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Übrig bleibt ein Geister-Rad

Thema: Betonmischer überrollt Radfahrerin in Berlin – Die Debatte darüber, was Klimaaktivisten damit zu tun haben, hat Deutschland gespalten – das Wesentliche hat diese Debatte aber nicht erfasst.

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Ein weißes „Geister“-Rad, Blumen, Kerzen. Das ist übrig von Deutschlands meistdiskutiertem Unfall. Eine 44-jährige Radfahrerin ist hier an der Berliner Bundesallee gestorben, überrollt von einem Betonmischer.

Die Debatte darüber hat Deutschland gespalten. Es ging gegen die Klimaaktivisten, weil sie einige Kilometer entfernt auf der Autobahn einen Stau verursacht hatten, in dem ein Feuerwehrfahrzeug nur langsam vorankam. Dabei ist unklar, welche Auswirkungen das am Ende hatte. Es ging gegen die Verunglückte selbst, weil sie offenbar nicht den Radweg benutzte. Hundert Meter vorher freilich werden die Radfahrer wegen einer Baustelle ganz offiziell in den fließenden Verkehr gelenkt. Und es ging gegen den Lkw-Fahrer, der von einem durchgeknallten Passanten auch noch mit einem Messer attackiert wurde. Selten war ein Unglück so aufgeladen.

"Vor Ort  sieht man sofort: Hier hat auch die Stadtplanung getötet."Werner Kolhoff

Nur das Wesentliche hat die Debatte nicht erfasst, das, was man vor Ort sofort sieht: Hier hat auch die Stadtplanung getötet. Die Bundesallee ist eine Schnellstraße mit bis zu vier Fahrspuren je Fahrtrichtung. Mitten in der City Berlins. Also dort, wo eine solche Monsterstraße absolut nicht hingehört. Am Unfallort teilt sie sich in zweispurige Schneisen nach Norden und Osten. Das ist die „autogerechte Stadt“, wie sie in den 50er und 60er Jahren geplant und gebaut wurde. Straßen wie diese gibt es überall: die Nienburger Straße in Hannover, die Willy-Brandt-Straße in Hamburg, die Ludwigstraße in München. Und viele mehr. Sie waren schon überdimensioniert, als man sie errichtete, und sind es heute erst recht. Denn heute sind viel mehr Menschen mit Fahrrädern oder Scootern unterwegs, gibt es mehr Fußgänger. Heute versteht man Stadt als Lebensort. Die Bundesallee passieren täglich 36.000 Fahrzeuge. Ausgelegt ist sie aber für bis zu 80.000. Das verführt zum Rasen und zur Rücksichtslosigkeit. Wer sich hier ungeschützt bewegt, ist in Lebensgefahr.

Eigentlich könnte man erwarten, dass nach so einem Ereignis zuerst gefragt wird, wie dergleichen künftig verhütet werden kann. Stattdessen gab es nur ideologischen Streit. Wann also werden die Straßen in den Städten wieder auf ein menschliches Maß gebracht? Wann werden die planerischen Irrtümer vergangener Zeiten endlich zurückgebaut? Der Unfall ist ein trauriger Anlass, darüber nachzudenken. Nicht nur in Berlin.


Zur Person:

  • Der Lohner Werner Kolhoff (66) hat für den Berliner Tagesspiegel und die Berliner Zeitung gearbeitet.
  • Er war Sprecher des Berliner Senats und leitete ein Korrespondentenbüro.
  • Heute ist er in der Hauptstadt als politischer Kolumnist tätig.

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