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"Nun ward der Winter unsers Mißvergnügens“

Die Mehrheit der Deutschen ist klüger, als viele denken – und sie weiß um die notwendige Solidarität in den Zeiten der Pandemie.

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„„Richard III.“, das wohl gnadenloseste Drama des unerreichten William Shakespeare, beginnt mit der Zeile „Now is the winter of our discontent”. In der klassischen Übersetzung von August Wilhelm Schlegel: „Nun ward der Winter unsers Mißvergnügens“. Dann folgt eine Geschichte um Tod und Teufel.

Diesen Winter haben wir jetzt in Deutschland. Der Winter 2020/2021 wird kein Vergnügen. Er wird eine Charakterprobe: Wie groß ist die gesellschaftliche Solidarität wirklich?

Was ist politische Kunst? Wenn die Verantwortlichen permanent auf Sicht fahren müssen und gleichzeitig nicht die Ahnung für das Geschehen am Horizont aus dem Auge verlieren. Das ist Merkel und Scholz besser gelungen als den Regierenden in den anderen westlichen Staaten. Aber der schwierigste Teilabschnitt kommt noch. Wir müssen es schaffen, ohne erneuten Lockdown über den Winter zu kommen. Denn, da bin ich sicher, im Frühjahr 2021 wird es einen Impfstoff geben.

Gerade die deutschen Biotech-Ingenieure sind Weltspitze – und sie arbeiten atemberaubend schnell. Aber vor den neuen Medikamenten und dem Impfstoff liegt dieser Winter des Missvergnügens. Leider gehört Rhetorik nicht zu den Stärken der Kanzlerin. Dabei wäre unerhört wichtig, dass Angela Merkel in einer programmatischen Rede ihren Mitbürgern erklärt, was nun zu tun ist. Und vor allem, was nicht. Die größte Gefahrenquelle sind, da gibt es keine zwei Expertenmeinungen, unkontrollierte Begegnungen. Ob Großhochzeiten, normale Familienfeiern, Partys aller Art. Das muss aufhören. Das muss sanktioniert werden. So verständlich es ist, dass Jugendliche ihren Spaß nicht verlieren wollen: Es ist unkontrolliert zu gefährlich. Es gibt da eine brutale Logik. Gerade weil die Krankheitsverläufe bei jungen Menschen fast immer nur leicht sind, werden diese fahrlässig. Und dann besuchen sie drei Tage später ihre geliebte Oma. Ein kausaler, letaler Zusammenhang. Das Fatale ist, dass man Dumme nicht argumentativ überzeugen kann, denn Dumme wissen ja nicht, dass sie dumm sind – sonst wären sie nicht dumm.

"Eine demokratische Gesellschaft kümmert sich um Alte und Schwache."Dr. Dirk Dasenbrock

Es ist ein staatsphilosophisches Dilemma: Die Freiheit der Bürger als höchstes Gut in einer Demokratie nimmt dauerhaft Schaden, wenn durchsanktioniert wird. Gleichzeitig muss aber gehandelt werden. Sonst ist der Schaden für alle noch viel größer als ohnehin schon. Der entscheidende Punkt lautet: Solidarität. Eine demokratische Gesellschaft kümmert sich um Alte und Schwache. Das ist beinahe ihr größtes Verdienst. Aber das heißt: Die Solidarität muss für einen begrenzten Zeitraum das höchste Gut sein – samt Handlungsinstrumentarium. Es ist eine Bestimmung in Gefahr und höchster Not. In einer Demokratie nimmt die Mehrheit Rücksicht auf die Minderheiten. Diese Mehrheit in Deutschland ist klüger, als viele denken. Sie ist in überragender Zahl für eine zeitlich begrenzte Freiheitsbeschränkung, um den größeren Schaden abzuwenden. Das ist eine kluge Bürgerschaft. Im übrigen verhalten sich nicht nur junge Menschen unsolidarisch. Auch die Chefs der Bundesländer haben in den letzten Tagen mit ihrer je eigenen Agenda unsolidarisch agiert. Kein gutes Beispiel. Das ist nicht Föderalismus. Das ist verkappter Wahlkampf auf Kosten aller.

Angela Merkel ist krisenbewährt. Trotzdem wünschte ich mir in diesen Tagen eine geschliffene Ansprache an ihre Bürger: Dieser Winter wird hart, er wird kein Vergnügen. Aber wenn wir solidarisch handeln, können wir das Katastrophenszenario abwenden. Und, ganz wichtig: Der Ausnahmezustand ist endlich, er ist zeitlich begrenzt. Das Ende ist absehbar. Aber vorher müssen wir durch diesen Winter kommen. Wenn wir Abstand halten, demonstrieren wir unsere Nähe.

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