Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Taiwan: Das Land, das es nicht gibt

Thema: Taiwan und sein Kampf gegen Chinas Besitzansprüche – Taiwan darf offiziell nicht existieren. Aber: Die Selbstbestimmungs- und Freiheitsrechte der Taiwanesen gehen vor.

Artikel teilen:

Begleitet von wüsten Beschimpfungen des chinesischen Botschafters in Deutschland, Wu Ken, hat eine FDP-Delegation Taiwan besucht. Der Westen solle "nicht mit dem Feuer spielen", drohte Ken, weil mit Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) bald sogar ein Regierungsmitglied aus Berlin anreisen will.

Taiwan ist das Land, das es nicht gibt. So wie es einst auch Berlin nicht gab. Sondern nur "Berlin, Hauptstadt der DDR" auf der einen und "Westberlin" auf der anderen Seite. Das freie Berlin mit seinen 2 Millionen Einwohnern wurde im Ostblock bis 1990 tatsächlich unter "W" gelistet und als "besondere politische Einheit" betrachtet. Völkerrechtlich ein Nichts.

China beansprucht die Insel für sich und "disst" jeden, der das in Frage stellt.Werner Kolhoff

Auch Taiwan, 24 Millionen Einwohner, Platz 22 im Wirtschaftsranking der Welt, darf offiziell nicht existieren. Es ist kein UN-Mitglied und wird nur von 14 Mini-Staaten anerkannt. Seine Teams müssen bei Olympischen Spielen als "Chinese Taipei" auftreten. Die deutsche Botschaft heißt verschämt "Deutsches Institut Taipei". Der Grund: China beansprucht die Insel für sich und "disst" jeden, der das in Frage stellt. Und China ist eben eine Supermacht. Dabei war das Gebiet in seiner Geschichte nur 212 Jahre lang chinesisch, von 1683 bis 1895. Lang ist es her. Danach herrschten 50 Jahre die Japaner und dann die Chinesen des Diktators Chian Kai-shek, der den Krieg gegen Mao verloren hatte. Vor den Chinesen regierten die Portugiesen, die die Insel "Formosa" (die Schöne) nannten, dann die Holländer. Bis zum 17. Jahrhundert waren die indigenen Ureinwohner sich selbst überlassen. Sie wurden nie gefragt, zu wem sie gehören wollten.

Heute sind 98 Prozent der Bevölkerung Han-Chinesen, und so kann man wohl sagen, dass Taiwan und China ähnlich zusammengehören wie die DDR und die Bundesrepublik. Vielleicht auch in einem Staat, doch sieht man an Österreich, dass gemeinsame Sprache das nicht zwingend erfordert. Die wichtigere Frage ist, in was für einem Staat. Die Taiwanesen sind Demokraten. Sie wollen nicht in einer Diktatur leben. Wenn Botschafter Ken mithilft, dass es auch in Festland-China freie Wahlen und Meinungsfreiheit gibt, kann man über "Wieder"-Vereinigung reden. Das ging 1990 in Berlin dann ja auch ganz schnell. Bis dahin aber gilt: Die Selbstbestimmungs- und Freiheitsrechte der Taiwanesen gehen vor. Sie wurden schon viel zu oft missachtet.


Zur Person:

  • Der Lohner Werner Kolhoff (66) hat für den Berliner Tagesspiegel und die Berliner Zeitung gearbeitet, war Sprecher des Berliner Senats und leitete ein Korrespondentenbüro.
  • Heute ist er in der Hauptstadt als politischer Kolumnist tätig.
  • Den Autoren erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

So verpassen sie nichts mehr. Mit unseren kostenlosen Newslettern informieren wir Sie über das Wichtigste aus dem Oldenburger Münsterland. Jetzt einfach für einen Newsletter anmelden!

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Taiwan: Das Land, das es nicht gibt - OM online