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System der verlorenen Kinder

Thema: Neue Armuts-Studie vorgestellt - Kinderarmut ist kein neues Phänomen. Im Gegenteil: Es hat sich in den vergangenen Jahren in vielen Regionen sogar noch verschärft - auch in Südoldenburg.

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In Deutschland wachsen fast drei Millionen Kinder in Armut auf. Diese Nachricht wird Empörung auslösen, Politiker werden Veränderungen fordern. Kurzzeitig. Dann gehen alle zur Tagesordnung über. Wie immer. Bewusste Ignoranz. Das ist der Skandal hinter dem Skandal. Denn: Kinderarmut ist kein neues Phänomen. Im Gegenteil: Es hat sich in den vergangenen Jahren trotz guter Konjunktur und dem Trend zur Vollbeschäftigung in vielen Regionen, auch in Südoldenburg, sogar noch verschärft.

Dafür gibt es viele Gründe. So hat die geleistete Arbeit zunehmend keinen Wert mehr. Arbeitgeber zahlen sprichwörtlich Hungerlöhne von unter 2000 Euro brutto im Monat für einen Vollzeitjob. Das ist zu wenig, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen und seinen Kindern eine Teilhabe am Alltag zu ermöglichen. Stattdessen ist Scham ein steter Begleiter.

Hinzu kommt: Zwischen der Armut von vielen und dem Reichtum von wenigen besteht oft ein Kausalzusammenhang, weil die Besitzvermehrung ganz oben nur möglich ist, wenn am unteren Ende ausgebeutet wird. Das gilt etwa für zwei Millionen Beschäftigte, die weiter unterhalb des Mindestlohns arbeiten, weil einige Firmen Wege gefunden haben, das Gesetz zu umgehen.

Derweil soll nun der mickrige Hartz-IV-Regelsatz von 432 auf 439 Euro steigen. Wow, welch großer Wurf. Im Ernst: 23 Cent mehr am Tag sind ein Tropfen auf den heißen Stein derer, denen das Wasser bereits bis zum Hals steht. In der Folge heißt das nichts anderes, als dass eine weitere Generation in Armut aufwächst – geduldet von Staat und Gesellschaft.

Und noch eins: Alle, die jetzt zetern und meinen, dass höhere Leistungen gar nicht bei den Kindern ankämen, weil deren Eltern sie eher für Alkohol und Zigaretten ausgeben, sei gesagt: Es gibt keine einzige Studie, die dieses Vorurteil in der Breite bestätigt. Das Vorurteil selbst hält sich dagegen hartnäckig. Klar, es dient ja auch zur Beruhigung des eigenen, schlechten Gewissens und als billige Legitimation, um am bestehenden System der verlorenen Kinder nichts zu ändern.

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