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"Tu veux danser?": Mein französisches Tanztrauma

Kolumne: Das Leben als Ernstfall: Beim Schüleraustausch in Frankreich geriet ich in Extremsituationen.

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Tagebuch schreibe ich nur in Extremsituationen – wie während des Schüleraustausches 1995 und 1998 in Frankreich. Neulich, beim Aufräumen, fielen mir die krakeligen Zeugnisse der Vergangenheit wieder in die Hände. Und sofort waren die Erinnerungen da – nicht nur die guten. Denn, um ehrlich zu sein, ziemlich beste Freunde sind meine Austauschschüler Vincent (1995), Erik (1998) und ich nicht geworden. Unser Verhältnis war eher comme ci comme ça, ihr und mein Beitrag zur Völkerverständigung überschaubar. Es sei denn, Schweigen zählt auch. Denn vorweg sei angemerkt, dass ich bis heute mit dem Französischen auf Kriegsfuß stehe. Nicht nur accent aigu, accent grave und accent circonflexe haben mir beim Vokabeln pauken einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Aber gut, in den 90ern Bestand für mich noch Hoffnung. Und wenn ich heute die handgeschriebenen Einträge in meinem Notizbuch lese vom Juni 1998, wenige Tage bevor Deutschland bei der Fußball-WM in Frankreich sang- und klanglos 0:3 im Viertelfinale gegen Kroatien scheiterte, fallen vor allem zwei Sachen auf. Zum einen beschreibe ich fast nur das Aussehen und Verhalten meiner Gastfamilie aus der Nähe von Orsay, einer Kleinstadt, 30 Kilometer süd-südwestlich vom Pariser Zentrum – sogar das "Auditoilette" (gemeint war wohl Eau de Toilette, so viel zu meinen Französischkenntnissen) des Vaters. Außerdem lag der Fokus meiner Beobachtungen auf dem Essen. Kulinarisches Highlight aus der Schulkantine: aufgetaute Tintenfischringe an zermatschtem Rosenkohl. Auf diese Kombi muss man erst mal kommen im Land der Haute Cuisine.

"Was hätte ich drum gegeben, ihnen verständlich zu machen, dass Klammerblues mit über 1,90 Meter Körpergröße albern aussieht."Florian Ferber

Der wahre "Höhepunkt" – neben Besuch von Eiffelturm, Louvre, Notre Dame, Disneyland und einer Fahrt durch den Pariser Tunnel Pont de l’Alma an Unglückspfeiler 13 vorbei, wo Lady Di(e) 1997 zu Tode kam – wartete am 20. Juni 1998 auf mich. Abends stieg la boum, die Fete, mit mir und einem weiteren deutschen Leidensgenossen als special guests – nur ohne Partygirl Sophie Marceau. Es wurden qualvolle Stunden. Eine Frage brannte sich an diesem Abend für immer in mein Gedächtnis: "Tu veux danser?", "Möchtest du tanzen?", gestellt der Reihe nach von allen Mädchen im Raum. Nicht einmal, mehrfach. Was hätte ich drum gegeben, ihnen verständlich zu machen, dass Klammerblues mit über 1,90 Meter Körpergröße albern aussieht. Aber words don’t come easy.

Salami-Baguettes landen im Garten

Beim Schüleraustausch drei Jahre zuvor, auch in der Nähe von Orsay – übrigens Brigitte Bardot soll dort mal gebadet und der Vater von Jean-Paul Belmondo einen Weinhandel betrieben haben – geriet ich ebenfalls in eine prekäre Situation – diesmal aber rein selbst verschuldet. Meine überfürsorgliche Gastmutter packte mir jeden Morgen ein Lunchpaket, belegte aber die obligatorischen Baguettes stets mit einer widerlich-roten, von Fettaugen durchzogenen Salami. Ich wollte nicht undankbar sein und nahm sie mit einem "Merci" entgegen. Da ich aber versäumte, den Proviant unterwegs zu entsorgen, hatte ich irgendwann mehrere von den Dingern in meinem Rucksack. Kurz vor Ende des Besuches war die Verzweiflung so groß, dass ich sie aus dem Fenster im Badezimmer in den Garten geworfen habe. Das blieb natürlich nicht lange unentdeckt und sorgte für reichlich Verwirrung. Man war aber wohl zu höflich, mich darauf anzusprechen. Zum Glück, denn ich hätte nicht gewusst, wie ich das erklären sollte.

Jetzt fragen Sie sich womöglich, wie sich die beiden Austauschschüler bei mir geschlagen haben. Nun, das wäre vielleicht Stoff für eine neue Kolumne. So viel sei an dieser Stelle verraten: Vincent schossen bei einem Essen Tränen in die Augen. Nicht wegen Heimweh. Die Knoblauchsauce im Döner war ihm zu scharf.

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