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"Trump stellt das Fundament unserer Demokratie infrage"

Anlässlich der US-Präsidentschaftswahl präsentieren wir Menschen aus der Region, die sich in den USA auskennen. Diesmal: Schwester Makrina aus Dinklage.

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Seit 2005 lebt Schwester Makrina Finlay auf der Burg Dinklage. Foto: Böckmann

Seit 2005 lebt Schwester Makrina Finlay auf der Burg Dinklage. Foto: Böckmann

Es ist ein herrlicher Herbsttag Ende Oktober im Burgwald in Dinklage. Die Sonne scheint, die Blätter fallen von den Bäumen, die Dietrichsburg spiegelt sich wunderbar in den mittlerweile vom Schlamm befreiten Gräften. Bei den allermeisten Touristen und Dinklagern, die an diesem Vormittag die Burgallee entlang schlendern, spielt der tausende Kilometer entfernte US-Wahlkampf wahrscheinlich keine Rolle. Das sieht in der Benediktinerinnenabtei auf der Burg Dinklage ein wenig anders aus.

In einem Nebenraum redet sich Schwester Makrina Finlay ein wenig in Rage, wenn sie über Donald Trump, die Wahl am 3. November und die zunehmende gesellschaftliche Spaltung in ihrem Heimatland spricht. Sie sei verärgert und beunruhigt zugleich mit Blick  auf den Wahltag am kommenden Dienstag, sagt Schwester Makrina. Vor 21 Jahren hat die 43-Jährige die Vereinigten Staaten verlassen. Von 1999 bis 2005 lebte sie in Oxford, wo sie in Geschichte promovierte. Seit 15 Jahren nun ist sie im Kloster auf der Burg Dinklage zuhause. Von ihrem Wahlrecht macht sie, für sie selbstverständlich, natürlich Gebrauch.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sie deshalb per Briefwahl ihre Stimmen für den US-Präsidenten abgegeben. Nie hatte sie Sorge, dass ihre Post nicht ankommt respektive ihre Stimme gar nicht gezählt wird. Das ist 2020 anders. Trumps Ankündigung, das Wahlergebnis möglicherweise anzufechten, weil die Zunahme der Briefwahl zu massiver Wahlfälschung führen werde, beunruhigt Schwester Makrina sehr. "Trump stellt das Fundament unserer Demokratie infrage", sagt die US-Amerikanerin und schüttelt mit dem Kopf. Die Frage, bei welchem Kandidaten, sie ihr Kreuz gemacht hat, erübrigt sich damit. Ohnehin habe sie bislang immer den demokratischen Kandidaten gewählt.

In Dinklage fühlt sich Schwester Makrina Finlay wohl. Foto: BöckmannIn Dinklage fühlt sich Schwester Makrina Finlay wohl. Foto: Böckmann

Dabei ist Schwester Makrina in einer eher republikanisch geprägten Familie aufgewachsen. Die 43-Jährige wurde in Yuba City, eine 70.000-Einwohner-Stadt nordöstlich von San Francisco, geboren. Eine sehr ländlich geprägte Region, die von der Struktur viele Ähnlichkeiten mit Dinklage hat. Mehrheitlich wählt man dort die Grand Old Party.  "Ronald Reagan war unser Held, wir haben ihn geliebt", erzählt Schwester Makrina. Doch mit der Amtsübernahme von Bill Clinton sympathisierten die Finlays zunehmend für die Demokraten.

Für Schwester Makrina stand nie so sehr zur Debatte, wen sie wählt. Denn in Fragen wie Umwelt, Bildung und Gesundheitsversorgung sind ihr die Demokraten um ein Vielfaches näher als die Republikaner. "Warum muss das Studium 100.000 Dollar kosten? Warum gibt es keine richtige Krankenversicherung? Warum kümmern wir uns nicht um Flüchtlinge?", fragt die Nonne und ärgert sich, dass es nur darum geht, viel Geld zu verdienen. "To make profit" – das zählt. "Die US-Amerikaner sagen, das ist ihre Freiheit. Aber das ist keine Freiheit", schimpft Schwester Makrina.

An der Spitze dieses kapitalistischen Denkens stehe mit Trump ein verrückter Präsident, ein Tyrann. "Er ist ein riesiges Problem", sagt Schwester Makrina. "Aber nicht unser einziges." Eines ist das Zwei-Parteien-Wahlsystem, das sie für nicht mehr zeitgemäß hält. Es gebe keinen Platz für Nuancen, für kleinere Parteien wie zum Beispiel in Deutschland. Vor 300 Jahren sei die Idee des Wahlsystems super gewesen, mittlerweile aber arg reformbedürftig. Es gehe nur noch darum, die andere Partei zu blockieren. Auch der Supreme Court, den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, sei zurzeit nicht fair besetzt. Die  jüngste Wahl der erzkonservativen Obersten Richterin Amy Coney Barrett sei nicht gut für das Land, glaubt Schwester Makrina.

Für noch bedenklicher hält der große Baseball-Fan hingegen die beschränkte Sichtweise vieler ihrer Landsleute. Die USA seien groß, viel zu groß, weshalb die US-Amerikaner keine weiteren Erfahrungen und Eindrücke sammelten, wie die Menschen in anderen Bundesstaaten oder gar anderen Ländern lebten. "Und dann", stöhnt Schwester Makrina, "gucken sie auch noch den ganzen Tag Fox News". Den Trump-nahen Sender, der das konservative, hart arbeitende, christlich-weiße Amerika verkörpert. Der es mit den Fakten indes auch nicht so ganz genau nimmt. Der Gegenpart, der liberale und den Demokraten nahe CNN, sei in seiner Berichterstattung allerdings auch nicht immer ganz objektiv, findet die Historikerin, die sich vor allem über die Washington Post und die New York Times über das politische Geschehen in ihrem Heimatland informiert.

Die Unterschiede zwischen den USA und Dinklage

Und wie geht die Wahl am 3. November nun aus? Schwester Makrina zuckt ein wenig mit den Achseln. Dann sagt sie: "Ich glaube erst einmal nicht, dass wir früh ein Ergebnis haben werden." Das werde noch einige Wochen dauern. Sie befürchtet aber dies: Ein Trump-Sieg werde die Gesellschaft in den USA weiter spalten, die Unruhen zunehmen.

Gesellschaft – das ist ein Stichwort, das sie mit Blick auf die Burgwald-Stadt wiederum in höchsten Tönen lobt. Die Dinklager seien warmherzig, offen, hilfreich. Sie habe sich hier bei ihrer Ankunft gleich wohlgefühlt – obwohl sie damals noch kein einziges Wort Deutsch konnte. Mittlerweile hört man bei der Kalifornierin nur noch einen Mini-Akzent. "Die Dinklager haben Interesse an Gemeinschaftssinn, sie haben eine tolle Willkommenskultur." Die soziale Ader sei besonders in der Flüchtlingskrise 2015 deutlich geworden. Die Arbeit mit Geflüchteten liegt Schwester Makrina besonders am Herzen.

Schwester Makrina ist begeisterte Joggerin

Und wie verbringt die Ordensfrau ihre Freizeit? Mit Joggen! Jeden Morgen läuft sie ab 6.10 Uhr eine 10-Kilometer-Runde. Rund 60 Minuten benötigt sie dafür. Wenn es hell ist, läuft Schwester Makrina vornehmlich im Burgwald Richtung Brockdorf. In der dunkleren Jahreszeit dann eher durch die Stadt. Dies sei aktuell aber etwas schwieriger als früher, wie sie scherzt:  "Jetzt steht man häufig vor irgendeiner Baustelle und muss wieder umdrehen."


Zur Person

  • Schwester Makrina Finlay ist 43 Jahre und lebt seit 15 Jahren auf der Burg Dinklage.
  • Die Kalifornierin wuchs in der 70.000-Einwohner-Stadt Yuba City nordöstlich von San Francisco auf.
  • Schwester Makrina hat in Los Angeles Geschichte studiert, anschließend promovierte sie in Oxford (Großbritannien). Regelmäßig kehrt sie nach Minnesota zurück, um dort ihren Lehrauftrag für Kirchengeschichte zu erfüllen.
  • In Oxford lernte sie Benediktiner-Mönche kennen. Über die Mönche hörte sie von Mutter Maire Hickley, die von 1983 bis 2007 die Benediktinerinnenabtei in Dinklage leitete und so in der Burgwaldstadt landete.
  • Die Ordensfrau ist großer Baseballfan und spielte selber Softball. Ihr Lieblingsclub sind die San Francisco Giants. "Leider sind wir zurzeit nicht so erfolgreich." Sie freue sich deshalb schon darüber, erklärt sie schmunzelnd, wenn der große Rivale Los Angeles Dodgers ebenfalls nicht gewinnt.

 

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