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Hochzeitsbitter: Zu Fuß, mit Pferd oder auf dem Rad

Die Tradition des Hochzeitsbittens ist längst nicht ausgestorben und erlebt als Teil der Hochzeitsvorbereitungsbräuche seit Jahrzehnten sogar eine Renaissance.

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Hochzeitsbitten um 1930, Foto: Stadtmuseum Damme

Hochzeitsbitten um 1930, Foto: Stadtmuseum Damme

Die Hochzeitseinladung kommt nicht per Post, sondern auf dem Rad: Auch heute noch gibt es die Tradition des Hochzeitsbittens. „Sie ist mehr als hundert Jahre alt, war über Jahrzehnte etwas verschwunden und ist in unserer Region vor rund 30 Jahren wieder aufgelebt“, sagt Wolfgang Friemerding vom Stadtmuseum Damme. Seitdem sieht man sie durchaus wieder häufiger durch die Straßen ziehen: Männer und Frauen in schwarzen Anzügen, einen Zylinder auf dem Kopf und meistens auf einem bunt geschmückten Rad. „Der Zylinder hatte früher eine einfache Bewandtnis“, erläutert der Heimathistoriker, „denn pro Zusage eines Gastes wurde ein buntes Bändchen mehr um ihn herum gelegt. Am Ende der Prozedur und nach Rückkehr der Hochzeitsbitter konnte das Brautpaar dann erkennen, mit wie vielen feierwilligen Hochzeitsgästen sie zu rechnen hatten.“

Schriftliche Einladung mit Rückantwortmöglichkeit gab es damals noch nicht

Ursprünglich hatte das Hochzeitsbitten nach den Worten Friemerdings vor allem praktische und logistische Ursachen: „Die Menschen waren nicht so mobil wie heute und eine festliche schriftliche Einladung mit Rückantwortmöglichkeit gab es noch nicht.“ Hier kamen dann die Nachbarn ins Spiel, deren Aufgaben damals viel weitreichender als heute und klar definiert waren. „Einladen, Essen kochen, Trauerklagen - bei freudigen, aber auch traurigen Anlässen, waren früher die Nachbarn gefordert“, beschreibt der Heimathistoriker den gesellschaftlichen Zusammenhalt im letzten Jahrhundert.

Das Hochzeitsbitten ist ein Beispiel dieser nachbarschaftlichen Pflicht: Die Männer (damals waren es nur Männer, Frauen durften es nicht) bekamen vom Brautpaar eine Liste mit Namen und möglichen Gästen der Hochzeitsfeier. Damit zogen sie zu Fuß, auf dem Rücken eines Pferdes oder auf dem Rad, los. An den Türen wurde meistens mit einem Einladungsspruch in Reimform um Einlass gebeten, dann begann die feucht-fröhliche Bewirtung der Bitter.

Ein weiterer Brauch ist das Schatten (Anhalten des Brautwagens, um Wegezoll zu verlangen). Das untere Foto aus den 1930er Jahren zeigt das Schatten in der Region um Osterfeine. (Fotos: Stadtmuseum Damme)Ein weiterer Brauch ist das Schatten (Anhalten des Brautwagens, um Wegezoll zu verlangen). Das untere Foto aus den 1930er Jahren zeigt das Schatten in der Region um Osterfeine. (Fotos: Stadtmuseum Damme)

Der Artikel ist in der neuen Ausgabe der PROMENADE erschienen.


Ein Beispiel für den damaligen Verlauf ist als Quelle in dem Buch „Brauchtum im Oldenburger Land“, das Hans Dirks im Jahr 1985 veröffentlichte, zu finden:

„Un dann geiht de Hochtiedsbitter van Huus to Huus. Meisttiets is’t de Snieder. Moi uptakelt mit’n swarden Sniepel (Erklärung: Gehrock), den hogen Stintschäpel (Zylinder) up’n Kopp, den langen Staff (Stab) in’e Hand, so stellt he sik eerst mal bi de Bruut vör. De bind em’n bunt Band an’n Staff. Un denn geiht he van Huus to Huus un nöögt (nötigt,bittet) de Lü to de Hochtiet. All Lü, de kamen willt, bind em’n bunt Band an sinen Staff. Wenn he dann klaar is, weert de Bänner tellt. So weet man, well dr kamen will to den groden Dag.“

Schatten des Brautwagens in der Oster- » feiner Kirchstraße in den 1960er Jahren. (Foto: Stadtmuseum Damme)Schatten des Brautwagens in der Oster- » feiner Kirchstraße in den 1960er Jahren. (Foto: Stadtmuseum Damme)

Heute ist das Hochzeitsbitten keine Notwendigkeit mehr, sondern - wie auch das „Schatten“ des Brautpaares nach der kirchlichen Trauung — ein Spaß und manchmal im Freundeskreis auch eine Ehrensache. Viele junge Paare möchten die Tradition wieder aufleben lassen und bitten daher Freunde und Verwandte um diesen Dienst. Daher wird man sie wohl auch in Zukunft mit ihren bunten Rädern und geschmückten Zylindern sehen: die Hochzeitsbitter.


Der Artikel ist in der neuen Ausgabe der PROMENADE erschienen (Seite 8):

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