unter 35 soll kontaktloses Training in festen Gruppen möglich sein – drinnen wie draußen. Bei festen 2er-Gruppen mit Kontakt. Das sollte laut den 24 Klubs spätestens ab dem 7. März gelten.

LSB-Antwort für TVD nicht zufriedenstellend

Bei einer Inzidenz unter 25 fordern die Vereine die Erlaubnis für den Trainingsbetrieb mit Körperkontakt in festen Gruppen von bis zu 20 Personen. Auch Veranstaltungen sollen möglich sein. Zieldatum: 29. März. Unter dem Wert 10 soll es keine Einschränkungen geben. Außerdem fordern die Vereine, dass Individualsport niemals verboten ist – auch nicht in kommunalen Sport-Einrichtungen.

Der Landessportbund hat auf den offenen Brief zunächst mit einer Mail und am Freitag mit einer Pressemitteilung reagiert. Man lote „Möglichkeiten besserer finanzieller Unterstützungsleistungen“ aus. Der Einsatz für weitere Lockerungen wird in der Mitteilung mit keinem Wort erwähnt. Das kam in Dinklage nicht besonders gut an.


Lesen Sie dazu einen Kommentar von Steffen Lünsmann.

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Beim TV Dinklage wächst die Missstimmung - OM online