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Neue Klassenräume braucht's, aber wo?

Aufstockung oder Neubau an der Gerbertschule: Der Visbeker Rat beauftragt die Verwaltung mit einer detaillierten Kostenschätzung. Zwei CDUler bringen eine andere Option ins Spiel und scheren aus.

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Zur Diskussion: Auf dem vorderen Parkplatz neu bauen oder hinten über der Pausenhalle der Gerbertschule aufstocken? Foto: Ferber

Zur Diskussion: Auf dem vorderen Parkplatz neu bauen oder hinten über der Pausenhalle der Gerbertschule aufstocken? Foto: Ferber

Wird es auch in Zukunft keine Neueinteilung der Schuleinzugsgebiete in der Gemeinde Visbek geben, sind als Konsequenz öffentlich in der Politik bisher zwei Modelle diskutiert worden, um den steigenden Schülerzahlen gerecht zu werden: eine Aufstockung der Gerbertschule oder ein ergänzender eingeschossiger Neubau gegenüber auf dem jetzigen Parkplatzgelände. In der jüngsten Ratssitzung ist nun überraschend eine andere Option aufs Tapet gebracht worden. Aber der Reihe nach.

Neubau bietet mehr Flexibilität

Zunächst erläuterte Gaby Tönnies aus dem Bauamt der Gemeinde wie zuvor in den Fachausschüssen noch einmal den Sachverhalt. Um eine Vierzügigkeit der Gerbertschule mit weiteren Klassen-, Gruppen- und Fachräumen zu ermöglichen, wäre eine Möglichkeit besagte Aufstockung über der Pausenhalle. Haken: "Der Baukörper müsste aufgeständert werden, weil das vorhandene Gebäude nicht belastbar ist", erklärte Gaby Tönnies, die die Kosten grob mit rund 2,5 Millionen Euro bezifferte. Zudem bliebe man bei dieser Lösung letztlich wieder im Bestandsgebäude gefangen, wäre nicht flexibel. Flexibilität böte indes ein Neubau auf Höhe der Pausenhalle auf der Fläche gegenüber. Der ließe sich so planen, dass sich später bei Bedarf – etwa mit Blick auf eine Mensa und Ganztagsbetreuung – ein Treppenhaus und damit ein oberer Bereich integrieren ließe, erläuterte Tönnies. Auch könnten Parkplätze vorne an der Vitusstraße erhalten bleiben und die Kosten lägen nach ersten Kalkulationen im Bereich von 1,5 bis 1,7 Millionen Euro.

Zentrale Frage, die die Variante Neubau aufwirft, ist, wie die Schülerinnen und Schüler künftig dann sicher die Mühlenstraße queren können. "Denn der Pausenaufenthalt würde weiter auf dem Schulhof stattfinden", so Gaby Tönnies. Die Gemeindemitarbeiterin präsentierte im Rat erste Vorschläge eines Fachbüros – als da wären: eine Straßenverlegung nach Osten, also eine geänderte Verkehrsführung; bei zweigeschossiger Bauweise eine Überführung (Fußgängerbrücke), eine Umleitung des Verkehrs während der Überquerungszeiten (mit Polleranlage?) und eine Überquerungshilfe, zum Beispiel Zebrastreifen oder Bedarfsampel.

Vorschlag in Fraktionssitzung unterbreitet

Von CDU-Ratsherr Andreas kl. Lamping aus Erlte gab es im Rat weder für die Aufstockungs- noch für die Neubauidee grünes Licht. Stattdessen präsentierte er einen dritten Vorschlag, den er und Maria Freese, CDU-Ratsfrau aus Hagstedt, zuvor ihren Parteifreunden in einer Fraktionssitzung unterbreitet hatten. "Unser Vorschlag war es, die 4 Klassenräume in den bereits bestehenden Gebäuden der Grundschulen in Hagstedt und Erlte unterzubringen. Der Platz würde ausreichen und technisch möglich ist es auch", erklärte kl. Lamping. Überdies halte man dies für das pädagogisch wertvollere Konzept, "weil es die Entwicklung einer Großschule verhindert und im Ergebnis dazu führt, dass wir unsere Schulstandorte tatsächlich stärken und dass wir weiterhin kleine Grundschulstandorte haben, auf die wir zurecht stolz sein können".

"Wir, die Ratsmitglieder der Gegenwart und der Vergangenheit, haben die Entscheidungen getroffen, die zu dieser Haushaltslage geführt haben."Andreas kl. Lamping, CDU-Ratsherr Visbek

Kl. Lamping verwies in dem Kontext auf die Gemeinde Goldenstedt und deren Pläne für Ellenstedt, benötigte Räume im Bestand der St. Heinrich-Schule zu schaffen. Geschätzte Kosten: 300.000 Euro. "Unsere, zugegebener Weise rudimentäre, aber vorsichtige Kostenschätzung lag bei zirka 350.000 Euro je Grundschule", sagte Andreas kl. Lamping. Der Vorschlag, so der Ratsherr weiter, sei trotz des deutlichen Kostenvorteils von der CDU abgelehnt worden, ebenso der Antrag, ihn auf Wirtschaftlichkeit und technische Umsetzung zu überprüfen. Daher konnte sich kl. Lamping eine kleine Spitze, wohl auch in Richtung seiner eigenen Fraktion, nicht verkneifen. "In nur wenigen Minuten werden wir den Haushalt beraten und mit hoher Sicherheit werden sich Mitglieder dieses Rates melden und die Höhe unseres Schuldenstandes bedauern, aber auch rechtfertigen. Der eine oder andere wird vielleicht in die Zukunft schauen und den zukünftigen sparsamen Umgang mit dem Steuergeld anmahnen. Man wird darauf verweisen, dass zwingend Sondertilgungen zu tätigen sind, um die Lage schnell wieder in den Griff zu bekommen. Wir, die Ratsmitglieder der Gegenwart und der Vergangenheit, haben die Entscheidungen getroffen, die zu dieser Haushaltslage geführt haben." Er sei daher sehr gespannt, wer jetzt für die teurere Lösung stimme und gleich erkläre, wie der neue Rat es besser machen könne. "Ich sehe mich nicht in der Lage, insbesondere vor dem Hintergrund der finanziellen Auswirkungen, den vorliegenden Beschluss der CDU mitzutragen", erklärte Andreas kl. Lamping.

Als Erster danach ergriff Martin Rohe (SPD) das Mikro – und stellte klar: "Wir sind nicht für eine aufgezwungene Ganztagsschule. Wir tragen das, was die Schulträger, die Lehrer und auch die Eltern möchten, gerne mit." Es müsse mit Weitblick in die Zukunft gehandelt, auch die Möglichkeit einer Mensa mit eingeplant werden. Er favorisiere daher den Neubau gegenüber. Rohe erinnerte an den Ratsbeschluss aus dem März, nach dem es – zumindest für das Schuljahr 2020/21 – keine Neueinteilung der Schuleinzugsgebiete geben wird. Eine Änderung wiederum wäre Voraussetzung für einen Ausbau der Standorte Erlte und Hagstedt.

Reaktion aus der Opposition

Während Josef Diersen (Bündnis 90/Die Grünen) vom Vortrag kl. Lampings "sehr überrascht" war, ihn gar als "Novum" wertete, zollte Bernhard Schmidt, Fraktionsvorsitzender der FDP, dem CDU-Ratskollegen seinen Respekt für dessen klare persönliche Meinung – bedauerte allerdings, dass die fraktionsinterne Diskussion nicht stärker an die Öffentlichkeit gedrungen sei. "Dann hätte man den Antrag, die Idee intensiver verfolgen können." Die FDP indes habe sich immer eher für die Erweiterung der Gerbertschule ausgesprochen, um deren Vierzügigkeit auf Dauer wieder herzustellen und einen für zukünftige Entwicklungen flexiblen Standort zu haben. Die Frage der Verkehrsführung hätte ihn aber nicht überzeugt. "Sehr unbefriedigend", lautete Schmidts Urteil.

Öffentliche Rückendeckung erhielt Andreas kl. Lamping erwartungsgemäß von Parteifreundin Maria Freese. Sie positionierte sich ebenfalls sowohl gegen eine Aufstockung der Gerbertschule als auch gegen die Neubaupläne – "vor dem Hintergrund, dass wir mit Geld, welches wir nicht haben, Räume bauen, die wir so nicht benötigen". Zudem, führte Maria Freese aus, sei es mit dem Neubau vis-à-vis allein nicht getan, die veranschlagten 1,5 Millionen Euro reichten bei weitem nicht aus. Auch sei seitens der Elternschaft kein Antrag zu erwarten, die Ganztagsschule einzuführen, da die flexible Nachmittagsbetreuung in der Gemeinde sehr gut sei. "Es ist nicht sinnvoll, eine Mensa zu planen für einen Ganztag, den wir auf absehbare Zeit personal bedingt nicht haben werden. Wir sollten verantwortungsbewusst vorhandene Kapazitäten nutzen", erklärte Maria Freese.

Verwaltung: 294 Nachfragen nach Bauplätzen

Ulrich Hogeback, parteiloses Mitglied der FDP-Fraktion, befand den Vorschlag des CDU-Duos als "diskutabel" – und beantragte eine Kostenprüfung seitens der Verwaltung für eine mögliche Erweiterung der Schulgebäude in Erlte und Hagstedt. "Das wäre ein Zeichen der Würdigung dieser Idee", so Hogeback. Erich Wesjohann, Fraktionsvorsitzender der CDU, sprach sich pro Neubau mit Option Mensa aus und mahnte an, Folgekosten mitzubedenken. Klaus Muhle (CDU) argumentierte in ähnliche Richtung. "Sobald wir an Bestände rangehen, kommen andere Kosten dazu. Das haben wir oft erlebt."

Bürgermeister Gerd Meyer (CDU) stellte klar: "Wir planen jetzt keine Mensa, wir schaffen, wenn wir gegenüber gehen, nur die Möglichkeit, künftig dafür gewappnet zu sein." Gleichzeitig unterstrich der Verwaltungschef die auch künftig zu erwartenden hohen Schülerzahlen – Stand letzte Woche lägen 294 Anfragen bei der Gemeinde nach Bauplätzen vor. Meyer erklärte außerdem, dass er bei der vorgeschlagenen Erweiterung in Erlte und Hagstedt mit deutlichen höheren Kosten rechne als den grob veranschlagten
350.000 Euro pro Grundschule.

Genauere Zahlen soll die Verwaltung nun bis zum nächsten Sitzungsdurchlauf eruieren. Denn der Antrag von Ulrich Hogeback wurde bei einer Enthaltung mit 12 zu 9 Stimmen angenommen. Weiterhin soll bis dahin laut Ratsmehrheitsbeschluss eine detaillierte Kostenschätzung für die Aufstockung der Gerbertschule sowie für das Modell Neubau samt Verkehrskonzept vorliegen. Der Beschlusszusatz, dass die bestehenden Schuleinzugsgebiete erhalten bleiben und nicht verändert werden, wurde (vorerst) gestrichen.

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