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Das Nützliche vom Wahnsinn trennen

Kolumne: Haferbrei oder Porridge – Kürzlich begegnete ich einer kleinen Influencerin, der sympathischsten, die ich seit Langem gesehen habe.

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"Was isst du denn da?", fragte mich neulich ein zuckersüßes junges Mädchen, während es genüsslich in seine frittierte Fischfrikadelle biss. "Ähm das ist Por…. Das sind Haferflocken mit Hafermilch und Agavendicksaft", hüstelte ich und schämte mich ein wenig. Aber warum eigentlich?

Vielleicht, weil das kleine Mädchen seltsam guckte und meine Essensauswahl eindeutig in Frage zu stellen schien. Vielleicht aber auch, weil ich als 10-Jährige wohl laut gelacht und am Verstand meines 36-jährigen Ichs gezweifelt hätte. Die Fischfrikadelle hätte ich verschmäht, Porridge wäre mir aber wohl auch niemals nie auf den Löffel gehüpft. Ich meine, wie sieht das aus? Schleimig. Breiig. Pampig. Bräunlich. Gesund. Und es hätte eher Haferschleim und nicht Porridge geheißen.

Ist das eigentlich so, dass Worte die eigene Welt verändern? Wäre ich auf einen Haferbreizug aufgesprungen? Oder hat mir der Porridge-Hype aufs Gleis geholfen? Macht es etwas aus, wenn schlanke und immer gut gelaunte Powerinfluencer:innen plötzlich Bowls, Onepot-Gerichte oder bunte Porridge-Zusammenstellungen in die Kamera halten?

"Mealprep" – das ist nur das Vorbereiten von Essen

Wäre ich auch dabei, wenn Eintöpfe, Schalen und Brei präsentiert würden? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Trotzdem glaube ich sehr daran, dass stylische Worte unsere Ernährungsweisen deutlich beeinflussen. Letztens sah ich einer Influencerin dabei zu, wie sie strahlend verkündete, dass sie nun Mealprep für sich entdeckt hatte. Cool, fand ich, und googelte gleich Mealprep-Ideen und Behälter, um meine Mahlzeiten nach der Vorbereitung ordnungsgemäß aufbewahren zu können.

Während ich im Wahn so herumscrollte, schlich sich klammheimlich eine kleine Frage in mein Gehirn und wurde immer lauter. "Moment!", schrie es quasi. Mealprep ist das Vorbereiten von Essen. Das ist so alt, dass mein 10-jähriges No-Haferschleim-Please-Ich es schon kannte. Und jetzt werde ich verrückt und brauche die perfekten Behälter, um die Möhren von der Sauce zu trennen? So weit kommt das noch.

"Ne echte Influencerin, die Kleine – und ich finde, die sympathischste, die ich seit Langem gesehen habe."Anne Hartmann

Ich atmete also dreimal und schloss den Internetbrowser. Ich kann nämlich mein Essen auch so vorbereiten. Ich brauche kein stylisches Weck-Glas für Schichtsalate. Ich brauche auch kein Kammersystem im Behälter.

Ich habe gefühlt hunderte von Pöttchen in verschiedenen Formen und Farben und die Werbung, nichts anderes ist das ganze Influencerbusiness nämlich, schafft es trotzdem, dass ich bunte Bowls unbeschadet mit zur Arbeit nehmen möchte. Wahnsinn, oder? Also beim Haferbreischlickern und Eintopfkochen einfach mal durchatmen und Nützliches von Wahnsinn trennen.

Ich war übrigens so neidisch auf die duftende Fischfrikadelle des kleinen Mädchens, dass ich abends eine in veganer Version zubereitet habe. Ne echte Influencerin, die Kleine – und ich finde, die sympathischste, die ich seit Langem gesehen habe.


Zur Person:

  • Anne Hartmann ist Diplompädagogin, wohnt in Vechta und betreibt den Foodblog www.kitchich.de.
  • Die Autorin erreichen Sie per E-Mail an die Adresse redaktion@om-medien.de.

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