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Ministerium will Tierhaltung übers ganze Land verteilen

Der Plan sieht den Abbau der Viehbestände im Nordwesten vor. Neue Ställe soll es in Ackerbauregionen geben.  Das Vorhaben trifft auf massiven Widerstand der Agrarbranche im Oldenburger Münsterland.

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Wirtschaftsfaktor Schwein: Im Nordwesten gibt es viele Ställe �� und die komplette Wertschöpfungskette zur Tierhaltung. Foto: dpa/Rehder<br>

Wirtschaftsfaktor Schwein: Im Nordwesten gibt es viele Ställe �� und die komplette Wertschöpfungskette zur Tierhaltung. Foto: dpa/Rehder

Ob Schweinemast, Rinder- oder Geflügelhaltung: Nutztierhalter in Niedersachsen stehen enorm unter Druck. Die Gesellschaft fordert mehr Tierwohl in den Ställen, die ausländische Konkurrenz ist enorm, Handelsketten setzen die Preise fest, bieten Fleisch massenweise billig an. Außerdem: Tierhalter müssen beim Natur-, Umwelt- und Klimaschutz viel mehr leisten als zuvor – neue Gesetze sorgen für weitere Auflagen.

Angesichts dieser Situation hat das Agrarministerium in Hannover ein Strategiepapier unter dem Titel "Für eine zukunftsfähige Nutztierhaltung in Niedersachsen" vorgelegt. Dabei wird auch die Bedeutung technischer Innovationen hervorgehoben. Ebenso gab das Haus von Ressortchefin Barbara Otte-Kinast (CDU) ein Bekenntnis zum Systemwechsel in der Tierhaltung ab, wie ihn die Kommission unter der Leitung von Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert erarbeitet hat.

Das erklärte Ziel der Strategie sei, einen Strukturbruch im ländlichen Raum zu vermeiden. Zugleich wird auf den zwölf Seiten dies propagiert: In viehdichten Regionen sollen Tierzahlen reduziert werden. Und in vieharmen Regionen soll es „eine Stärkung der Nutztierhaltung“ geben. Heißt: Die Tierhaltung soll übers ganze Land verteilt werden.

Fördergelder für Tierhaltung in Ackerbaugebieten

Geplant sind Modellregionen in Südostniedersachsen zur nachhaltigen Nutztierhaltung – samt regionaler Schlachtung und Vermarktung. Hierfür soll es Fördergelder geben.

Doch: Welche Perspektiven haben die Landkreise Vechta und Cloppenburg mit diesem Plan aus Hannover? Die Frage drängt sich auf, weil der Wohlstand der Region stark von der Tierhaltung abhängt. Auch alle vor- und nachgelagerten Bereiche von der Futtermittelherstellung bis zur Schlachtung und Verarbeitung sind hier ansässig. Die Branche dominiert die Wirtschaft vor Ort.

Droht beim geplanten Abbau der Viehzahl der ökonomische Kollaps? Reaktionen auf die Nutztierstrategie im Überblick:

Agrar- und Ernährungsforum (AEF):

Das Papier des Landwirtschaftsministeriums löse bei ihm "nur ungläubiges Kopfschütteln aus", sagte Uwe Bartels, der Vorsitzende des Agrar- und Ernährungsforums Oldenburger Münsterland (AEF). Er stellte diese Frage: "Wie kann das Ministerium zu einer Zeit, in der die Veredelungsregionen sich konstruktiv an der Neuausrichtung der Tierhaltung einbringen (...), den Rückbau der Tierhaltung und deren Verlagerung (...) (...) in die Ackerbauregionen des Landes als Zielvorgabe postulieren?"

Der Vorsitzende des AEF, dem etwa 100 Firmen angehören, verwies hierauf: Die Landesregierung sei sich bisher immer der Bedeutung der Agrar- und Ernährungswirtschaft für die Boom-Region Oldenburger Münsterland bewusst gewesen. Sowohl von der Landesregierung als auch vom AEF sei die Notwendigkeit der Neuausrichtung der Tierhaltung als vorrangig angesehen worden.

Kritik am Strategiepapier: Uwe Bartels, AEF-VorsitzenderKritik am Strategiepapier: Uwe Bartels, AEF-Vorsitzender

Deshalb sei vor vier Jahren der Transformationsverbund aus Wissenschaft, Wirtschaft und Ministerien ("Trafo-Agrar") am Standort Vechta ins Leben gerufen worden. Bartels, vormals niedersächsischer Agrarminister, erklärte zum Verbund "Trafo-Agrar": Die Region soll als Reallabor für den Wandel in der Agrar- und Ernährungswirtschaft "beispielhaft die eigene Neuausrichtung betreiben".

Es seien bereits viele Innovationen "von den Unternehmen bis zur Einsatzreife gebracht worden". Er nannte die Bereiche Haltungssysteme, Robotik, Digitalisierung, Treibhausgasreduzierung, Tierwohlverbesserung, Güllereduzierung sowie die Aufbereitung von Gülle und Gärresten

Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN):

Deutliche Kritik an dem im Strategiepapier formulierten Vorhaben, die Tierhaltung in Niedersachsen neu zu verteilen, gab es auch von der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) mit Sitz in Damme. "Mit dem Ziel, den Abbau der Viehbestände in den viehstarken Regionen voranzutreiben und den Aufbau in den viehextensiven Regionen zu fördern, ist die Landesregierung (...) auf dem Holzweg", sagte ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack.

"Das funtioniert nicht."Dr. Torsten Staack, ISN-Geschäftsführer über die regionale Umverteilung der Tierhaltung

Westniedersachsen habe sich "nicht umsonst zum Silicon Valley der Agrar- und Ernährungsindustrie entwickelt". Die kurzen Wege hätten "viele Innovationen hervorgebracht, die der ganzen Region wirtschaftlichen Erfolg und auch Arbeitsplätze beschert haben".

Wenn das Ministerium nun auf eine regionale Umverteilung der Tierhaltung setze, dann bedeute das "im Klartext" die Schwächung der im Nordwesten "erfolgreichen Wertschöpfungskette (...) in Gänze".

Dabei werde der Strukturwandel in der Tierhaltung in den kommenden Jahren "ohnehin schon enorm sein". Das dürfe "die Landesregierung nun nicht auch noch befeuern". Der Strukturwandel könne nicht durch mehr Tierhaltung in den Regionen, in denen es bislang wenig Vieh gebe, abgefangen werden. "Das funktioniert nicht", sagte Staack.

"Sehr viele Arbeitsplätze stehen in direktem Zusammenhang mit der Agrar- und Ernährungswirtschaft."Dr. Johannes Wilking, Vorsitzender Kreislandvolk Vechta

Kreislandvolk Vechta:

"Leider gibt das Papier bei den entscheidenden Fragen keine oder kaum konkrete Antworten", monierte der Vorsitzende des Kreislandvolkverbands Vechta (KLV), Dr. Johannes Wilking. Wie die benannten Ziele erreicht werden sollen, bleibe unklar oder sei "sogar widersprüchlich".

So sei von Abstockungen der Tierbestände im Weser-Ems-Gebiet die Rede und von eventuellen Aufstockungen in den Ackerbauregionen. "Das verwundert mich, denn andere Regionen in Niedersachsen hatten doch mindestens 50 Jahre Zeit, Tierhaltungskompetenzen aufzubauen", sagte Wilking.

Legt Strategiepapier vor: Barbara Otte-Kinast (CDU) Foto: dpaLegt Strategiepapier vor: Barbara Otte-Kinast (CDU) Foto: dpa

"Zudem haben mögliche Abstockungen nichts mit Tierwohl zu tun", führte er aus. Sollte das Vorhaben umgesetzt werden, würde neben der eigentlichen Tierhaltung "auch die gesamte Wertschöpfungskette in Weser-Ems getroffen". Wilking mahnte in Richtung Hannover: "Sehr viele Arbeitsplätze stehen in direktem Zusammenhang mit der Agrar- und Ernährungswirtschaft."

Wilking hatte aber dieses vorsichtige Lob: "Das Strategiepapier zeigt gut die vielen Problemlagen und Herausforderungen der Tierhaltung auf." Auch die Ziele, die sich weitestgehend am Borchert-Papier orientieren, würden "durchaus in eine richtige Richtung" zeigen.

Kreislandvolk Cloppenburg:

"Keine Bestandsminderung" dürfe es geben, hieß es vom Geschäftsführer des Cloppenburger Kreislandvolks, Bernhard Suilmann. Weitere Grundforderungen mit Blick auf das Strategiepapier seien: Es müsse eine einfache bauliche Umsetzung für Tierwohlställe geben sowie die Sicherung bestehender. Für Betriebe sei es wichtig, langfristige Planungssicherheit zu haben. Außerdem müsste Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit gegeben sein.

Silvia Breher (CDU):

Die direkt gewählte Bundestagsabgeordnete für Cloppenburg-Vechta sagte: "Die niedersächsische Nutztierstrategie geht in die richtige Richtung und gibt uns damit in Berlin Rückenwind." Sie ging nicht auf den Plan einer Verteilung der Tierhaltung ein, hob die weiteren Aspekte des Plans hervor. Breher sagte, tiergerechtere Haltungssysteme müssten "machbar werden". Dafür sei das Bau- und Umweltrecht weiterentwickelt worden. "Damit ziehen wir an einem Strang", erklärte sie mit Blick auf das Strategiepapier.

Und: "Außerdem begrüße ich die Unterstützung der Vorschläge der Borchert-Kommission, den Mehraufwand der Landwirte durch eine Tierwohlabgabe verlässlich zur honorieren." Daran werde in Berlin bereits gearbeitet. Das Bundeslandwirtschaftsministerium werde dazu im Frühjahr die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie und eine Folgenabschätzung vorlegen.

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