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Technische Präzisionsmeisterwerke

Der Cloppenburger Wolfgang Hagemann sammelt, restauriert und fährt Rennräder.

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Wolfgang Hagemanns Augen glänzen vor Begeisterung, wenn er über Rennräder und die dahinter stehende Handwerkskunst, Technik und das Design redet. Gerne schwingt er sich in auch in entsprechender Montur auf die historischen Bikes und tritt kräftig in die Pedale. Der 58-jährige ehemalige Motorradfahrer liebt die Geschwindigkeit und versteht es seine Zuhörer nicht mit technischen Details zu erschlagen, sondern zu faszinieren und ihnen eine ganz neue Perspektive auf Rennräder zu vermitteln.


Der Artikel ist in der neuen Ausgabe der Promenade erschienen. Jetzt erhältlich.


Beispiel gefällig? Kein Problem: Rennfahrer müssten heute, im Vergleich zu den 1970er Jahren, bei der Tour de France mit ihren Rennmaschinen drei Prozent weniger Kraft ausüben. Über die gesamte Tour gesehen bedeute dies eine Zeitersparnis von etwa sieben Stunden, rechnet Hagemann vor.

Wolfgang Hagemann kommt beinahe etwas ehrfürchtig auf Tullio Campagnolo zu sprechen. Der Italiener war Rennradfahrer, Erfinder und Gründer des gleichnamigen Fahrradkomponentenherstellers. „Ihm verdanken wir den Schnellspanner“, sagt Wolfgang Hagemann und kommt dann auf die Super-Rekord-Schaltung zu sprechen. Sie sei die Krönung der „Friktionsschaltung“ gewesen. Hier musste der Fahrer nach Gefühl schalten, im Gegensatz zur „Positionierungsschaltung“, wo der Fahrer nur den Gang „einrasten“ lassen musste. Die Super-Rekord-Schaltung von Campagnolo oder „campa“, wie Kenner die Firma nennen, war gleichzeitig der Höhepunkt und das Ende der klassischen Schaltung. Die Faszination von Wolfgang Hagemann ist nahezu mit Händen greifbar und wirkt direkt ansteckend. Jeder Sammler wird die Liebe zum Detail und den kontinuierlichen Forscherdrang nachvollziehen können. Neugier und Wissensdurst machen den Rennradliebhaber beinahe zu einer wandelnden Enzyklopädie – wohlgemerkt für die Siebziger- und Achtzigerjahre.


„Ich würde das am ehesten mit der Arbeitsweise eines Bildhauers vergleichen.“Wolfgang Hagemann

Der Cloppenburger nennt aktuell etwa 70 Rennräder sein eigen. Nahezu alle in mühevoller und penibler Arbeit restauriert. Da kommen schon einmal 60 Arbeitsstunden pro Renner zusammen. Dabei orientiert er sich entweder an einem historischen Originalzustand – wie beim Straßenrennrad von Wolfgang Lötzsch, dem „Jahrhunderttalent“ aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR, existierte von 1949 bis 1990) – oder er lässt seiner Kreativität freien Lauf und baut um den historischen Rahmen ein passendes Rennrad auf. „Ich würde das am ehesten mit der Arbeitsweise eines Bildhauers vergleichen“, überlegt Wolfgang Hagemann.

Seine Sammlung verteilt sich auf sein gesamtes Haus – überall hängen, stehen oder liegen Rennräder oder Einzelteile. Trotzdem merkt man an jeder Ecke die Wertschätzung und Sorgfalt, die diesen historischen Stücken entgegengebracht wird.

Seine Rennräder stehen aber nicht in Vitrinen, sondern werden von ihm auch genutzt. „Ich fahre sie viel und gerne“, berichtet der Unternehmer. Es seien alles Oberklassemaschinen, die sich „fantastisch fahren lassen.“ Seine Freunde schlagen schon einmal vor: „Lass uns doch einmal Rennmaschinen ausfahren.“

Seine kostbaren Schätze hat er bereits des Öfteren in Bremen oder etwa in Cloppenburg ausgestellt. „Das bereitet mir eine riesige Freude“, sagt der 58-Jährige über die dabei geführten Gespräche. Er liebt die Handwerkskunst und ist immer wieder fasziniert von der genialen Einfachheit manch einer technischen Entwicklung im Rennradbereich. Er ist zudem ein großer Fan der Bauhausphilosophie und meint „beim Rennrad hat alles eine Funktion“. Dies sei sehr gut an einem „Rennrad mit der klassischen Optik aus der Eddy-Merckx-Ära“ zu sehen. Diese Ära zeichnete sich durch eine Reduzierung auf das Notwendigste aus und die komplette Technik war dabei sichtbar. Form und Funktion sind in dieser Hinsicht wichtige Elemente für Wolfgang Hagemann. „Form follows function“ – dieser Gestaltungsgrundsatz des amerikanischen Architekten Louis Henry Sullivan wurde erstmals vom Bauhaus konsequent angewendet und ist auch für Hagemann ein Leitbild. „Die Technik kann unfassbar ästhetisch sein“, meint Hagemann. Bestimmte Rennräder seien „technische Präzisionsmeisterwerke“. Das ist auch einer der Gründe warum er bei seinen Restaurationen versucht, das Rennrad wieder so aufzubauen, wie es ursprünglich vom Konstrukteur gedacht war.

Neuerwerbungen werden erst einmal mit normalem Seifenwasser gereinigt. Für die glänzenden Metallteile verwendet er Diesel, damit könne man gut Fette lösen. Nach dem Waschen kommen Fahrradpflegemittel zum Einsatz. Auf keinen Fall verwendet er Schmirgelpapier oder eine Drahtbürste. Bis zum letzten Lager oder Kugel wird alles zerlegt. „Die größte Freude für mich ist es, nach der gelungenen Restauration auf das Rad zu steigen und es dann so richtig auszufahren“, erzählt der renommierte Sammler.

Es sei immer schwer die eigene Sammlung einzuschätzen, aber laut Wolfgang Hagemann zählen Kenner seine zu den fünf bedeutendsten in Deutschland. Wie nahezu jeden Sammler treibt auch den kreativen Kopf aus Cloppenburg die Zukunft seiner Rennräder um. Den Traum von einem eigenen Museum trägt er durchaus in sich, aber konkrete Pläne gibt es noch nicht. Aber möglich ist alles. Erfahrung konnte der kenntnisreiche Sammler bereits durch die Mitarbeit an zwei Sonderausstellungen („Fahrtwind“ und „Höchste Eisenbahn“) im Museumsdorf Cloppenburg erwerben.

Die größte Freude für mich ist es, nach der gelungenen Restauration auf das Rad zu steigen und es dann so richtig auszufahren“.
Christoph Heinzel
Die Technik kann unfassbar ästhetisch sein“, meint Hagemann. Bestimmte Rennräder seien technische Präzisionsmeisterwerke“.
Christoph Heinzel
Technische Präzisionsmeisterwerke
Christoph Heinzel
Technische Präzisionsmeisterwerke
Christoph Heinzel
Technische Präzisionsmeisterwerke
Christoph Heinzel
Technische Präzisionsmeisterwerke
Christoph Heinzel

Der Artikel ist in der neuen Ausgabe der Promenade erschienen. Jetzt erhältlich.


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