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Schluss mit Benachteiligung beruflicher Bildung

Über den Fachkräftemangel wird in der Ampelregierung viel geredet, aber wenig getan. Es braucht mehr und breitere Kampagnen für die klassische Ausbildung.

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Die steigende Zahl fehlender Fachkräfte ist alarmierend, aber in Berlin weiter ein politisches Thema zweiter Klasse. Die neue Ampelregierung setzt bisher den Kurs der Großen Koalition fort: Es wird viel über das Thema geredet, aber wenig getan.

Besonders groß ist die Personalnot in der Sozialarbeit, der Erziehung, der Pflege, dem Handwerk und der Informationstechnik. Aber Fachkräftemangel ist mittlerweile allgegenwärtig. Er ist nicht mehr ein ausschließliches Problem von Ballungsräumen. Im Gegenteil: Je weiter man sich aufs Land bewegt, um so schlimmer wird es. Auch im Oldenburger Münsterland, das bisher von Kinderreichtum und Zuwanderung profitierte, spitzt sich die Lage zu. Nicht bunte Marketingbroschüren beschreiben die lokale Wirklichkeit, sondern zum Beispiel die Tatsache, dass der vom Landkreis Vechta geplante Rückkehrer-Tag zum Stoppelmarkt an diesem Samstag mangels Masse ausfällt. Mangels Masse an jungen Leuten, nicht an Firmen.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat für das 2. Quartal des Jahres insgesamt 1,93 Millionen offene Stellen in Deutschland gemeldet – so viele wie noch nie. Vor diesem Hintergrund muss Schluss sein mit der Benachteiligung der beruflichen Bildung. Es braucht mehr und breitere Kampagnen für die klassische Ausbildung. Auch die Arbeitgeber stehen in der Pflicht, in der Ausbildung höhere Löhne zu zahlen. Im Oldenburger Münsterland muss das Lohnniveau insgesamt steigen, will die Region auf Dauer wettbewerbsfähig bleiben im Kampf um die Jahr für Jahr kleiner werdenden Kohorten von Schulabgängern.

„Kommunen sollten Ernst machen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“Ulrich Suffner, Chefredakteur

Bundesweit müssen endlich Geschlechterklischees aufgebrochen werden, die Frauen den Weg in klassische Männerberufe verbauen. Naturwissenschaften und Berufsorientierung müssen in den Schulen gestärkt werden. Kommunen sollten Ernst machen mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hierzulande lässt sich das Defizit noch immer schnell mit einem Blick auf die Öffnungszeiten der Kindertagesstätten erkennen.

Arbeitsmarktexperten beten seit Jahren vor, was darüber hinaus zu tun ist: Die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland muss liberalisiert und entbürokratisiert werden, das restriktive Arbeitsverbot für Asylbewerber gelockert werden. Arbeiten muss sich über das Rentenalter hinaus lohnen.

Manches hat die neue Regierung vor und man sollte ihr auch die Zeit geben, gründlich zu erarbeiten, was in der Großen Koalition liegen geblieben ist. Aber Arbeitsminister Hubertus Heil steht in der Pflicht, den wachsenden Fachkräftemangel wirkungsvoll zu bekämpfen. Zunächst will er mit dem Bürgergeld den gesellschaftlichen Druck auf Arbeitslose senken. Mal sehen, ob diese soziale Tat zielführend ist in Zeiten, in denen die Zahl der offenen Stellen die Zahl der Erwerbslosen schon bald übersteigen könnte.

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