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Was zur Hölle ist 1971 passiert?

Kolumne: Warum ist die Ungleichheit seit den 1970er Jahren so extrem gestiegen? 2 Amerikaner glauben, eine Antwort gefunden zu haben. Aber sie liegen falsch.

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Ob sich Ex-Präsidenten wohl manchmal fragen, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn sie sich an der ein oder anderen Stelle anders entschieden hätten? Womöglich hat Ex-US-Präsident Richard Nixon sich genau das gefragt. Zumal seine Entscheidungen schwer ins Gewicht fielen. Wo stünde die Welt heute, wenn er das "System von Bretten Woods" nicht abgeschafft hätte?

Moment mal, was für ein System? Zugegeben, ich hatte davon auch nie etwas gehört, bis ich auf die Seite "wtfhappenedin1971.com" gestoßen bin. Sie beschäftigt sich mit der rhetorischen Frage, "was zur Hölle im Jahr 1971 geschehen ist" und warum seitdem die Ungleichheit extrem zunahm. Rhetorisch deswegen, weil die beiden Gründer der Seite die Antwort schon zu kennen glauben.

Denn Nixons Entscheidung hatte zur Folge, dass der Dollar fortan nicht mehr an das Gold gekoppelt war, sie führte zum "Nixon-Schock". Die Staaten hätten daraufhin über Jahrzehnte in großen Mengen Geld gedruckt. Das sei die Ursache für die extreme Ungleichheit, die heute allen voran in den Vereinigten Staaten existiert.

Trickle-Down-Politik ist die wahre Ursache für die extreme Ungleichheit

Auf der Internetseite findet sich ein Sammelsurium an Graphen. Sie zeigen, wie weit die Schere zwischen Arm und Reich seit den 1970er Jahren insbesondere in den USA auseinander gegangen ist. Eine Grafik stellt etwa dar, dass ein amerikanischer Arbeiter für ein eigenes Haus in den 1970er Jahren noch etwa 2 Jahre reine Arbeitszeit stecken musste, während es heute mehr als 7 seien. Die Gründer von "wtfhappenedin1971.com" sind große Bitcoin-Fans und sehen in der Kryptowährung die Lösung für die ungleiche Verteilung des Wohlstands. Aber sie haben sich in eine Theorie verrannt, die so nicht zutrifft.

"Das Trickle-Down-Versprechen konnte nie gehalten werden."Friedrich Niemeyer

Denn eine weitere politische Entwicklung korreliert mit der steigenden Ungleichheit: die Trickle-Down-Wirtschaftspolitik, die ebenfalls in den 1970er-Jahren ihren Anfang nahm. Der Lehre des Neoliberalismus folgend wurden die Steuern für Reiche und Superreiche in vielen westlichen Ländern enorm gekürzt, mit dem Versprechen, der Reichtum "tröpfele" nach unten, sodass am Ende alle davon profitieren, auch der gewöhnliche amerikanische Arbeiter, der jetzt 7 Jahre für sein Eigenheim arbeiten muss, statt 2.

Eine Studie des Londoner King's College kommt zu dem Ergebnis, dass in allen OECD-Staaten, die diese Politik in den vergangenen 50 Jahren zumindest zeitweise verfolgten, die Ungleichheit rasant gestiegen ist. Der Effekt auf das Wirtschaftswachstum und die Arbeitslosigkeit hingegen sei "statistisch nicht relevant". Das Trickle-Down-Versprechen konnte nie gehalten werden. Nur die Reichen wurden noch reicher.


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