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Ohne Rücksicht auf Verluste

Kolumne: Batke dichtet – Vorhang auf für das bunte Treiben im neuen Disneyland des Fußballs: Katar. Ab 20. November rollt dort der Ball: Anpfiff zur umstrittensten WM aller Zeiten.

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An Energie dürfte es nicht mangeln. Kein Thema im Land, wo Milch und Honig – pardon: Öl und Gas – fließen. Da wird bei Bedarf, wenn es im Wüstenwinter dann doch etwas zu warm werden sollte, das Stadion eben auf Wohlfühltemperatur heruntergekühlt. Es soll ihnen ja gut gehen, den Fußballprofis aus aller Herren Länder, wenn sie vom 20. November bis 18. Dezember ihren Primus ermitteln. Und: Für die Klimatisierung müssen weder Öl noch Gas abgezapft werden – es reichen Energieriegel aus Solarzellen. Auch Sonne gibt es vor Ort im Überfluss.

Sie merken, ich habe meinen Blick gen Katar gerichtet, wo demnächst die umstrittenste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten angepfiffen wird. Frische Umfragen zeigen, dass das Interesse in Deutschland an dem vorweihnachtlichen Kick-Spektakel so niedrig ist wie vor keiner WM zuvor. So gaben zuletzt 62 Prozent der Befragten an, um die TV-Berichterstattung vom Turnier einen Bogen machen zu wollen. Rollt der Ball erst, dürfte es jedoch anders aussehen. Und je länger das Team von Bundestrainer Hansi Flick im Wettbewerb bleibt, desto rasanter werden die Einschaltquoten nach oben schnellen.

"Aber Konsequenzen hat niemand gezogen, über eine Teilnahme-Verweigerung ist nie ernsthaft geredet worden."Alfons Batke

Der Wüstenstaat, gerade mal so groß wie Schleswig-Holstein, hat sich die WM gekauft und sich dabei Gepflogenheiten bedient, die auch Deutschland das Sommermärchen von 2006 ermöglichten. Bestechung hat bei der Vergabe von sportlichen Großereignissen immer eine zentrale Rolle gespielt. Und die Fifa-Verantwortlichen waren stets bemüht, sich im Glanz der jeweiligen Machthaber zu sonnen, auch wenn diese mit Demokratie nichts am Hut hatten. Das war schon 1978 in Argentinien mit der Militär-Diktatur und ihren 30.000 Todesopfern so, das war vor 4 Jahren in Russland mit dem Despoten Putin so, das wird in der harten Autokratie Katar nicht anders sein. Die Karawane zieht weiter ...

Was zählen Menschenrechte, ja – was zählen Menschenleben (in Katar ist von mindestens 6500 Todesopfern unter den Arbeitsmigranten die Rede), wenn es einzig darum geht, eine große Show auf die Bühne zu stellen, die nichts anderes als Blendwerk ist? Diese Fragen begleiten uns ja nicht erst seit gestern, die Fakten sind seit geraumer Zeit bekannt. Aber Konsequenzen hat niemand gezogen, über eine Teilnahme-Verweigerung ist nie ernsthaft geredet worden. Man kann es sich auch so einfach machen wie ein deutscher Nationalspieler, der 1978, angesprochen auf einen Boykott der Argentinien-WM, antwortete: "Warum sollten wir? Von deutschen Folteropfern habe ich nichts gehört."

Also: Vorhang auf für das bunte Treiben im neuen Disneyland des Fußballs. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Wir sollten uns nicht wundern, würde Fifa-Boss Infantino zur Eröffnungsfeier auf dem fliegenden Teppich ins Stadion schweben und Frieden auf Erden verkünden. Er hat sich ja schon einmal darauf festgelegt, dass Katar am Ende die beste WM aller Zeiten erlebt haben wird. Was zählen da die Kollateralschäden?


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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