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#Selbstreflexionsverweigerer

Kolumne: Irgendwas mit # – Misogynie ist kein neues Phänomen. Aktuell ist sie aber immer. Sogenannte Incels kennen dabei für ihren Frauenhass keine Grenzen.

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Begriffe wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Frauenquote triggern sie hart, der Feminismus gleicht einer Kriegserklärung. Der Frauenhass ist es, der sie eint, der sie stark macht, der ihnen ein ideologisches Zuhause gibt. Die Rede ist von Incels. In Deutschland ist diese Internetbewegung aus den USA noch vergleichsweise unbekannt, aber dank ARD-Recherchen oder dem jüngsten Tatort wird klar: Die Incels sind längst unter uns in Deutschland.

Doch wer sind diese Incels eigentlich? Kurz zusammengefasst: Frustrierte, heterosexuelle Männer, die sich selbst für zu unattraktiv halten, um eine Frau dauerhaft an sich binden zu können. Die Schuld für dieses unfreiwillige Zölibat (englisch: involuntary celibate; kurz: incel) geben sie – wer hätte es gedacht – den Frauen. Nach Ansicht von Incels interessieren sich normschöne Frauen (von Incels „Stacies“ bezeichnet) ausschließlich für normschöne Männer (von Incels „Chads“ oder „Alphas“ bezeichnet). Selbst die weniger attraktiven Frauen („Beckies“) würden den weniger attraktiven Männern keine Chance geben. Schlussfolgerung: Frauen wissen nicht, wo ihr Platz ist. Wir merken: Selbstreflexion wird in dieser Szene ganz großgeschrieben.

Incels eint die Annahme, dass sie ein Anrecht auf Sex hätten, dass Frauen ihnen diesen schuldig sind. Da überrascht es natürlich nicht, dass diese Männer schnell ihre Frustrationsgrenze erreichen, wenn Frauen diesem Prinzip nicht Folge leisten. Incels sind Verfechter der hegemonialen Männlichkeit, obwohl sie – ihrer eigenen Definition folgend – nicht einmal sonderlich davon profitieren. Das ist erst einmal schwer zu verstehen.

"Die Incels fungieren aber grundsätzlich bereitwillig als Komplizen der hegemonialen Männlichkeit."Carina Meyer

Bei der hegemonialen Männlichkeit geht es um die Hierarchie des sozialen Geschlechts. Das Konzept garantiert die übergeordnete Rolle des Mannes, dem die Frau untergeordnet ist. Es ist also eine Frage der Macht. Doch die beschränkt sich nicht nur auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen den Männern selbst. Und an diesem Punkt dürfte es jetzt auch für Männer interessant werden, die Incels für eine harmlose Randerscheinung halten. Denn nicht alle Männer profitieren gleichwertig von diesem Prinzip. An der Spitze stehen selbstverständlich diejenigen Männer, die die Elemente in sich vereinen, die von der Gesellschaft als besonders erstrebenswert definiert werden. Nehmen wir hier als Beispiel den attraktiven, beruflich erfolgreichen, weißen Mann.

Deshalb verabscheuen Incels nicht nur alle Frauen, sondern auch alle Männer, die erfolgreicher sind als sie selbst. Die Incels fungieren aber grundsätzlich bereitwillig als Komplizen der hegemonialen Männlichkeit. Schließlich legitimiert sie vor allem eines: die Unterordnung der Frau. Diese Tatsache ist so unumstößlich, dass sie von den Incels gerne mitgetragen wird. Dass Frauen sich anmaßen, dieses Konstrukt immer wieder infrage zu stellen, stößt den Incels natürlich bitter auf.

Attentate gehen auf Incel-Szene zurück

Die Misogynie der Incels kennt dabei kaum Grenzen. Zum größten Teil tauschen sie sich in einschlägigen Internetforen über ihren Frauenhass aus. Von verbalen Aussetzern bis hin zu perversen Gewaltfantasien ist der Einfallsreichtum der Incels durchaus beachtlich. Sie bestärken sich gegenseitig in ihrem Hass. Allerdings belassen es manche nicht dabei. Tatsächlich gibt es auch körperliche Angriffe auf andere Menschen bis hin zu terroristischen Attentaten. Seit 2018 lassen sich mehrere Attentate auf die Incel-Szene zurückführen – wie die Amokfahrt 2018 in Toronto. Auch der Attentäter von Hanau soll sich mit dieser Bewegung identifiziert haben. Das ist erschreckend.

Incels sind ein besonders widerliches Symptom einer gesellschaftlichen Haltung, die Frauen immer wieder Steine vor die Füße wirft. Solange es Männer gibt, die sich von Frauen in ihrer Vormachtstellung bedroht fühlen, gibt es keine Gleichberechtigung. Solange es Menschen gibt, die finden, dass Frauen sich mit dem, was ihnen bereits generös zugesprochen wurde, zufriedengeben sollten, gibt es keine Gleichberechtigung. Solange es Menschen gibt, die Frauen Gewalt antun, weil sie Frauen sind, könnten wir nicht weiter von Gleichberechtigung entfernt sein. Der Internationale Weltfrauentag (8. März) soll uns alle daran erinnern, welchen Weg wir noch vor uns haben – wir alle gemeinsam.


Zur Person:

  • Carina Meyer ist Reporterin der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Die Autorin erreichen Sie unter info@om-medien.de.

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