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Ich bin nicht perfekt

Kolumne: „Das ist aber jetzt Fleisch“ – Diesen Satz hört unsere Kolumnistin oft. Sie fragt sich nun: Wie perfekt muss sein, wer sich Veränderungen wünscht?

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Ich bin nicht perfekt – wer hätte das gedacht? Anscheinend gibt es Mitmenschen, die tatsächlich davon ausgehen, dass ich das doch sein müsste. Ich beschäftige mich doch mit unverpacktem Einkauf, veganer Ernährung, Tierhaltung und dem regionalen Ursprung meiner Lebensmittel. Und anscheinend habe ich mit dem Versuch, meine Ansichten zu verändern und Fragen zu stellen, die Möglichkeit des charmanten „Nicht-Perfekt-Seins“ abgegeben.

„Das ist aber jetzt Fleisch“, wird mir im Restaurant mit dem erhobenen Zeigefinger über den Tisch, an dem übrigens alle Fleisch essen, entgegengeflötet. Ehrlich? Ich dachte ja, dass Hacksteak jetzt immer aus Soja oder sonst was Pflanzlichem besteht. Ich schmunzele den Angriff weg und entscheide mich, das Essen der anderen nicht zu kommentieren.

„Das ist Plastik, Anne“. Ernsthaft? Mein Sushi verkeilt sich fast in meiner Speiseröhre und nach dem Versuch, die viel zu große Reisrolle ohne Verletzungen herunterzuschlucken ist das Plastikgemurmel am Tisch zum Glück abgeebbt. Was ist da bloß los, frage ich mich. Wäre es nicht auch eine Möglichkeit gewesen, darüber zu sprechen, dass mein Mittagessen vollkommen vegan war? Wie man es hinbekommt, Fischgeschmack zu imitieren? Am Vortag im Restaurant war das Gegenteil doch noch so wichtig gewesen.

"Ich erwarte, dass wir einen Anfang machen. Auch wenn Anfänge für andere nur schwer zu greifen sind, sind sie das, was den Unterschied macht."Anne Hartmann

Komisch, dass ich das Gefühl bekomme, dass mein Gegenüber auch nicht so richtig weiß, welches Thema nun für den Zeigefinger spannender sein könnte. „Ist dein Fleisch denn auch vom Nachbarn, du siehst ja so glücklich aus beim Essen?“ Am liebsten möchte ich mein glückliches Gesicht in meinem Thai-Curry ertränken. Ich möchte nicht mehr sprechen. Ich möchte nicht mehr in Gegenwart anderer essen. Ich möchte Zeigefinger verbieten. „Waaaaaas, DU gehst zu einer Fastfoodkette? Sind das nicht Ausbeuter? Was, wenn dich jemand sieht?“

Wenn mich jemand sieht? Bitte? Ich habe das Gefühl, mein Gegenüber (der mit den gesammelten Sparcoupons übrigens) hat ein ernstes Interesse an meiner körperlichen Unversehrtheit und würde mir am liebsten in diesem Moment eigenhändig eine Art Skimaske klöppeln, damit ich nicht von wilden Fanatikern in Frittenfett ertränkt werde.

Aber spricht da wirklich die Sorge um mich aus den Menschen? Oder ist es Überforderung? Vielleicht sind wir alle überfordert. Ich kann und werde nie perfekt sein und erwarte das auch von niemand anderem.

Aber was ich erwarte? Dass wir einen Anfang machen. Auch wenn Anfänge für andere nur schwer zu greifen sind, sind sie das, was den Unterschied macht. Ganz viele unperfekte Menschen, die versuchen umzudenken, sind wertvoll. Wenn wir aber weiter unperfekte Anfänge verurteilen, werden viele dem Druck erliegen und alles wieder machen wie vorher, weil sie mit dem glücklichen Gesicht im Thai-Curry liegen.


Zur Person: 

  • Anne Hartmann ist Diplompädagogin, wohnt in Vechta und betreibt den Foodblog www.kitchich.de.
  • Die Autorin erreichen Sie unter info@om-online.de

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