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„Lokalen Lockdown unbedingt verhindern“

Cloppenburgs Landrat Johann Wimberg kritisiert im Interview mit OM online die Undurchsichtigkeit des aktuellen Beherbergungsverbots. Die verhängte Sperrstunde allerdings verteidigt Wimberg.

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Kann weitere Maßnahmen nicht ausschließen: Cloppenburgs Landrat Johann Wimberg im Gespräch mit Chefredakteur Julius Höffmann.  Foto: Oliver Hermes

Kann weitere Maßnahmen nicht ausschließen: Cloppenburgs Landrat Johann Wimberg im Gespräch mit Chefredakteur Julius Höffmann.  Foto: Oliver Hermes

Was sagen die Experten: Warum hat sich der Kreis Cloppenburg innerhalb kurzer Zeit deutschlandweit an die Spitze der Hot­spot-Regionen gesetzt?
Das Geschehen rund um den Ausbruch im Schlachthof in Emstek ist in diesem Zusammenhang auffällig stark ins Gewicht gefallen und hat die Inzidenz für die letzten sieben Tage deutlich steigen lassen. Davon beeinflusst hatten wir in der letzten Woche allein an zwei Tagen einmal am Mittwoch 61 neue Fälle und am Donnerstag 46 neue Fälle zu verzeichnen. Hinzu kam auch, dass wir zuvor über einige Zeit hohe 7-Tages-Inzidenzen im Alten Amt Löningen hatten, die sich dann auf weite Teile des Kreisgebiets ausgedehnt haben. Diese Entwicklung war bis zum Ausbruch bei Vion allerdings rückläufig, die Lage entspannte sich langsam.

Aber auch unabhängig vom Schlachthof-Geschehen in Emstek entwickelt sich die Zahl der positiv Getesteten quer durch die Gesellschaft weiter nach oben und liegt jenseits der festgesetzten 50er-Inzidenzzahl. Sind die veranlassten Maßnahmen nicht ausreichend wirksam?
Die Maßnahmen sind sehr wohl wirksam. Die hohen Fallzahlen im Alten Amt Löningen haben wir durch unsere strengeren Regelungen spürbar verringern können. Es hat sich dann aber gezeigt, dass sich das Virus zunehmend auch im weiteren Kreisgebiet ausbreitet und dass Infektionen aktuell vermehrt vor allem im familiären Bereich auftreten. Es sind zunehmend auch Großfamilien betroffen. Auch im freikirchlichen Bereich gab es zuletzt deutliche Auffälligkeiten. Dieser Entwicklung soll mit den nun geltenden Kontaktbeschränkungen entgegengewirkt werden. Man kann nicht davon ausgehen, dass nur wenige Tage nach dem Erlass einer neuen Allgemeinverfügung sofort die Fallzahlen sinken. Das hat sich auch im Frühjahr gezeigt, als der Lockdown nicht unmittelbar zu einem Sinken der Neuinfektionen geführt hat. Doch können wir natürlich grundsätzlich keine Wunder bewirken. Den einen gehen sie zu weit, den anderen nicht weit genug. Am Ende kommt es entscheidend auf das freiwillige Mitwirken aller an, denn wir können die Maßnahmen zwar punktuell kontrollieren, aber wir können nicht flächendeckend Kontrolleure hinter jedes Haus, hinter jede Einrichtung oder Gaststätte positionieren.

Welche Rolle spielt dabei die individuelle Nachlässigkeit bei den Menschen? Wäre mehr Eigenverantwortlichkeit hilfreich?
Wir beobachten schon, dass sich die Mehrheit unserer Bürgerinnen und Bürger an die Regeln hält und sich auch intensiv mit diesen beschäftigt. Das zeigen die zahlreichen Anfragen und Mitteilungen, die   bei uns eingehen. Dennoch gibt es leider auch immer Ausnahmen. Wir haben absolut kein Verständnis für diejenigen Personen, die sich nicht an die Regeln halten und damit zum einen die Risikogruppen im Landkreis gefährden und zum anderen dafür gesorgt haben, dass Regeln durch die   steigenden Fallzahlen teilweise noch verschärft werden mussten.

Eine der jüngsten Maßnahmen der Behörden: das Beherbergungsverbot. Nicht nur Hoteliers und Gastronomen im Landkreis Cloppenburg schütteln den Kopf angesichts der Erkenntnis, dass von dort aufgrund vorhandener Hygienekonzepte keine Auffälligkeiten festgestellt werden. Wie lange geben Sie diesem Verbot noch, zumal mehrere Bundesländer nicht mitmachen?
Die uneinheitlichen Regelungen sind aus meiner Sicht sehr unglücklich. Die unterschiedlichen Varianten des Beherbergungsverbotes in den einzelnen Bundesländern sind für den Bürger   nicht transparent. Der Bürger verirrt sich in einem Dschungel von Informationen. Diese Undurchsichtigkeit kann dann auch schnell zu einem Akzeptanzverlust für die Maßnahme führen. Das Beherbergungsverbot wird hoffentlich am Mittwoch beim Gespräch der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten nochmals kritisch hinterfragt, einheitlich geregelt oder eingestellt. So macht es aus meiner Sicht keinen Sinn.

Verärgerung herrscht hier vor Ort auch aufgrund der jetzt geltenden Sperrstunde ab 23.30 Uhr: Können Sie die Sinnhaftigkeit dieser Aktion erläutern?
Ja, das kann ich. Bis 23.30 Uhr haben die Gäste eines Restaurants ausreichend Zeit, um ihre bestellten Speisen einzunehmen. Um diese Zeit sind die meisten Küchen bereits geschlossen. Mit der geltenden Sperrstunde wollen wir verhindern, dass die Gäste anschließend in den Restaurants länger zusammensitzen und Alkohol konsumieren.   Vor allem der Alkoholkonsum führt dann oft dazu, dass sich Gruppen vermischen und die Abstands- und Hygieneregeln nicht mehr eingehalten werden. Unsere Kontrollen haben doch mehr als deutlich gezeigt, welche Probleme in einigen Schankwirtschaften aufgetreten sind.   Bei mir ist wegen der Sperrstunde bis jetzt keine einzige Beschwerde eingegangen, vielmehr nehmen wir für diese Maßnahme deutlich mehr Verständnis wahr, als für andere Regeln. Selbst Klaus Fleming hat als Vorsitzender des Cloppenburger DeHoGa-Verbandes in Ihren Medien Verständnis für diese Maßnahme geäußert. Dass es dennoch einzelne Wirte gibt, die in der verständlichen Wahrnehmung ihrer wirtschaftlichen Interessen mit dieser Regelung nicht glücklich sind, kann ich grundsätzlich aber nachvollziehen.

Foto: HermesFoto: Hermes

Ein Cloppenburger Gastronom hat in den OM Medien vorgeschlagen, nach 23.30 Uhr keine neuen Gäste mehr einzulassen. Eine denkbare Alternative?
Wenn etwas wirken soll, können wir nur Maßnahmen veranlassen, die am Ende auch kontrollierbar sind. Daher ist der Vorschlag  keine denkbare Alternative. Wie soll bei einer Kontrolle verlässlich festgestellt werden, wer seit wann in dem Lokal sitzt?

Größer noch ist die Verwirrung um die sogenannte Inzidenzzahl. Warum gibt der Landkreis eigentlich keine eigene und tagesaktuelle Berechnung heraus, wie beispielsweise der Landkreis Vechta es auch macht?
Sowohl das Landesgesundheitsamt als auch das Robert-Koch-Institut berechnen die 7-Tages-Inzidenz. Bereits diese Zahlen weichen regelmäßig voneinander ab, weil sie zu unterschiedlichen Tageszeiten berechnet werden. Maßgeblich für unsere Maßnahmen ist die 7-Tages-Inzidenz, die vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA) berechnet wird. Für die bundesweite Bewertung spielt die Berechnung des Robert-Koch-Instituts die entscheidende Rolle, vor allem wenn es auch um Reisen in andere Länder und Bundesländer geht. Unsere im Dashboard auf unserer Homepage veröffentlichten Statistiken basieren auf den Fallzahlen, die unserem Gesundheitsamt bis um 13.30 Uhr gemeldet wurden. Ein von uns für diese Tageszeit berechneter 7-Tage-Wert würde folglich nochmals von den veröffentlichten Werten der offiziell anerkannten Institutionen abweichen und somit für noch mehr Verwirrung sorgen.

Wenn die Zahlen nicht zeitnah deutlich reduziert werden können: Ist ein regionaler Lockdown im Landkreis denkbar?
Natürlich wollen wir einen ­regionalen Lockdown unbedingt verhindern. Wenn die Fallzahlen nicht nachhaltig sinken, werden wir vor weiteren Maßnahmen aber nicht verschont bleiben. Wir alle haben es teilweise auch selbst in der Hand, und deshalb ist Eigenverantwortung von entscheidender Bedeutung.

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