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Nacktbilder oder nackte Daten?

Der iPhone-Hersteller Apple will private Fotos und Videos seiner Nutzer auf kinderpornografische Inhalte scannen – und inszeniert sich damit als Held. Das Vorhaben hat bloß einen großen Haken.

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Lange Zeit war iPhone-Hersteller Apple ein Zugpferd in puncto Datenschutz. Noch 2015 brüstete sich das Unternehmen damit, dem FBI den Zugriff auf das Smartphone eines toten Terroristen zu verwehren. Alles für die Privatsphäre. Eine eiserne, harte Linie.

2021 sieht die Welt anders aus. Längst hat das Unternehmen Gefallen daran gefunden, mit den Daten seiner Nutzer zu hantieren – und sich gleichzeitig als Held zu inszenieren. Der Konzern mit dem angebissenen Apfel als Logo will, in Kooperation mit der US-Regierung, iPhone-Datenbanken nach Kinderpornografie scannen. Dazu werden sämtliche Fotos und Videos, die Kinder über Messenger-Dienste versenden und empfangen, beleuchtet. Ein weiterer Teil von Apples Offensive ist, dass der Konzern Fotos auf Geräten von US-Kunden bei der Nutzung des hauseigenen Online-Speicherdienstes iCloud mit einer Liste von bekanntem kinderpornografischen Material abgleichen lässt.

Was im ersten Moment nach einem ethisch einwandfreien und heroischen Service klingt, ist in Wahrheit höchst gefährlich. Denn mit der neuen Software könnte es  zu einem Zensurmechanismus kommen, der nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern rund um den Globus greifen könnte. Das Unternehmen könne so schnell zum Werkzeug der Regierung werden, warnt Professor Matthew Green von der Johns-Hopkins-Universität. Apple tritt diesen Befürchtungen entgegen. Natürlich. Über sogenannte Hashes werde die End-zu-End-Verschlüsselung nicht angefasst.

Täglich aktualisierter, digitaler Pass ist die Achillesferse der Moderne

Und sowieso: "Warum benötige ich diese Form von Privatsphäre, wenn ich sowieso nichts zu verbergen habe?" Eine häufig gestellte Frage im Kontext des Datenschutzes. Für den Einzelnen lässt sich die Frage einfach beantworten: Das Vorhaben von US-Regierung und Apple wäre ein Türöffner ins Wohnzimmer eines jeden Bürgers. Der ohnehin schon leichtfertige Umgang mit den eigenen Daten (siehe Alexa und Co.) würde weiter entgrenzt. In funktionierenden Demokratien mag das (vorerst) kein Problem sein. In Ländern wie Russland oder China können die Regierungschefs eigene Hashes einfordern und so gezielt auch Regimegegner oder kritische Journalisten ausfindig machen – zum Nachteil des schwachen Einzelnen.

Das umgekehrte Beispiel: Whistleblower Edward Snowden. Er veröffentlichte geheim gehaltene Papiere der US-Regierung. Das Weiße Haus ging anschließend an die Decke. Die Stimme der Regierung ist in diesem Fall stärker als die des Individuums. Das zeigt dennoch: Der digitale Pass, den das Smartphone täglich aktualisiert, ist die Achillesferse der Moderne für das Individuum und das Kollektiv – wenn mit ihm nicht sorgsam umgegangen wird.

Zu guter Letzt muss die Frage ob der vermeintlich revolutionären Neuerung von Apple erlaubt sein: Können Eltern nicht selbst auf ihre Kinder aufpassen und so viel Verantwortung tragen, mit auf die Messenger-Dienste der Kleinsten zu schauen?

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