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Mit dem Papst beim Corona-Test

Kolumne: Auf ein Wort - Papst Franziskus hat die Corona-Zeit genutzt, um mit „Fratelli Tutti“ seine dritten Enzyklika zu schreiben. Er warnt darin vor den „Schatten einer abgeschotteten Welt“.

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Papst Franziskus hat die Corona-Zeit genutzt, um seine dritten Enzyklika zu schreiben. Ich habe meine eigene Quarantäne-Zeit genutzt, um diese neue Rundschreiben an die Welt zu lesen: „Fratelli Tutti“. Der Papst lädt seine Leserschaft zu einem Corona-Test der etwas anderen Art ein. Und so wie der Facharzt bei seinen Untersuchungen womöglich einen Schatten auf der Lunge diagnostiziert, so beschreibt er die „Schatten einer abgeschotteten Welt“: Egoismus, Nationalismus, Populismus, Extremismus und Terrorismus. Diese globalen Krankheiten fordern die Menschheit insgesamt heraus. Und daher wendet sich der Papst ausdrücklich an „alle Menschen guten Willens“.

Ehrlich gesagt: Etwas guter Wille ist beim Lesen „Fratelli Tutti“ schon notwendig. Auf den ersten Blick sieht das alles eher nach „Tutti frutti“ aus: Von Abtreibung und Algorithmen bis hin zu Zinspolitik und Zwangsprostitution kommen nahezu alle globalen Problemfelder vor. Da liegt für meinen Geschmack thematisch etwas zu viel auf dem Teller.

Auf der anderen Seite ist der Papst vielleicht eine der letzten Instanzen, der nicht nur die katholische Welt zuhört. Die globalen Krankheiten unserer Zeit sind ihm ein großes Anliegen. Aber „Fratelli Tutti“ dreht sich nicht nur um die Diagnose. Es geht vor allem um eine wirksame Therapie.


"Brücken bilden statt Mauern bauen – das ist der alte Traum Gottes und der Menschen."Dr. Marc Röbel

Dazu greift Franziskus in die biblische Hausapotheke. Das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter dient als Folie für unsere Fragen: Wer sind die Räuber, die Verletzten, die mitleidlosen Kultdiener unserer Zeit – und an welcher Stelle kann ich selbst ein barmherziger Samariter werden?

Papst Franziskus setzt darauf, dass solche Schätze unserer christlichen Tradition auch Andersgläubigen einleuchten. Was er daraus für uns alle ableiten will, ist das Thema einer neuen Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft. Das gilt für die Wirtschaft und Politik im Großen und für uns alle im Kleinen.

„Fratelli Tutti“ enthält nicht unbedingt neue Gedanken, dafür die Neubelebung eines alten Vorschlags: Franz von Assisi ist in seiner Zeit auf den Sultan zugegangen, den führenden Vertreter der islamischen Welt. Papst Franziskus erinnert an seine Begegnung mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyeb in Abu Dhabi. Brücken bilden statt Mauern bauen – das ist der alte „Traum“ Gottes und der Menschen: „Fratelli Tutti“ – alle sind hier als Schwestern und Brüder angesprochen.

Ob Präsident Trump die neue Enzyklika auch schon gelesen hat? Die Lektüre könnte sich für ihn lohnen. Er könnte damit auch innerlich in Quarantäne gehen. Einige Passagen scheinen sich direkt an Trump zu richten: Lesen Sie doch einmal die Aussagen über die „Kultur der Mauern“ (Abschnitt 27). Oder noch besser: Lesen Sie, was der Kultur der sozialen Freundschaft in Ihrer eigenen Umgebung dient.


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

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