Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Mikado ist keine Vorlage für Politik

Das Wahljahr steht vor der Tür: 2021 geht es um die Zukunft der Bundesrepublik. Wie wird sich Deutschland nach Angela Merkel verändern?

Artikel teilen:

2020 war nicht ein Jahr zum Vergessen – sondern zur Erinnerung und Analyse einer Katastrophe. Ein Seuchenjahr. Hoffentlich ziehen die Politiker in Berlin die richtigen Schlüsse. Zum Beispiel, dass es verheerend ist, wenn man Teile der Gesundheitsvorsorge aus ökonomischen Gründen privatisiert. 2021 ist aber das letzte Jahr einer vernunftbegabten Angela Merkel. Hinter den Kulissen hat schon das Hauen und Stechen um ihre Nachfolge begonnen.

Mitte Januar wird die CDU einen neuen Vorsitzenden bekommen. Röttgen, Laschet oder Merz – nach dem aktuellen Stand. Vorteil Merz: Die Delegierten des Parteitages werden insgesamt konservativer strukturiert sein als die CDU-Mitglieder insgesamt – oder gar die CDU-Wähler. Angela Merkel hat eine weitgehend sozialdemokratische Politik betrieben. Das hat die SPD in die 15-Prozent-Marginalisierung getrieben. Seit Monaten sind die Zahlen der Sonntagswahl-Umfrage stabil. Fast 40 Prozent für die Union, 20 Prozent für die Grünen, der Rest unter ferner liefen.

Aber das ist die Merkel-Umfrage. Im Januar wird nach jetzigem Stand Friedrich Merz neuer CDU-Chef. Dessen Ehrgeiz, im Herbst seiner Karriere nochmal das höchste Amt zu besetzen, kann man gar nicht überschätzen. Eine schwache Performance wie bei dem Duell mit Annegret Kramp-Karrenbauer wird ihm nicht nochmal passieren. Er ist ein Alphatier, ist alte BRD, ist Freund des freien kapitalistischen Marktes.

„Politiker, die Relevanz beanspruchen, müssen mit offenem Visier kämpfen.“Dirk Dasenbrock

Er würde natürlich die Kanzlerkandidatur für sich fordern. Und das wäre fatal für dieses Land. Es braucht keine Alphatiere, es ist eine neue, andere Republik, es sollte – und kann – wild gewordener Kapitalismus ordnungspolitisch eingedämmt werden. Aber nicht mit einem Kanzler Merz.

Eine kleine Vorhersage: Schwarz-Grün ist mit Merz eigentlich kaum denkbar. Die Grünen, die nach Teilhabe an der Macht lechzen, müssten sich bei dieser Personalie bis zur Unkenntlichkeit verbiegen. Und die SPD? Müsste vollkommen verrückt sein, wenn sie noch einmal die Rolle des Juniorpartners akzeptieren würde. Die Folge: ein machtpolitisches Vakuum, denn Rot-Rot-Grün hat 2021 keine Chance auf eine Mehrheit. Wenn es aber etwas gibt, was dieses Land nicht braucht, dann ist es ein machtpolitisches Vakuum ohne die Chance einer stabilen Regierung. Eine katastrophale Perspektive.

Was bislang fehlt: Dass sich einige handelnde Personen in der Union aus der Deckung wagen. Und Mut beweisen. Vor allem Jens Spahn und Markus Söder. Sie wären ein gutes Gespann, Spahn als CDU-Chef, Söder als Kanzlerkandidat. Beide haben sich 2020 als Krisenmanager etabliert. Eine schwarz-grüne Koalition könnte mit ihnen vieles, was richtig und zukunftsweisend wäre, auf den Weg bringen. Mikado ist keine Vorlage für verantwortungsvolle Politik. Politiker, die Relevanz beanspruchen, müssen mit offenem Visier kämpfen. Das kann doch nicht so schwer sein.

"Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist." Dieser Satz des Schriftstellers Giuseppe Tomasi di Lampedusa beschreibt die Notwendigkeit, Änderungen vorzunehmen – nicht um die eigene Identität zu zerstören, sondern um sie zu bewahren. Eine Gesellschaft als Ganzes besteht aus Elementen, die ihre eigene Identität beschreiben, die sich zwar ständig ändern müssen, aber dennoch ihren Kern bewahren müssen. Man versteht eine Gesellschaft besser, wenn man Unveränderliches von Veränderlichem zu unterscheiden vermag. Man stellt dann fest, dass es wenig Unveränderliches gibt. Am Rest kann man arbeiten.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung 

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Mikado ist keine Vorlage für Politik - OM online