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Petri Unheil: Die gefährliche Schatzsuche mit der Magnetangel

Das Angeln mit Magneten in Gewässern ist laut Behörden während der Pandemie ein beliebtes Hobby geworden. Doch dabei werden auch immer wieder gefährliche Munitionsreste aus dem Wasser gefischt.

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Symbolfoto: dpa

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Sie sind auf der Suche nach alten Münzen, mittelalterlichen Waffen oder auch versenktem Diebesgut wie Tresoren: Immer mehr Menschen in Niedersachsen ziehen dazu mit sogenannten Magnetangeln auf «Schatzsuche» in Flüssen, Kanälen und Binnengewässern. Doch dieser Trend ist gefährlich. «Unsere Flüsse und Binnengewässer sind voll mit Munition», sagt Marcus Rausch, Sprengmeister beim Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD) Niedersachsen. Da die Zahl der Magnetangler wachse, würden zuletzt auch immer mehr Funde von Kriegswaffen, Granaten und Bomben-Blindgängern gemeldet - das bedeutet mehr Einsätze für die Kampfmittelexperten.

Kampfmittelräumer haben ein neues Problem bekommen

«Wir haben in den vergangenen Jahren eine extreme Häufung von Funden, von nicht fachkundigem Personal», berichtet Rausch und meint damit insbesondere Magnetangler und auch Sondengänger, die mit Metallsonden losziehen. Früher seien die Kampfmittelexperten von Privatleuten vor allem gerufen worden, wenn Munitionsreste auf alten Dachböden oder in Gärten gefunden wurden. Das seien eher Einzelfälle gewesen. Nun seien es im Schnitt ein bis zwei Einsätze pro Woche, bei denen die Experten zu Funden von Magnetanglern und Sondengängern ausrücken müssen. «Uns ist das Lachen da vergangen», sagt Rausch. Für die Kampfmittelräumer habe sich durch die Hobby-Sucher ein neues Problemfeld aufgetan.

Beim sogenannten Magnetangeln werden spezielle Magnete an einer Schnur oder einem Tau befestigt und in Gewässer geworfen. Indem die Magnete langsam durch das Wasser gezogen werden, bleiben magnetische Teile haften und werden so aus dem Wasser gefischt. Die etwa Handteller großen Magnete haben eine Tragkraft zwischen 400 und 800 Kilogramm, so dass auch massive Gegenstände, wie etwa Tresore oder Fahrräder geborgen werden können - oder eben Munitionsreste.

Bußgeld kann bis zu 250.000 Euro betragen

Doch einfach mit einer Magnetangel oder auch einer Metallsonde losziehen und suchen, ist in Niedersachsen nicht erlaubt. Die gezielte Suche nach Kampfmitteln ist sowieso verboten und nur Fachpersonal vorbehalten. Wer nach Kulturdenkmälern mit technischen Hilfsmitteln suchen will, brauche die Genehmigung einer unteren Denkmalschutzbehörde oder des Wissenschaftsministeriums, erklärt Arnd Hüneke, Justiziar beim Landesdenkmalamt. Selbst wer bei der Suche nicht gezielt auf Kulturdenkmäler aus sei, sei von der Regelung eingeschlossen. Es reiche bereits, billigend in Kauf zu nehmen, bei der Suche auf Kulturdenkmäler stoßen zu können, erklärt Hüneke die Rechtsprechung. «Wenn Sie so eine Genehmigung nicht haben, kann ihnen ein Bußgeld von bis zu 250.000 Euro in Niedersachsen drohen.»

Das Landesdenkmalamt bietet seit 2012 Kurse an, über die Hobby-Sucher eine solche Genehmigung erhalten können. Zunächst habe der Fokus auf Metallsonden gelegen, in den vergangenen Jahren sei aber das Magnetangeln immer gefragter geworden, berichtet Landesarchäologe Henning Haßmann. Die Kurse bestehen aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Mit einer Teilnahmebescheinigung können Metallangler und Sondengänger dann eine Genehmigung bei den Behörden beantragen, die zeitlich und räumlich befristet ist.

Magnetangeln wird in der Pandemie zur Freizeitbeschäftigung

Mittlerweile seien so rund 1000 Interessierte in den Kursen geschult worden - etwa zwei Drittel davon sollen mit Genehmigungen unterwegs sein, schätzt Haßmann. Natürlich gebe es auch noch eine Dunkelziffer. Allein in diesem Jahr war die Nachfrage so groß, dass das Denkmalamt coronabedingt Online-Kurse anbot. «Tatsächlich sind die Zahlen der Interessierten in die Höhe geschossen», berichtet Haßmann. Im Frühjahr seien etwa 300 Menschen geschult worden, sonst gebe es ein bis zwei Kurse pro Jahr mit deutlich unter 100 Teilnehmern.

Die gestiegene Nachfrage führen die Experten auch auf die Pandemie zurück. Da viele durch Kurzarbeit und Homeoffice mehr Zeit gehabt hätten, sei auch das Interesse für neue Hobbys wie das Magnetangeln entwickelt worden. Es sei die Verbindung aus Technik, Abenteuerlust und Draußensein in der Natur, was viele reize, erzählt Haßmann.

"Diese Geräte können ja nicht unterscheiden, ob man ein verrostetes Fahrrad aus dem Wasser zieht oder eine Handgranate."Henning Haßmann, Landesarchäologe

Das Kurssystem habe sich aus Sicht des Denkmalamtes «gut bewährt». So könne zum einen illegalen Schatzsuchen und der Plünderei von Bodendenkmälern vorgebeugt werden, zum anderen könne so aber in den Kursen auch für die Gefahren durch Kampfmittel etwa beim Magnetangeln sensibilisiert werden. «Diese Geräte können ja nicht unterscheiden, ob man ein verrostetes Fahrrad aus dem Wasser zieht oder eine Handgranate oder ähnliches», sagt Haßmann.

Sprengmeister Rausch gibt in den Kursen selbst Empfehlungen. Bei einem Verdacht gelte: «Nicht daran herumhantieren, sondern direkt zum Telefon greifen». Wenn es sich um Kampfmittel handele, würden diese im Rahmen der Gefahrenabwehr kostenfrei abtransportiert. Einige Hobby-Sucher würden aber genau das Gegenteil machen und ihre Funde in Foren und auf Videoplattformen im Internet präsentieren. «Da wird dann suggeriert, diese Kampfmittel liegen so viele Jahre im Wasser, damit passiert nichts. Das ist ein Trugschluss», warnt Rausch. Von Infanteriepatronen samt Gewehr bis hin zu Artilleriegranaten seien alle möglichen Munitionsreste schon aus Gewässern geborgen worden.

Alter Auspuff war in Wahrheit Phosphorbombe

Der Experte weiß von mehreren Unfällen, die durch Funde von Magnetanglern ausgelöst worden waren. 2020 hatte etwa ein Vater mit seinem Sohn am Stichkanal Linden in Hannover ein vermeintliches Auspuffrohr aus dem Wasser gefischt und zum Reinigen mit nach Hause genommen. Dort fing der angebliche Auspuff plötzlich an zu qualmen. «Tatsächlich handelte es sich aber um eine Phosphorbombe», sagt Rausch. Diese hatte sich beim Reinigen entzündet. Zwei Personen wurden verletzt. «Allein diese Gefährdungskette, die durch so einen Fund ausgelöst werden kann, ist extrem», sagt Rausch.

Für die Wissenschaft seien die vielen ehrenamtlichen Hobby-Sucher, die mit Genehmigung losziehen, auch ein «enormer Gewinn», berichtet Landesarchäologe Haßmann. Doch auch die Archäologen stehen angesichts der steigenden Zahl an Fundmeldungen vor Herausforderungen: Das Fachpersonal für die Überprüfung der Funde werde nicht mehr.

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