Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

"Wer Trump wählt, ist ein schlechter Mensch"

Anlässlich der US-Präsidentschaftswahl präsentieren wir Menschen aus der Region, die sich in den USA auskennen. Diesmal: Musikerin Jessica Stephan aus Dinklage.

Artikel teilen:
In ihrem Element: Die Dinklagerin Jessica Stephan spielt begeistert Saxophon. Foto: Böckmann

In ihrem Element: Die Dinklagerin Jessica Stephan spielt begeistert Saxophon. Foto: Böckmann

Es war ruhig in den vergangenen 2 Wochen in der Musikschule Romberg in Dinklage. Sehr ruhig. Dort, wo normalerweise Hunderte von Schülern von ihren Lehrern unterrichtet werden, waren in den vergangenen 14 Tagen nur wenige Töne zu hören. Der Grund: Es waren Herbstferien. Jessica Stephan nutzte die Zeit, um ein wenig am Saxofon und an der Klarinette zu proben. Die Musikschullehrerin nutzte die Zeit in ihrem Unterrichtsraum aber auch, um ein wenig über die anstehende US-Wahl am 3. November (Dienstag) nachzudenken. Denn Jessica Stephan ist US-Amerikanerin und hat in diesen Tagen ihren Stimmzettel per Brief verschickt. Mehrere Blätter mussten dabei in mehrere Umschläge verpackt werden. Es ist ein kleines Wirrwarr, um die Unterlagen richtig einzusortieren. Viel leichter war es für die 38-Jährige dann doch, wo sie ihr Kreuz machte: nämlich bei Joe Biden.

Dass Jessica Stephan, wie bisher immer, auch dieses Mal den Kandidaten der Demokraten (und nicht den der Republikaner) gewählt hat, hat weniger damit zu tun, dass die Dinklagerin Joe Biden für einen fähigen US-Präsidenten hält. Im Gegenteil: Jessica Stephan hätte lieber den Sozialisten Bernie Sanders unterstützt. Für sie ist Herausforderer Biden im Gegensatz zum Amtsinhaber Donald Trump einfach nur "the lesser evil", das geringere Übel. Ähnlich dachte sie auch schon bei der Wahl 2016, als sie Hillary Clinton wählte. Und war dann nach der Wahlnacht überrascht, dass Clinton verlor - und Trump gewann, obwohl er 3 Millionen Stimmen weniger bekam. Ein Grund für Jessica Stephan, das Wahlsystem zu überdenken.

Gar nicht nachdenken muss sie bei ihrem Urteil über den amtierenden US-Präsidenten. "He's an idiot".  Ein Mann, der Ängste schüre, die Gesellschaft spalte und Minderheiten verachte, dürfte nicht das Amt des mächtigsten Menschen der Welt ausüben. Und mit Blick auf die republikanischen Wähler sagt Jessica Stephan mit ernstem Ton: "Wer Trump wählt, ist ein schlechter Mensch." Das dürfe, nein soll der Reporter auch ausdrücklich so schreiben.  Dass Trump-Wähler bei Gewalttaten Menschen verletzten und der US-Präsident das auch noch dulde, das macht Jessica Stephan wütend und nachdenklich zugleich. 

Dieser Brief ist verschickt: Jessica Stephan hat ihren Stimmzettel ausgefüllt. Foto: BöckmannDieser Brief ist verschickt: Jessica Stephan hat ihren Stimmzettel ausgefüllt. Foto: Böckmann

Die USA seien zwar schon immer eine in vielen Lebensbereichen gespaltene Gesellschaft gewesen. Doch seit Trumps Wahl 2016 merkt auch Jessica Stephan, aufgewachsen in der 50.000-Einwohner-Stadt Niagara Falls im Bundesstaat New York, wie in ihrer Familie im Vergleich zu früher viel häufiger über Politik diskutiert wird. Fast täglich debattiert sie mit ihren Geschwistern, Großeltern und Verwandten über die Messenger-Dienste diverse Themen. Fast alle Familienmitglieder werden übrigens Joe Biden wählen. "Meine Cousine ist gerade Mutter geworden. Die macht sich echt Sorgen, in was für einem Land ihre Tochter aufwachsen wird, falls Trump wieder gewinnt."

Dass der US-Präsident trotz seines mangelhaften Krisen-Managements in der Corona-Pandemie und tagtäglich nachgewiesener Falschaussagen eine große Anhängerschaft hat, erklärt sich Jessica Stephan mit dem großen Egoismus ihrer Landsleute. "Die Amerikaner lieben Waffen und ihre Freiheit. Sie lieben ihren Patriotismus und immer noch den Cowboy - und Trump lebt das einfach perfekt vor."  Es sei vielen US-Amerikanern ziemlich gleichgültig, was im Land passiere, solange sie keinen Nachteil dadurch haben. 

Bestes Beispiel: Die Gesundheitsversorgung. In eine Versicherung einzahlen, von der möglicherweise nur Kranke und Verletzte etwas haben, davon halten viele US-Amerikaner einfach nichts. Der "moralische Kompass" im Land sei  vollkommen verloren gegangen, beklagt Jessica Stephan. Nicht erst durch Trump, aber er habe die Irrfahrt noch weiter verstärkt.

Gibt es denn zumindest irgendetwas Positives, dass die Dinklagerin dem US-Präsidenten abgewinnen kann? Vielleicht, dass unter Trump bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie zumindest die Wirtschaft Rekordzahlen feierte? Die Wirtschaft habe vielleicht gebrummt, sagt Jessica Stephan. Aber unter welchen Voraussetzungen? Es sei doch schon fast normal, dass viele US-Bürger 3 oder 4 Jobs haben, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken. Dass sie 300.000 bis 400.000 Dollar Schulden haben. Dass sie mit der einen Kreditkarte die Schulden der anderen bezahlen. Dass Überqualifizierte zu wenig Geld verdienen. Viele ihrer Bekannte müssten ihr Leben lang einen riesigen Berg Schulden abtragen, sagt Jessica Stephan und schüttelt mit dem Kopf. Es kranke in ihrer alten Heimat vielfach einfach am System.

Was in Deutschland besser ist als in den USA

In dieser Hinsicht sei ihre neue Heimat in vielen Bereichen besser aufgestellt. Nicht nur beim Wahlsystem. Seit 2002 lebt Jessica Stephan nun in Dinklage - und war anfangs ziemlich überrascht, dass es in Deutschland eine verpflichtende Krankenversicherung gibt. Oder dass in der Bundesrepublik das Studium an der Universität nicht wie den USA Zehntausende Dollar kostet. "Der Staat hilft dir, dafür zahle ich dann auch gerne Steuern", sagt Jessica Stephan. 

Musik hat in dem Leben der Mutter des 14-jährigen Jakob übrigens nicht nur beruflich eine wichtige Rolle eingenommen. Sie spielt in ihrer Freizeit im Kolpingorchester und in der Bigband DiJaCo, privat ist sie mit dem Label-Inhaber Matthias Rehling ("Oscarson") liiert. Und welche Musik spielt Jessica Stephan nach der Wahlnacht am 4. November? Die 38-Jährige überlegt kurz. Und sagt dann: "Wahrscheinlich irgendetwas Depressives." Warum? "Ich befürchte, dass Trump wieder gewinnt." 

Jetzt neu! Moin Friesoythe! Der wöchentliche Newsletter für die Eisenstadt mit aktuellen News und Informationen. So verpassen Sie nichts mehr. Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach. Jetzt hier anmelden.  

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

"Wer Trump wählt, ist ein schlechter Mensch" - OM online