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SPD und CDU wollen mehr Hofschlachtungen

Das soll Bauern neue Möglichkeiten für die Direktvermarktung eröffnen. Und handwerkliche Schlachtbetriebe sollen neue Chancen bekommen. In der Branche vor Ort trifft das auf Lob und Kritik.

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Rückkehr des Handwerks: Kleine Schlachtbetriebe sollen als Dienstleister für Landwirte eine neue Chance bekommen. Foto: dpa / Wüstneck

Rückkehr des Handwerks: Kleine Schlachtbetriebe sollen als Dienstleister für Landwirte eine neue Chance bekommen. Foto: dpa / Wüstneck

Der Preis für Schweinefleisch kann drastisch abstürzen. Manchmal wegen eines globalen Überangebots, manchmal wegen Exportverboten - etwa infolge von Fällen Afrikanischer Schweinepest (ASP). Außerdem: Große Schlachthöfe behalten sich vor, Hauspreise festzulegen.

Der Markt ist unberechenbar. 2014, 2015 und 2020 waren extrem schwierige Jahre für Schweinehalter. Das hat die Branche im Oldenburger Münsterland deutlich zu spüren bekommen. Hinzu kommt die massive Konkurrenz von Billigfleisch aus anderen Ländern.

Die Corona-Zeit hat zudem gezeigt, wie auch eine Pandemie in der Schweinehaltung zu einer Krise führen kann: Aufgrund abgesenkter Schlachtkapazitäten aus Gründen des Infektionsschutzes gab es einen Schweinestau in den Ställen. Die Landwirte wurden ihre Tiere nicht rechtzeitig los - und für zu große Exemplare gab es beim Schlachthof auch noch satte Abzüge.

Landtag berät am Donnerstag über Antrag

Landwirte sind derweil in Proteststimmung, blockieren Lager des Lebensmitteleinzelhandels, fordern faire Erzeugerpreise ein. Die Situation ist für viele Betriebe existenzgefährdend.

In dieser Situation bringen die Regierungsfraktionen von SPD und CDU in Niedersachsen eine Initiative auf den Weg, die mehr "dezentrale und mobile Schlachtung ermöglichen" soll - für eine regionale Fleischvermarktung. Der Antrag wird am Donnerstag im Landtag erstmals beraten.

Dabei geht es insbesondere darum, die Ausnahmegenehmigung für die Schlachtung von Rindern in mobilen Stationen auf andere Nutztiere auszuweiten. Da dies die europäische Gesetzgebung betrifft, soll sich die Landesregierung auf EU-Ebene für die Änderung einsetzen. Ebenso soll die Schlachtung im Herkunftsbetrieb (Hofschlachtung) weiter vorangebracht werden.

Reaktivierung von Fleischereibetrieben ist das Ziel

Auch hier spielt Brüssel eine wichtige Rolle, da nach europäischem Hygienerecht Tiere für die Vermarktung nur im Rahmen eines EU-zugelassenen Betriebs geschlachtet werden dürfen.

SPD und CDU setzen auf eine "Reaktivierung von Fleischereibetrieben in ländlichen Gebieten". Denn Vermarktungspotenziale für Produkte aus dezentraler Schlachtung würden bei den handwerklichen Schlacht- und Fleischereibetrieben liegen. Über die Direktvermarktung könne ein höheres Preisniveau erreicht werden. Das mobile und dezentrale Schlachten könne von handwerklichen Betrieben als Dienstleistung für Landwirte angeboten werden.

CDU-Abgeordneter Bley warnt vor zu vielen kleinen Schlachhöfen

Einen differenzierten Blick auf die Initiative hat der CDU-Landtagsabgeordnete Karl-Heinz Bley aus Garrel. Er befürwortet zwar neue Möglichkeiten der Direktvermarktung. Er warnt aber davor, dass in Niedersachsen über die Landesfläche verteilt zu viele kleine Schlachthöfe entstehen könnten, "die nicht konkurrenzfähig sind".

Und wie bewerten Vertreter der Branche im Oldenburger Münsterland, einer Region mit vielen Schweinehaltern und großen Schlachthöfen, den Vorstoß? Reaktionen im Überblick:

Befürwortet die Möglichkeiten der Direktvermarktung: CDU-Landtagsabgeordneter Karl-Heinz Bley aus Garrel. Foto: Archiv OM OnlineBefürwortet die Möglichkeiten der Direktvermarktung: CDU-Landtagsabgeordneter Karl-Heinz Bley aus Garrel. Foto: Archiv OM Online

Der Kreislandvolkverband Vechta:

"Wir freuen uns über jede Initiative, die Landwirtinnen und Landwirten mehr Möglichkeiten einräumt", sagte der Geschäftsführer des Kreislandvolkverbandes Vechta (KLV), Dr. Friedrich Willms. Dass Direktvermarktung und Hofschlachtung einfacher werden sollen, könne sein Verband nur begrüßen.

Die Initiative zeige allerdings, "wie dick die Bretter sind, die hier gebohrt werden müssen". Eine ganze Reihe von Initiativen auf EU-Ebene seien nötig, damit Weide- und Hofschlachtungen in Zukunft mit weniger bürokratischem Aufwand organisiert werden könnten. Das durchzusetzen werde "leider seine Zeit brauchen".

Begrüßt vereinfachte Vermarktung und Hofschlachtung: Dr. Friedrich Willms, Geschäftsführer des Kreislandvolkverbandes Vechta (KLV). Foto: Archiv OM OnlineBegrüßt vereinfachte Vermarktung und Hofschlachtung: Dr. Friedrich Willms, Geschäftsführer des Kreislandvolkverbandes Vechta (KLV). Foto: Archiv OM Online

Das Agrar- und Ernährungsforum:

"Die Nachfrage nach regional erzeugten Nahrungsmitteln liegt im Trend. Ebenso der Wunsch nach verbesserten Haltungsbedingungen für Nutztiere und stressfreien Schlachtmethoden", sagte Uwe Bartels, der Vorsitzende des Agrar- und Ernährungsforums Oldenburger Münsterland (AEF). Insofern sei die Forderung der Koalitionsfraktionen "grundsätzlich nachvollziehbar, die Voraussetzungen für eine dezentrale mobile Schlachtung und Fleischvermarktung zu schaffen und zu verbessern".

Dieser Weg könne "in verschiedenen ländlichen Regionen, die bisher nur geringe Schlachthof- und Fleischverarbeitungsstrukturen sowie ein entsprechendes Nachfrageumfeld haben, eine zusätzliche Einkommensalternative" sein, sagte der Ex-Agrarminister.

Interessengemeinschaft der Schweinehalter:

Um in der Nutztierstrategie voranzukommen, seien die Bemühungen, eine Reaktivierung handwerklicher Schlachtbetriebe zu unterstützen, zwar "aller Ehren wert", sagte Dr. Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) mit Sitz in Damme. Er kritisierte aber: "Warum man jetzt das Thema mobiles Schlachten anschiebt, ist uns schleierhaft." Denn: "Insgesamt sehen wir in Bezug auf den Abbau des Schweinestaus oder den Absatz von Schweinefleisch angesichts der existierenden Betriebsstrukturen keinen Effekt."

ISN-Geschäftsführer sieht politischen Aktionismus:

Er fragte deshalb: "Sind die Prioritäten aus den Fugen geraten oder ist das die Erkenntnis, dass man all die bestehenden Probleme, mit denen die Schweinehalter aktuell zu kämpfen haben, derzeit nicht gelöst bekommt?" Die Schweinehalter seien "in einer absoluten, existenzbedrohenden Notlage".

Die Betriebe bräuchten "jetzt konkrete Hilfen" und "endlich eine Perspektive und Planungssicherheit, damit sie ihre Betriebe weiterentwickeln können". Hier schaffe es die Politik nicht, Lösungen zu liefern und flüchte sich stattdessen "in so eine Nebensächlichkeit". Das sei "politischer Aktionismus und obendrein ein niederschmetterndes Signal für die auf Hilfe und Antworten wartenden Bauern".

Vion Foud Group:

Für die "Vion Food Group" mit Produktionsstätten in Emstek (Schlachthof) und Holdorf (Verarbeitung) erklärte ein Sprecher: "Wenn die teilmobile Schlachtung unter Einhaltung des EU-Hygienerechts die gesetzliche Zulassung bekommt, kann sie als Nischenprodukt das bestehende Angebot für Tierhalter ergänzen."

Goldschmaus Gruppe:

"Die Goldschmaus Gruppe steht auch mit zentraler Schlachtstätte für eine regionale Erzeugung und Vermarktung", betonte Unternehmenssprecher Dr. Gerald Otto in Garrel. Die Schlachtung erfolge "unter optimalen Bedingungen und ständiger Kontrolle, nach einem tierschutzgerechten Transport". Mobile- oder teilmobile Lösungen könnten für bestimmte Vermarktungswege eine Alternative sein. Es werde sich jedoch zeigen müssen, ob Verbraucher bereit seien, die insgesamt höheren Kosten zu tragen.

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