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Sprache öffnet Augen, nicht nur Türen

Nach den Coronafällen im DFB-Lager entwickelt sich ein mediales Feuer an Eilmeldungen. Dabei entstanden schwammige Formulierungen. Aber Sprache ist wichtig –  auch beim Thema "Impfen".

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Die Vorstellung, der moderne Profifußball sei ein Abbild der Gesellschaft, ist eine hoffnungslose Romantisierung des durchkommerzialisierten Geschäfts.

Und doch sehen wir dieser Tage in der "schönsten Nebensache der Welt" gewisse Parallelen zu unserem gesamtgesellschaftlichen Zustand. Möglich macht's die Pandemie, die die Welt seit nunmehr zwei Jahren fest im Griff hat. Denn dem Coronavirus ist es egal, ob jemand Millionen nach Hause trägt oder nicht. Das Virus infiziert Menschen – egal wen.

Nun hat es Anfang der Woche den Nationalspieler Niklas Süle getroffen. Er musste in Quarantäne. Vier seiner Mitspieler folgten dem Beispiel. Joshua Kimmich, Serge Gnabry, Jamal Musiala und Karim Adeyemi. Von den drei Letzteren ist in den überregionalen Medien jedoch kaum die Rede. Von ihnen gibt es auch keine Informationen über den Impfstatus seitens des DFB.

Eilmeldung gegenüber Kimmich war unfair

Vielmehr kursierte der Name Joshua Kimmich auf den Homepages der Tages- und Wochenzeitungen. Schlagzeilen wie "Ungeimpfter Kimmich in Quarantäne" sorgen für reichlich Klicks. Dabei wird oft erst im Teaser deutlich, weshalb die Nationalelf in den kommenden Spielen auf insgesamt fünf Spieler verzichten muss.

Hat also das Adjektiv "ungeimpft" vor dem Namen "Kimmich" wirklich etwas mit der Nachricht zu tun? Streng genommen verkauft sie sich besser, weil mit den Emotionen geimpfter Leser gespielt wird, die sich wahrscheinlich nichts sehnlicher wünschen, als ein Ende der pandemischen Lage. Gleichzeitig ist das Wort "ungeimpft" Wasser auf die Mühlen von Impfskeptikern und Verweigerern, die nun noch mehr Grund dazu sehen, über die aus ihrer Sicht "lächerlichen Maßnahmen" herzuziehen, dass sich ein doppelt Geimpfter (Süle) infiziert hat und in Quarantäne muss und weitere Spieler seinem Beispiel folgen und dabei "gesund seien".

Zu guter Letzt war die Eilmeldung allerdings auch das: unfair gegenüber Joshua Kimmich. Und das schreibe ich als jemand, der kein Verständnis dafür hat, wenn sich Mitmenschen freiwillig nicht gegen das Coronavirus impfen lassen wollen, aber könnten. Der Titel der Eilmeldung war deshalb unfair, da der Nationalspieler sich nicht isolieren musste, weil er wegen Bedenken vor Langzeitfolgen eine Impfung verweigerte. Sondern, weil er Kontakt zum mit Corona infizierten Niklas Süle hatte.

"Sprache ist beim Thema Impfen ein zentrales Kriterium. Wer falsch kommuniziert, kann noch so faktenbasiert argumentieren."Max Meyer, Redakteur

Sprache ist beim Thema Impfen ein zentrales Kriterium. Wer falsch kommuniziert, kann noch so faktenbasiert argumentieren. Das gilt sowohl für Menschen, die jetzt Schadenfreude gegenüber Kimmich empfinden, weil er sich nicht impfen lassen hat, als auch für den Umgang der Medien mit dem Fall.

Nichtsdestotrotz ist und bleibt das, was durch Sprache gesagt werden soll, entscheidend. Durch eine Impfung gegen das Coronavirus ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs von Covid-19 unwahrscheinlicher. Das ist insbesondere für Leistungssportler wichtig, die ein Vorbild für viele Menschen sind.

Die Faktenlage spricht eine klare Sprache: Bei keinem der existierenden Impfstoffe gibt es Langzeitfolgen. Wenn, dann treten sie kurz nach der Impfung ein. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings gering. Wahrscheinlicher ist es, einen schweren Verlauf mit Covid-19 zu haben, wenn man ungeimpft bleibt. Um diese entscheidende Nachricht zu transportieren, ist Sprache entscheidend. Die Bundesregierung hat dieses Feingefühl in ihrer Impfkampagne vermissen lassen. Es ist an der Zeit, nachzujustieren.

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