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Als ein Lohner den Radcross-Thron eroberte

Im Januar 1997 wurde Fanny Nieberding in Denzlingen Deutscher Meister und wenig später Siebter bei der WM.

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Kurz vor dem Ziel nahm Franz-Josef Nieberding die Hände vom Lenker, streckte die Arme jubelnd in die Luft und lächelte erleichtert – und alle, die dabei waren an diesem kalten Sonntag im Januar 1997 in Denzlingen bei Freiburg, konnten erahnen, welch gewaltiger Druck in diesem Moment von seinen Schultern fiel. Mit 27 Jahren hatte sich der Lohner Radsportler im siebten Anlauf endlich seinen großen Traum erfüllt: Deutscher Meister im Radcross.

„Ich war in dem Jahr der Favorit“, gibt „Fanny“ Nieberding im Rückblick zu – eine Rolle, die auch zur Last werden kann: „Ich hatte Zugriff auf meinen ersten Titel. Da ist man schon ein bisschen angefixt.“ Und dann war da noch diese leidige Erinnerung an das Jahr 1992 und die Deutsche Meisterschaft in Aachen: „Da habe ich in der Nacht vorher nicht eine Minute geschlafen, weil in meinem Hotel im Stockwerk unter mir eine richtig große Hochzeitsfeier stattfand“, erinnert sich Nieberding. Nach Denzlingen reiste er daher schon zwei Tage vorher an. Doch nach einer unruhigen ersten Nacht wechselte er sein Quartier und zog in eine ruhige Pension im nahen Glottertal. Eine kluge Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. „Da habe ich geschlafen wie ein Murmeltier“, berichtet der heute 50-Jährige: „Und im Hotel, in dem meine Frau wohnte und in das ich eigentlich ziehen wollte, gab es mitten in der Nacht einen Feueralarm – das ist nicht gelogen.“

Tags drauf ging der Lohner somit ausgeschlafen an den Start. Dennoch wurde das Rennen zu einer Zitterpartie. „Es war sauglatt, aber ich fand das gut“, sagt er. Dafür bereitete ihm die richtige Taktik Kopfzerbrechen. Nieberding bildete gemeinsam mit Tobias Nestle (Ludwigsburg) und Marc-Timo Weichert (Wangen) ein Spitzentrio. Und von den Experten am Streckenrand kamen unterschiedliche Empfehlungen. „Mein Trainer Eddy Trifonidis rief: Ruhig, warte ab! Und Rolf Wolfshohl rief: Junge, du musst attackieren!“ Doch erst kurz vor Beginn der letzten Runde nutzte „Fanny“ eine schwierige Passage, um anzutreten und seine Mitstreiter abzuhängen. Im Ziel hatte er dann 15 Sekunden Vorsprung auf Tobias Nestle und 22 Sekunden auf Marc-Timo Weichert. Ein kleines Polster, aber kein beruhigendes. Ein einziger Sturz, und der Traum vom Titel wäre wohl ausgeträumt gewesen.

So aber konnte Nieberding im Ziel überglücklich seine Frau Marion in den Arm nehmen. Zu den ersten Gratulanten gehörte auch Heiner Hannöver, der Gründer und langjährige Vorsitzende der RSG Lohne-Vechta, Nieberdings Verein. „Er hat sich gefreut, dass einer aus seinem Verein das geschafft hatte“, erinnert sich Nieberding. Er ist dem langjährigenMotor der RSG immer noch dankbar. „Was Heiner alles mit uns gemacht hat damals in der Jugend – das war schon außergewöhnlich.“

Eine Woche nach der DM in Denzlingen krönte Fanny Nieberding die beste Saison seines Lebens mit einem überragenden siebten Platz bei der Weltmeisterschaft in München. Ein Jahr später musste er sich bei der DM in Trier mit Rang drei begnügen. „Da hatte ich im Dezember noch eine Salmonellenvergiftung gehabt und in 36 Stunden sechs Kilo verloren. Da fehlte mir einfach die Konstanz“, blickt er heute zurück.

Anschließend zog er sich aus dem Wettkampfgeschehen zurück und konzentrierte sich ganz auf sein Zweiradgeschäft in Lohne, das er kurz zuvor übernommen hatte und das er heute noch mit Leidenschaft betreibt. Und auf seine Familie, zu der neben seiner Frau Marion auch die Kinder Malte (heute 24) und Franziska (21) gehören.

Bei der Arbeit: Fanny Nieberding in seinem Zweiradgeschäft in Lohne. Foto: BröringBei der Arbeit: Fanny Nieberding in seinem Zweiradgeschäft in Lohne. Foto: Bröring

Vom Renngeschehen hielt er sich lange fern, auch um sich selbst zu schützen. „Wenn du wieder fährst, wirst du immer an dem gemessen, was du mal gemacht hast – auch wenn du 80 bist“, erklärt er. 2005 stieg er dann doch wieder aufs Rad – und bewies allen Zweiflern und Kritikern, dass er es doch noch konnte. Beim Heimrennen um den Aussichtsturm in Lohne feierte er vor zahlreichen Zuschauern ein umjubeltes Comeback. Nur der Hamburger Profi Johannes Sickmüller war am Ende etwas schneller als er. „Das war das geilste, das emotionalste Rennen, das ich je gefahren bin“, berichtet der Lohner. Wenig später krönte er sein Comeback bei der DM in Hamburg mit einem weiteren dritten Platz.

2016 wollte Nieberding dann in der Seniorenklasse erneut ein Comeback versuchen, doch nach einem Trainingssturz, bei dem er sich eine Rippe brach, legte er diese Pläne ad acta.

Rennrad fährt der Lohner immer noch. „Zwei- bis dreimal die Woche, im Sommer auch öfter“, sagt er. Und einmal im Jahr fährt er zum Trainieren ins italienische Livigno – 2019 erfolgte sogar die Anreise mit dem Rad. Ein weiteres Renncomeback schließt er vorerst aus. „Aber ich laufe viel“, sagt er: „Vielleicht stehe ich ja mal beim Mühlener Silvesterlauf am Start.“

Beruflich ist Fanny Nieberding mit seinem Geschäft ausgelastet – auch wenn er derzeit unter der Corona-Krise leidet. Das Geschäft ist vorübergehend geschlossen, doch der Werkstattbetrieb geht weiter. „Der Laden läuft gut. Die Fahrradbranche erlebt im Moment eine gute Phase durch die E-Bikes“, sagt er. Vor schlaflosen Nächten muss er sich also nicht mehr fürchten. Das war 1997 noch anders.

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