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Lohne hat Maryna Kuzmenko und ihre Kinder willkommen geheißen

„Ich muss stark sein für meine Kinder“ – ­ das ist das Lebensmantra der Ukrainerin aus Odessa, die seit einigen Monaten mit ihren Kindern im Landkreis Vechta lebt.

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In Sicherheit: Maryna Kuzmenko lebt seit etwa einem halben Jahr mit ihren Kindern in Lohne. Foto: Wehring

In Sicherheit: Maryna Kuzmenko lebt seit etwa einem halben Jahr mit ihren Kindern in Lohne. Foto: Wehring

Ihre zugewandte und offene Art macht sie auf Anhieb sympathisch, auch wenn es mit der Verständigung noch etwas holprig läuft. Mit Händen und Füßen und scheinbar längst verborgenem Schulenglisch kommt aber ein Gespräch zustande. Maryna Kuzmenko lebt seit etwa einem halben Jahr mit ihren beiden Kindern in Lohne, zunächst kam sie bei Freunden unter, mittlerweile lebt die Familie in einer eigenen Wohnung.

Sie erinnert sich noch genau an den Tag, als der Krieg in ihr Leben trat: „Der 24. Februar hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt“, sagt die 43-Jährige, die bis zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein vollkommen normales Leben in einem Mehrfamilienhaus in Odessa führte. Kabur ist Anwalt, Maryna arbeitete bis zum Kriegsausbruch als Juristin im Hafen von Odessa und kümmerte sich dort um Fragen der Logistik und Frachtabwicklung. „Wir sind vom Bombenhagel wach geworden, es war so unfassbar laut, die Kinder haben sofort geweint“, erinnert sich die 43-Jährige. Schnell habe sie das Nötigste gepackt, dann seien sie erst einmal aus der Wohnung geflüchtet, um sich in der unterirdischen Parkgarage in Sicherheit zu bringen. Verzweiflung, Angst und Unsicherheit – so vergingen die Tage, die sie zusammen mit zahlreichen anderen Familien verbrachten: Wenn es hell wurde, hielt man sich in der Wohnung auf, um das Nötigste zu organisieren, nachts ging es zum Schlafen nach unten.

Hilflosigkeit, Verzweiflung, Trauer

Zwei Wochen schlief die Familie zu viert in ihrem Auto. Kein Dauerzustand, vor allem für die 13-jährige Maryana und den 8-jährigen Marat. „Wir kamen dann zunächst ein paar Tage bei Freunden außerhalb der Stadt unter“, sagt die zweifache Mutter, die in erster Linie den Schutz ihrer Kinder im Blick hatte. Die massive Militärpräsenz rund um die Hafenstadt machte den Eltern aber schonungslos deutlich, dass es kein schnelles Kriegsende geben werde. Hilflosigkeit, Verzweiflung, Trauer – die Erinnerungen an diese Zeit sind bei Maryna noch ganz konkret: „Irgendwann sagte mein Mann, dass wir alle vier mit dem Auto Richtung Westen nach Lviv fahren sollten, um dort für eine Zeit zu leben, schließlich sei der Krieg an der Grenze zu Polen nicht so präsent.“ Auf dem Weg dorthin waren die Straßen vollkommen überfüllt, es gab keine Hotelzimmer, keine Unterkünfte, gar nichts. Und dann sagte ihr Mann den Satz, der sie verzweifeln ließ: „Du musst über die Grenze gehen und unsere Kinder retten“, erinnert sich Maryna an den bisher schmerzhaftesten Moment ihres Lebens. Voller Verzweiflung ging sie und als müsste sie sich selbst Kraft geben, sagt sie heute „Jetzt muss ich stark sein für meine Kinder“. Das, sagt Maryna ehrlich, sei ihr Mantra, um weiterzuleben.

Ihr Smartphone ist seitdem ihr ständiger Begleiter, der die Verbindung zu den Liebsten in der Heimat aufrecht hält. „Um mich zu beruhigen, sagen meine Mutter und mein Mann immer ‚Uns geht es gut‘, aber ich weiß, dass es nicht so ist.“ Die vielen schrecklichen Nachrichten und Bilder aus der Ukraine sprechen eine andere Sprache. Natürlich wünscht sich die Familie, dass der furchtbare Krieg lieber heute als morgen endet. Ob Maryna dann aber sofort in ihre Heimat zurückkehren wird, weiß sie nicht, die Sicherheit ihrer Kinder ist ihr momentan das Wichtigste. Auch in der Hinsicht will sie wieder stark sein für sie.

Ein Blick zurück: Auf der polnischen Seite seien sie zunächst gut versorgt worden, immer wieder aber habe sie ihre traurigen Kinder trösten müssen. In Polen wollte sie nicht bleiben, das wusste sie sofort, ihr Ziel war Lohne, denn hier hat sie langjährige Freunde. Seit Kriegsausbruch stand sie in engem Kontakt zu dem Ehepaar, das in großer Sorge um sie war. Vor allem der Mann, ein gebürtiger Russe, der als Kapitän im Hamburger Hafen arbeitet, habe sie immer wieder gedrängt, wegen der Gefahr Odessa zu verlassen.

Seit etwa einem halben Jahr lebt sie in Lohne und geht – obgleich sie in Sicherheit ist – in eine ungewisse Zukunft. Sie muss für ihre Kinder da sein, will ihnen eine gute Bildung zuteil werden lassen. Maryana geht aufs Lohner Gymnasium, Marat ist in der Gertrudenschule untergekommen und spielt sogar schon Fußball in einer Jugendmannschaft von BW Lohne. Trotz der schrecklichen Unsicherheit über die Zukunft ihrer Familie und ihres Landes ist Maryna auch dankbar: „Wir haben so viel Hilfe und Unterstützung erfahren, Lohne ist schön und die Menschen hier haben uns sehr willkommen geheißen.“ Ein trauriger Blick zurück und eine ungewisse Zukunft – Maryna Kuzmenko ist der seelische Schmerz anzusehen. Dennoch will sie die Verzweiflung nicht siegen lassen: „Für mich gibt es zurzeit nur die Gegenwart, das Hier und Jetzt, und das ist gut und sicher“, sagt sie energisch, vielleicht auch, um sich selbst Mut zu machen.

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