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#LeaveNoOneBehind – Die Würde des Spargels ist unantastbar

Kolumne: Irgendwas mit # - Corona, Corona, Corona. Da kann die Flüchtlingssituation auf den griechischen Inseln ja schon mal untergehen. Aber wehe, die Spargelsaison fällt in diesem Jahr flach!

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Es sind Meldungen wie diese, die im allgemeinen Corona-Fokus untergehen: Die griechische Küstenwache hat am Freitag 51 Migranten vor der Insel Lesbos gerettet. Das Boot sei wenige Hundert Meter vor der Küste im Norden der Insel gekentert. Die Migranten, darunter viele Kinder, seien aus der Türkei am frühen Freitagmorgen aufgebrochen, wie der staatliche Regionalsender der Nordägäis berichtete. Alle seien wohlauf und wegen Corona unter eine zweiwöchige Quarantäne gestellt worden, hieß es.

Während viele Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa bei der Fahrt über das Massengrab Mittelmeer schon ihr Leben lassen mussten, geht die Reise für die 51 Migranten vorerst gut aus. Doch jetzt wartet das nächste Elend: Die Migranten werden in einem der zahlreichen Flüchtlingslager untergebracht. Diese sind nach der türkischen Grenzöffnung Anfang März aber bereits komplett überfüllt. Etwa 37.000 Menschen leben aktuell in Lagern auf den griechischen Inseln – dabei sind diese gerade einmal für 7000 Menschen ausgelegt.

"Lasst uns lieber über neue Kaufprämien diskutieren, statt uns mit der Situation in den Flüchtlingslagern zu beschäftigen."Bernd Bergmann, Volontär

Dicht an dicht, wie Tiere zusammengesperrt unter menschenunwürdigen Bedingungen: Kaum auszudenken, was passiert, wenn dort wirklich das Virus ausbricht. Die Organisation Seebrücke hat deshalb am Samstag zurecht unter dem Motto #LeaveNoOneBehind (deutsch: Lasst niemanden zurück!) für die Evakuierung der Lager demonstriert. Im Aufruf hieß es passend: „Ein Staat, der in kürzester Zeit 200.000 deutsche Tourist*innen zurückholen und 80.000 Erntehelfer*innen für die Rettung des deutschen Spargels einfliegen kann, zeigt deutlich seine Prioritäten.“

Tja, die Würde des Spargels ist unantastbar. Gerade erst wurde die Einreise für Saisonarbeiter bis Mitte Juni verlängert. Auch die Würde der Autolobby ist unantastbar. Lasst uns lieber über neue Kaufprämien diskutieren, statt uns mit der Situation in den Flüchtlingslagern zu beschäftigen.

Es geht mir hierbei aber nicht um die Landwirte. Sie sind schließlich wirklich auf die Erntehelfer angewiesen. Auch nicht um Autos. Nein, es geht mir um die Doppelmoral, die derzeit überall aber vor allem in der Politik an den Tag gelegt wird. Ständig wird ein neues milliardenschweres Hilfspaket für die Wirtschaft geschnürt, bei denen man sich sowieso fragt, wer das dann künftig bezahlen soll. Und es wird Solidarität gefordert. Das ist ja auch richtig, denn viele Menschen stehen aktuell vor großen Existenzfragen.

Gleichzeitig darf dies aber nicht der Grund sein, dass wir andere Probleme aus dem Blick verlieren. Denn wenn Milliarden für die Wirtschaft in die Hand genommen werden, dann muss auch noch etwas Geld für die Hilfe der Menschen in humanitären Notlagen da sein. Aber ich höre schon jetzt die Reflex-Schreie: „Erstmal sind unsere Leute dran!“ Beiden Seiten helfen? Geht nicht.

Ach ja, mein Fehler: Solidarität hat Grenzen. Und für das gute Gewissen: Die Bundesregierung hat ja sogar im April sage und schreibe 47 Kinder aufgenommen.


Zur Person:

  • Bernd Bergmann ist Volontär der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@om-online.de

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