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Suche nach Atommüll-Endlager erzeugt vor Ort Unruhe

Wohin mit dem hochradioaktiven Abfall? In Kürze werden Gebiete benannt, die infrage kommen. Die Region könnte wegen der geologischen Bedingungen dabei sein.

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Gelbe Fässer mit Atommüll: Für die Behälter mit hochradioaktivem Inhalt wird eine neue Heimat gesucht. Foto: dpa / Wolf

Gelbe Fässer mit Atommüll: Für die Behälter mit hochradioaktivem Inhalt wird eine neue Heimat gesucht. Foto: dpa / Wolf

Der Tag der ersten Entscheidungen naht: Drei Jahre lang verlief die Suche nach einem nationalen Atommüll-Endlager für hochradioaktive Abfälle geräuschlos. Ab Montag (28. September) wird das anders sein – womöglich auch vor Ort.

An jenem Tag stellt die zuständige Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) Gebiete vor, die als Standort nicht in Betracht kommen und solche, für die „eine günstige geologische Gesamtsituation“ erwartet wird.

Eventuell befinden sich unter den Regionen, die übrig bleiben, auch Teile Südoldenburgs. Die Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“ hat anhand der bisher vorliegenden Studien vorab Räume ausgemacht, die es treffen kann. Dazu zählen wegen der ausgeprägten Tonschichten im Boden sowohl der südliche Kreis Cloppenburg als auch fast der gesamte Kreis Vechta.

Weiterhin gilt: Als sogenanntes Wirtsgestein für die Endlagerung kommt – laut Standortauswahlgesetz – neben Ton und Granit auch Steinsalz infrage. Und ein solcher Salzstock liegt unterhalb der Dammer Berge.

Gleichwohl: Dammes Bürgermeister Gerd Muhle möchte sich an derartigen Überlegungen nicht beteiligen. „Ich gehe davon aus, dass unsere Region für ein Endlager nicht infrage kommt und folglich im ersten Schritt als ungeeignetes Gebiet ausgeschlossen wird“, sagt er.

Auch der Vechtaer Kreisverband der Grünen und die Umweltschützer von Pro Natura Landkreis Vechta halten Damme für ungeeignet – wegen möglicher Risiken infolge des Abbaus von Bodenschätzen.

"Da in Damme durch die Erdgasförderung und durch die Förderung von Bodenschätzen die Voraussetzungen für ein Atommüllendlager eigentlich nicht gegeben sind, gehen die Grünen im Landkreis Vechta davon aus, dass Damme nicht in die engere Auswahl kommt", sagt deren Vorsitzende Annette Hanken auf Anfrage.

Zum Hintergrund: Bis 1967 und insgesamt fast 30 Jahre lang wurde in Damme eine Eisenerzgrube betrieben. In der Hochzeit um 1960 waren dort fast 1000 Arbeiter tätig und förderten fast eine Million Tonnen Erz pro Jahr. Auch Erdgas wurde dort lange gefördert. Dabei kam 2008 auch die umstrittene Fracking-Technologie zum Einsatz.

Bergbau und Gasförderung sprechen gegen Damme

Gerade die Spätfolgen der Eisenerzförderung bereiten der Umweltschutzgruppe Pro Natura Landkreis Vechta Sorgen. Das ehemalige Bergwerk Porta komme "eher nicht infrage", erklärt Vorsitzender Uli Heitmann. Sein Stellvertreter Heinz Hanken fügt an: "In den Dammer Bergen wurde in der Vergangenheit Eisenerz abgebaut und gefördert. Sicherlich sind unter Tage noch zig mit Wasser gefüllte Stollen vorhanden. Ob diese allerdings geeignet sind, ist fraglich."

Zuvor hatte bereits die Kreisgruppe Vechta des Naturschutzbundes Nabu auf die langfristige Destabilisierung des Untergrunds in der hiesigen Region und die Zunahme von Erdbeben durch Erdgasförderung hingewiesen.

Auch Landrat Herbert Winkel bezweifelt die Tauglichkeit von Damme als Standort für ein Atommüll-Endlager. Er macht seine Zweifel an der eingesetzten Fracking-Technologie fest: "Nach jetzigem Stand halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Region in die engere Auswahl kommt. In Damme wurde in der Vergangenheit durch Fracking Erdgas gefördert. Dies gilt eigentlich als Ausschlusskriterium bei der Standortsuche, da das Fracking die Undurchlässigkeit der Erdschichten beschädigt", erklärt Winkel auf Anfrage.

"Ich hoffe, dass der Zwischenbericht mehr Klarheit darüber bringt, welche Bedeutung Damme bei der Suche nach einem Endlager einnimmt."Vechtas Landrat Herbert Winkel

In der Tat steht im sogenannten Standortauswahlgesetz, dass ein Gebiet nicht als Endlagerstandort geeignet ist, wenn eines der Ausschlusskriterien erfüllt ist. Dazu zählen etwa gravierende Einflüsse aus gegenwärtiger oder früherer bergbaulicher Tätigkeit oder seismische Aktivitäten - also Erdbeben.

Umweltaktivist Jochen Stay, seit 30 Jahren in der Anti-Atom-Bewegung tätig und heute Sprecher der Organisation "ausgestrahlt", bezweifelt jedoch, dass die vor Ort angeführten Bedenken Gehör finden. Denn: In Sachen Erdbeben, so Stay, würden "wohl nur Regionen ab Erdbebenzone zwei ausgeschlossen". Das betrifft Gebiete mit einer Intensität von mehr als 7,0. Dazu zählen laut des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam nur vier Regionen. Sie liegen in Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Baden-Württemberg.

"Bergbau ist tatsächlich ein Ausschlusskriterium, allerdings nur direkt an alten Schächten oder Bohrungen", fügt Stay an. Heißt: Ausgeschlossen werde nur die Fläche, die direkt über den alten Bergwerks-Sohlen liegt, plus einem sogenannten Beeinflussungsbereich von wenigen hundert Metern. Bei Bohrungen falle sogar nur ein Sicherheitsradius von 25 Metern aus der Suche heraus.

Proteste wie hier in Gorleben haben dazu geführt, dass die Suche nach einem Atommüll-Endlager neu gestartet wurde. Foto: ausgestrahltHuberProteste wie hier in Gorleben haben dazu geführt, dass die Suche nach einem Atommüll-Endlager neu gestartet wurde. Foto: ausgestrahlt/Huber

Wie auch immer: "Ich hoffe, dass der Zwischenbericht mehr Klarheit darüber bringt, welche Bedeutung Damme bei der Suche nach einem Endlager einnimmt", sagt Landrat Winkel. Die Grüne Kreischefin Hanken erklärt: "Sollte Damme in die engere Wahl für ein Atommüllendlager kommen, muss sichergestellt werden, dass der Landkreis Vechta und die Stadt Damme sowie die Bürgerinnen und Bürger an dem Verfahren ergebnisoffen beteiligt werden und nicht, wie schon in Gorleben, eine rein politische Endscheidung ohne Berücksichtigung der wissenschaftlichen Ergebnisse zum Tragen kommt."

Derweil erwartet Landes-Umweltminister Olaf Lies für den 28. September, dass es "vermutlich zu Streit und Auseinandersetzungen" kommen werde, weil Niedersachsen wegen der geologischen Gegebenheiten stark betroffen sein werde. Das sagte er jüngst im Landtag. Und auch Jochen Stay geht davon aus, dass "ein relevanter Anteil" der Gebiete, die genauer unter die Lupe genommen werden sollen, in Niedersachsen liegt.

Fakten:

  • Im Februar 1962 ging das erste deutsche Kernkraftwerk im bayerischen Kahl ans Netz. Nach dem zwischenzeitlich besiegelten Atomausstieg sollen Ende 2022 die letzten drei Reaktoren ausgemustert werden, einer davon im emsländischen Lingen.
  • Ein Endlager für den Abfall gibt es aber immer noch nicht. Die hochgefährlichen Abfälle, die sich auf insgesamt 27.000 Kubikmeter summieren werden, lagern aktuell in diversen Zwischenlagern an Atomkraftwerken wie Unterweser oder Lingen sowie in zentralen Zwischenlagern wie in Gorleben oder Ahaus.
  • Nach dem jahrzehntelangen Streit um den Salzstock Gorleben hat der Bund im Jahr 2017 die Suche nach einem geeigneten Standort noch einmal neu gestartet. Damit beauftragt wurde die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Sie hat in der Zwischenzeit geologische Daten aus dem gesamten Bundesgebiet ausgewertet, um zu ermitteln, welche Teilgebiete für die Endlagerung in Frage kommen oder welche ausgeschlossen werden können.
  • Das Standortauswahlgesetz sieht vor, dass das Endlager in einer Tiefe unterhalb von 300 Metern liegen soll. Zudem wird eine mindestens 100 Meter starke Schicht aus Kristallin (Granit)-, 
Salz- oder Tongestein verlangt. Ziel ist Standortsicherheit für eine Million Jahre. Und: 500 Jahre lang soll der Atommüll wieder geborgen werden können, falls das notwendig oder sinnvoll erscheint.
  • So geht es weiter: Teilgebiete, die nach Auffassung der BGE für ein Endlager geeignet sind, werden am 28. September in einem ersten Zwischenbericht festgelegt. Daraus werden später sogenannte Standortregionen ausgewählt und deren Zahl immer weiter eingegrenzt. Einige Regionen werden im weiteren Verlauf zunächst über Tage erkundet, wenige von ihnen später dann auch unter Tage.
  • Am Ende entscheidet der Bundestag. Bis 2031 soll der Standort feststehen. In Betrieb gehen soll das atomare Endlager im Jahr 2050.

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