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Muttertag auf dem Stoppelmarkt

Kolumne: Notizen vom Nachbarn - Wer mit Oma und Tante ins Vechtaer Autokino zum Gottesdienst fährt, der kann mindestens ebenso viel berichten wie einer, der eine Reise macht.

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Liebe geistliche Kolumnenschreiber, seid mir bitte nicht böse, aber heute wildere ich in eurem Revier. Wochenlang gab es keine Heiligen Messen in euren Gotteshäusern. Zugegeben, ich konnte es überleben, aber für Oma, Opa und meine Tante eine ganz schön harte Zeit. Und da kam es wie ein Segen des Himmels, als unsere Vechtaer Geistlichen an Muttertag den Stoppelmarkt in einen Autokino-Gottesdienst verwandelten.

Schon zwei Tage zuvor präsentierte ich Oma und der Tante mit der Zeitung wedelnd die neumodische Ausflugsidee an Muttertag. Autokino, Stoppelmarkt, Gottesdienst, die beiden Seniorinnen waren überraschend neugierig. Und Gott sei Dank öffneten ein paar Tage vorher die Frisöre, sonst wären die eitlen Damen mit ihren Corona-Frisuren auf keinen Fall auf die Westerheide gegangen. Noch nie in ihrem Leben hatten sie einen Film im Auto angesehen und uns früher stets vermittelt, dass dabei eh nur wild rumgeknutscht würde. Und jetzt grüßte Jesus auf der Leinwand.

Mein Plan musste gelingen, das Internet informierte mich, dass man manuell den Radiosender auf 87,9 MHz einstellen muss, um die Pastorenstimmen im Radio zu hören.
Das probierte ich am Abend vorher am Rand der Westerheide sicherheitshalber schon einmal aus und bürstete auch schnell noch das Auto in der Waschanlage. Alles lief nach Plan bis zu dem Moment, als mich die Hiobsbotschaft erwischte, nur zwei Erwachsene und deren Kinder sind in Pandemiezeiten im Auto erlaubt.

„So gerne hätte ich auf der Hin-terbank gesessen,meinen Kopf zwischen den Lehnen durchge-steckt und wie früher gerufen ,Wie lange dauert es noch?'“Antonius Schröer

Okay, das Kind war ich ja eigentlich, aber Kinder gehen nur bis 14 Jahren. Auch wenn Oma und besonders meine Tante mich gerne mal wie einen 14-jährigen Bengel behandeln; die angegrauten Haare – wie sollte das gehen? Oder vielleicht die Oma auf der Rückbank unter einer Decke verstecken? So gerne hätte ich auf der Hinterbank gesessen, meinen Kopf zwischen den Lehnen durchgesteckt und wie früher gerufen „Wie lange dauert es noch?“.

Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Gut, dass man Beziehungen hat, die mit einem zweiten Auto zur Stelle sind und sich zusätzlich hervorragend mit Senioren auskennen. So dockte Jutta mit Mundschutz vor dem Einlass wie ein Raumschiff mit ihrem Auto an und Oma sprang auf ihren Beifahrersitz. Nach perfekter Einfahrt samt freundlichsten Schaustellereinweisern und duftendem Kinopopcorn tauschte Oma in geheimer Mission wieder den Platz.

Der Autogottesdienst war ein kreatives Highlight, Ausschnitte aus dem Film „Wie im Himmel“ wechselten mit der ausdrücklichen Aufforderung, das Handy zu benutzen und eigene Gedanken auf die Leinwand zu transportieren.
Das schafften Oma und Tante irgendwie nicht, bohrten aber später neugierig nach, was ich denn geschrieben hätte.

Im Nu war der Gottesdienst vorbei, ein Hupkonzert als Belohnung und galant wie beim Autoscooter wiesen uns die Schausteller den Weg zum Ausgang.  Kaplan Albert Lüken und Pastor Andreas Technow verabschiedeten sich an der Ausfahrt mit einem kräftigen Scheibenklopfer und die Tante verwechselte den schwarzen Mund-Nasen-Schutz des Kaplans mit einem imposanten Bart.

 Auf der Rückfahrt gab es kurz vor der Heimat ein leckeres Forellenbrötchen für die Oma und einen fetten Aal für die Tante. Stoppelmarkt eben. Letzten Sonntag lud unser Bischof zur Himmelfahrtsprozession in Vechta aus Abstandsgründen in seinen imposanten Garten ein und schmunzelte „Wir haben eine neue Kirche geschaffen und ich finde sie schön“. Das fanden Oma und die Tante beim Autogottesdienst auch.


Zur Person: 

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser. Der
 58-Jährige verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.
  • Den Autor erreichen Sie über info@om-online.de

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