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Wie im Katastrophenfilm

Thema: Die Versorgungskrise – Die Engpässe werden in vielen Krankenhäusern bundesweit am eigenen Erfahrungsbericht deutlich. Doch die Aufruhr in der Bevölkerung hält sich noch in Grenzen.

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Ein medizinisches Problem, die Telefonberatung rät zur sofortigen Abklärung in einer Klinik. Also hin zur nächsten Notaufnahme. „Rettungsstelle“ steht über dem Eingang. „Rette sich, wer kann“, wäre passender.

Die Krankheit ist Privatsache, das Erlebte nicht. Es ist Mittwoch, früher Abend. Ich werde auf einer Liege in eine grell erleuchtete Halle geschoben – in der schon etwa 15 andere Patienten liegen. Frauen, Männer, alle möglichen Nationen. Einige Patienten stöhnen, einer schreit, andere dösen vor sich hin. Es wirkt wie im Katastrophenfilm. Bei mir wird Blut abgenommen, ein EKG gemacht. Pfleger und Ärzte wuseln herum, legen Verbände und Infusionen an. Sie sind erkennbar gestresst und werden auch mal laut. Verpflegung gibt es nicht. Der Raum grenzt direkt an die Rampe, auf der die Rettungswagen vorfahren. Wenn sich die automatische Tür öffnet, wird es kalt. Einige Patienten werden gewindelt. Alles geschieht vor allen Augen.

Hier werde ich die ganze Nacht verbringen, kein bisschen schlafen und keine Gewissheit bekommen, was mit mir selbst los ist. Gegen Mitternacht sagt eine Ärztin, ich würde um 8 Uhr in der Fachabteilung untersucht werden. Es wird 6 Uhr, 8 Uhr, 10 Uhr. Dann kommt ein Pfleger und sagt, ich müsse in ein anderes, kleineres Krankenhaus verlegt werden. Hier sei kein Bett frei. Ich frage, ob nicht das Uniklinikum besser sei. Er sagt: „Sie wissen wohl nicht, was los ist. Wir haben seit sechs telefoniert, um etwas zu finden“. Als ich gegen Mittag weggebracht werden, liegen 20 Patienten in der Halle.

"Aber die Intensivstation ist voll. Er wird neben mir stundenlang von mehreren Ärzten notversorgt, bis er um halb vier woanders hingebracht werden kann."Werner Kolhoff

Für mich geht die Sache im anderen Krankenhaus halbwegs gut aus. Entwarnung. Nach einigen Tagen kann ich nach Hause. Allerdings, auch dort geht es drunter und drüber. Mein Zimmernachbar, 92 Jahre alt, Lungenentzündung, bekommt mitten in der Nacht eine schwere Krise. Aber die Intensivstation ist voll. Er wird neben mir stundenlang von mehreren Ärzten notversorgt, bis er um halb vier woanders hingebracht werden kann.

Das ist die aktuelle Lage in den Kliniken. Nicht nur in Berlin, in fast allen Ländern ist es derzeit so. Zu wenig Pfleger und Ärzte, dazu ein hoher Krankenstand wegen Covid. Und immer mehr Corona-Patienten. Dabei steht der dritte Pandemie-Winter noch bevor. Man möchte jetzt nicht Patient sein. Gäbe es an den Tankstellen ein ähnliches Chaos, eine ähnliche Versorgungskrise, der Aufschrei wäre groß. Schade, dass Kliniken keine Tankstellen sind.

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