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Lindern kämpft für seine Eigenständigkeit

1973 sollte Lindern der Gemeinde Lastrup zugeschlagen werden. Eine Bürgerinitiative verhinderte die Zusammenlegung.

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Für eine eigenständige Gemeinde: 2000 Linderner hatten sich auf dem Marktplatz in Cloppenburg versammelt. Foto: Kock

Für eine eigenständige Gemeinde: 2000 Linderner hatten sich auf dem Marktplatz in Cloppenburg versammelt. Foto: Kock

Am 5. Juli 1973 - also vor 47 Jahren - wurde die "Bürgerinitiative zur Erhaltung der Selbstständigkeit der Gemeinde Lindern e.V." gegründet. Am 2. Dezember 1974 war die Bürger­initiative Geschichte. Sie hatte ihren Zweck erfüllt: Lindern blieb selbstständig, die drohende Auflösung und Eingemeindung in die Gemeinde Lastrup war abgewendet.

Auf der Gründungsversammlung der Bürgerinitiative im Hotel Dröge wurden Gerhard Börries, Marren, zum Vorsitzenden; Heinrich Goldkamp, Lindern, zum 2. Vorsitzenden, Wilhelm Kock, Osterlindern, zum Schriftführer und Hans Gehlenborg, Lindern, zum Kassierer gewählt. Auslöser der Versammlung war die vom niedersächsischen Landtag geplante Gebietsreform,die unter anderem vorsah, die Gemeinde Lindern aufzulösen und Lastrup zuzuschlagen. In Lindern waren aber die Erinnerungen an die zwangsweise Zusammenlegung der Gemeinden Lastrup und Lindern von 1933 bis 1946 noch wach. Und sie waren nicht gut.

"Zusammenlegung hätte nur Nachteile gehabt"

Eine erneute Zusammenlegung, so die Befürchtungen, hätte nur negative Folgen für Lindern. Die wirtschaftliche Entwicklung könnte gehemmt werden, es würde keinen eigenen Finanzplan, keinen eigenen Flächennutzungsplan, keine eigene Bauleitplanung und weniger Einfluss auf die Verwendung von Steuern geben. Weniger Einfluss auf Straßen- und Wegebau, Erstellungen von Kanalisation, Kläranlage, Entwässerung und Straßenbeleuchtung sowie die Vernachlässigung der weiteren Entwicklung von schulischen, sportlichen und kulturellen Einrichtungen könnten weitere Folgen sein. Der Vorstand der Bürgerinitiative forderte alle Einwohner der Gemeinde Lindern auf, die Bürgerinitiative nach besten Kräften zu unterstützen.

Symbolträchtig: Protestplakat auf einem Goggomobil. Foto: KockSymbolträchtig: Protestplakat auf einem Goggomobil. Foto: Kock

Anfang August 1973 verabschiedete das Niedersächsische Kabinett den Gesetzesentwurf zur Gebietsreform. Aus 38 Städten und Gemeinden der Landkreise Cloppenburg und Vechta sollten 23 neue Verwaltungseinheiten gebildet werden. Der Landkreis Cloppenburg sollte mit seinen 18 Gemeinden auf zwölf reduziert werden. Altenoythe (trotz nachhaltiger Proteste und Interventionen) wurde nebst Markhausen und Neuscharrel der Hansestadt Friesoythe zugeschlagen. Cappeln zu Cloppenburg bzw. Emstek, (Cappeln blieb aber später selbständig) sowie Lindern zu Lastrup.

Die Kommunen Ramsloh, Scharrel und Strücklingen vereinigten sich zur Gemeinde Saterland. Der Nachbarkreis Leer schluckte Idafehn I und II. Aschendorf-Hümmling gab an Friesoythe die Orte Gehlenberg und Neuvrees ab, Meppen an Löningen das Dorf Wachtum. Ungeschoren aus der Reform kam Molbergen, das zunächst mit der Kreisstadt Cloppenburg vereinigt werden sollte. Als die Verantwortlichen dann aber zu wenig Gemeinsamkeiten entdeckten, wurde der Plan fallengelassen.

2000 Demonstranten aus Lindern protestierten in Cloppenburg

Die Linderner Bürgerinitiative kündigte für den 18. August 1973 einen Protestmarsch nach Cloppenburg an. 2000 Demons­tranten machten sich von Lindern aus auf den Weg nach Cloppenburg, mit vielen Lastkraftwagen, Traktoren und Pkw. Der Protestzug war 14 Kilometer lang und drückte mit vielen Plakaten den Wunsch der Bevölkerung auf die weitere Selbstständigkeit der Gemeinde Lindern aus.

Der Vorsitzende der Bürgerinitiative, Gerd Börries, kritisierte den Gesetzentwurf der Landesregierung als „bar jeder Objektivität“ und. "Wenn wir die vorgesehene Auflösung unserer Gemeinde als notwendige Folge einer Entwicklung begreifen können, dann wären wir heute nicht hier", erklärte Börries während der Kundgebung. Lindern habe alles getan, um eine optimale Daseinsvorsorge für seine Bürger zu schaffen und damit die Vorteile, die durch die Gemeindereform erreicht werden sollten, bereits vorweggenommen. Die Festsetzung der Einwohnerzahl durch das Kabinett auf 5000 Einwohner bezeichnete Börries in diesem Zusammenhang als "fadenscheinige Prinzipienreiterei".

Über der Dorfstraße: Die Einwohner machen ihren Protest deutlich. Foto: KockÜber der Dorfstraße: Die Einwohner machen ihren Protest deutlich. Foto: Kock

Auch Linderns Bürgermeister Heinrich Lücken ging auf die seitenlangen Kommentare und Begründungen ein, die nach seiner Ansicht außer Phrasen und nichtssagenden Vergleichen einzig und alleine die Feststellung enthielten, dass Lindern mit rund 4000 Einwohnern nicht der geforderten Mindestzahl von 5000 entspreche und damit jedes Recht auf Eigenständigkeit verloren habe. "So geht das nicht. Das lassen wir uns in einer Demokratie nicht gefallen", sagte Lücken.

Nicht nur die auf der Versammlung in Cloppenburg anwesenden Oberkreisdirektor Dr. Joseph Schweer, der stellvertretende Landrat Olberding und der Vechtaer SPD-Landtagsabgeordnete Stein waren hellhörig geworden. Die Landesregierung nahm die geplante Zuordnung zur Gemeinde Lastrup zurück. Lindern hatte erfolgreich für seine Selbstständigkeit gekämpft.

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