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Nassrasur wie zu Großvaters Zeiten ist ein Trend - auch in Vechta

Immer mehr Männer greifen zu den Klassikern Hobel, Pinsel und Rasierseife, um die Bartstoppeln zu entfernen. Bei dem Ritual geht es um mehr als nur um ein glattes Gesicht.

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Premiere: OMonline-Reporter Giorgio Tzimurtas wagt den Selbstversuch. Foto: Duzat

Premiere: OMonline-Reporter Giorgio Tzimurtas wagt den Selbstversuch. Foto: Duzat

Rückkehr eines alten Rituals: Immer mehr Männer greifen zu Rasierhobel und Pinsel für ein glattes Antlitz - lassen die herkömmlichen Systemrasierer mit Wechselköpfen beiseite. Das Internet schäumt über vor Ratgeberseiten, Foren, Blogs und Lehr-Videos zur klassischen Nassrasur. Online-Shops bieten eine überaus reiche Auswahl an allen Utensilien, von der Klinge bis zum Aftershave. Und Fachgeschäfte erfreuen sich offenbar neuer Stammkundschaft.

Woran liegt das? Hat es damit zu tun, dass Vintage (Dinge aus den Jahren von 1920 bis 1980) ebenso angesagt ist wie Retro (neue Produkte im Look vergangener Jahrzehnte)? Welche tieferen Gründe gibt es für die Renaissance der Nassrasur? Und: Ist sie auch vor Ort „in“?

"Wer solche Klingen einsetzt, sollte vorher den festen Willen zur Entschleunigung gefasst haben."Giorgio Tzimurtas, Reporter

Rückblende: Es war kurz vor Weihnachten, ich kramte in einer Kiste mit alten Dingen. Darin fand ich auch einige Rasierklingen meines Großvaters. Jede einzeln verpackt. Wer sie benutzen will, muss sie aus Papierhüllen herausziehen. Immer noch sind die längeren Ränder der Metallblättchen scharf wie ein Skalpell. Wer solche Klingen einsetzt, sollte vorher den festen Willen zur Entschleunigung gefasst haben.

Ich erinnerte mich an diese Szene: Mit üppig eingeseiften Wangen stand mein Großvater morgens vor dem Spiegel, das eigene Gesicht aufmerksam im Blick, während er mit einem Rasierhobel aus Metall Bahnen durch den Schaum auf den Backen zog. Hochkonzentriert wirkte er, zugleich entspannt, als habe er sich aus der Zeit ausklinken können. Mit einer Rasur.

Es geht auch um den Einklang mit sich selbst

Das hatte etwas von einer rituellen Handlung. Und es ging nicht nur um die gepflegte Erscheinung, sondern auch um den Einklang mit sich selbst, wie mir schien.

Ich sah im Internet nach, wollte etwas über diese vergangen geglaubte Kultur der Rasur finden. Zu meiner Überraschung entdeckte ich: Da muss man nicht lange suchen. Denn die Nassrasur wie zu Großvaters Zeiten ist ein Trend. Traditionsreiche Hersteller präsentieren ihre Produkte auf schicken Webseiten. Auch Drogerieketten bieten klassische Rasierhobel und Rasierpinsel sowie Pflegesortimente an.

Altmodisches ist wieder in

Ich machte mich auf den Weg in die Innenstadt von Vechta. Im Drogeriemarkt von „DM“ ergatterte ich das letzte vorhandene „Retro Set“ einer Firma, die für Rasierartikel aller Art bekannt ist. Für 12,95 Euro bekam ich einen Rasierhobel mit Klingen, einen Pinsel mit Synthetikborsten und eine Schale mit Rasierseife. Ich griff noch zu einer Dose mit Rasierseife einer anderen Marke und zu einem Rasierwasser. Einige Fächer im Regal mit derlei Produkten mussten nachgefüllt werden. Offenbar sind sie begehrt.

Vor allem von jüngeren Männern würden diese Artikel nachgefragt, sagte Insa Hill, Leiterin der Vechtaer DM-Filiale. Altmodisches komme wieder, werde in den sozialen Medien stark beworben. Sie vermutete, dass es auch mit der Corona-Zeit zusammenhängen könne. Da schaue der Mensch wieder mehr auf sich – und gönne sich auch etwas.

Beim Konkurrenten „Rossmann“ entdeckte ich eine Serie für die klassische Nassrasur eines anderen marktführenden Herstellers – ebenfalls im Retro-Stil. Ich wählte einen Hobel und Klingen sowie eine Rasiercreme. Kosten: Etwa 20 Euro. Auch hier erkundigte ich mich, wie es um die Nachfrage steht. Eher die Generation 50+ bevorzuge Rasierhobel, hieß es bei Rossmann. Besonders nachgefragt sei ein Exemplar, das etwa 2,50 Euro kostet. Das ist aber kein Retro-Rasierer.

Fans legen Wert auf verschiedene Kombinationen

Für meinen Einstieg in die klassische Nassrasur habe ich insgesamt 50 Euro ausgegeben. Die Produkte anderer Hersteller sind deutlich teurer, aber erschwinglich. Rasierhobel von Traditionsfirmen gibt es zu Preisen zwischen 30 und 300 Euro. Die Varianten des Materials für den Griff sind: Metall, Holz, Edelharz und - seltener - Porzellan.

Rasierhobel unterscheiden sich auch beim Kamm. Bei manchen kann der obere Teil per Schraubmechanismus abgenommen werden, um eine Klinge einzulegen. Andere lassen sich hierfür auffalten.

Rasierpinsel sind ebenfalls in mehreren Varianten erhältlich. Das Haar kann vom Dachs sein, aus Schweineborsten bestehen oder aus synthetischem Material. Auch bei den Klingen gibt es Unterschiede. Etwa bei der Härte und Schärfe. Welche Sorte am besten ist, hängt vor allem vom Barthaar ab.

Da es auch bei den Produkten zur Vorbereitung der Rasur und für die Nachbehandlung der Haut eine große Auswahl gibt, dauert es eine Weile, bis man das Passende für sich gefunden hat. Und - wie in Blogs zu lesen ist - besteht der Reiz der klassischen Nassrasur für viele Fans gerade in der Anwendung verschiedener Kombinationen, je nach Laune.

Vor meinem Selbstversuch habe ich Websites zum Thema studiert. Die Nassrasur kann eine Wissenschaft für sich sein, aber im Wesentlichen geht es um diese Schritte:

Vorbereitung:

Die Haut und das Barthaar müssen eingestimmt werden. Ich wählte dieses Vorgehen: Zunächst kommt warmes Wasser aufs Gesicht. Das lässt die Stoppeln weich werden. Außerdem richten sie sich dabei auf, was die spätere Rasur leichter macht.

Zur Vorsicht nehme ich noch ein Pre-Shave-Balsam, das die eben beschriebene Wirkung verstärkt (dafür gibt es auch Spezialöle). Außerdem sorge ich so für eine fettige Schutzschicht zwischen Haut und Klinge. Dann schlage ich mit dem Pinsel die Rasierseife zu Schaum, trage sie etwa drei Minuten lang auf.

Die Rasur:

Ganz wichtig ist, den Hobel in einem 30-Grad-Winkel anzulegen und sich Zeit zu lassen. Stück für Stück arbeite ich mich vor. Nach ein paar Zügen habe ich den Bogen raus.

Der Abschluss:

Das Gesicht abspülen und Rasierwasser auftragen, das sorgt für eine Desinfektion der gereizten Haut. Eine After-Shave-Lotion rundet alles ab, bringt die Haut wieder ins Lot.

Mein Fazit:

Ich fühle mich wesentlich frischer als nach einer Rasur mit Schaum aus der Dose und Systemrasierer. Die Nassrasur nach Großvaters Art ist wirklich "cool", aber aufwändig. Sie dauert mindestens 30 Minuten. (Manche Experten behaupten, es seien 3 Durchgänge erforderlich). Für mich kommt sie eher samstags und sonntags in Frage. Allerdings werde ich unter der Woche Rasierpinsel und Rasierseife künftig weiter benutzen.

Das Ritual der Rasur – ja, es hat etwas Meditatives. Es kann ein Zu-sich-selber-Kommen sein, wenn man Übung hat. Ich musste mir nach meiner Premiere ein kleines Wundpflaster auf die Wange kleben. Den Reiz der Langsamkeit zu entdecken, das ging nicht ohne Blessur.

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