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Krankenhausstreit: Weihbischof Theising gerät ins Kreuzfeuer der Kritik

Mit einem offenen Brief geht die Belegschaft des Oldenburger Pius-Hospitals in die Rebellion. Sie fordert die Rückkehr des bisherigen Verwaltungsrates und übt heftige Kritik am Offizialat Vechta.

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In die Kritik geraten: Weihbischof und Offizial Wilfried Theising. Archivfoto: M. Niehues

In die Kritik geraten: Weihbischof und Offizial Wilfried Theising. Archivfoto: M. Niehues

Es braut sich ein Sturm der Entrüstung zusammen: Nachdem Weihbischof Wilfried Theising vor rund zwei Wochen überraschend den Verwaltungsrat des Oldenburger Pius-Hospitals abberufen hat, ist eine kontroverse Diskussion entbrannt. Auslöser des Streits sind Fusionspläne des katholischen Pius-Hospitals mit dem Evangelischen Krankenhaus in Oldenburg gewesen.

Jetzt geht die Belegschaft des Pius-Hospitals geschlossen in den Widerstand. Mit einem offenen Brief fordern die Ärzteschaft, Mitarbeiter in der Pflege und Verwaltung die Wiedereinsetzung des geschassten Verwaltungsrates. Dessen Ex-Chef, der ehemalige Staatssekretär Dr. Josef Lange aus Hannover, wirft dem Weihbischof jetzt "Geschichtsklitterung" vor – Theising nutze Halb- und Unwahrheiten, um seine Entscheidung zu begründen.

Nicht minder deutliche Worte findet jetzt die Belegschaft in dem offenen Brief. 'Sie wirft dem Offizialat Machtmissbrauch vor. Theisings Entscheidung gefährde die Zukunft der Mitarbeiter "ohne Rücksicht oder christliche Empathie". Sie fordern die Wiedereinsetzung des entmachteten Verwaltungsrates und die Entlassung des von Theising eingesetzten zweiten Geschäftsführers Robert Riefenstahl. Dieser werde schlicht "nicht akzeptiert" und sei "nicht transparent" ausgewählt worden. Obendrein müsse jetzt ein "völlig überflüssiges zweites Geschäftsführergehalt" bezahlt werden. Ein klarer Seitenhieb geht in diesem Punkt auch in Richtung Vechta: "Bis zum heutigen Tag sind vom Bischöflich Münstersches Offizialat keine finanziellen Zuwendungen in der gesamten 150-jährigen Geschichte des Pius-Hospitals aufgebracht worden."

Die Bestrebungen in Richtung Fusion mit dem Evangelischen Krankenhaus würden eindeutig "stiftungsrechtlich nicht gegen den Stifterwillen" verstoßen, heißt es in dem Schreiben, das unter anderem vom Ärztlichen Direktor Prof. Dr. Rudy Leon de Wilde, dem Pflege- und Kaufmännischen Direktor, sämtlichen Abteilungsleiter und -leiterinnen und dem Vorsitz der Mitarbeitervertretung unterzeichnet wurde. Dabei beruft man sich auf ein "inzwischen vorliegendes wissenschaftlich fundiertes Gutachten".

Die Belegschaft wendet sich jetzt an die Öffentlichkeit und bittet um Unterstützung - auch von Verbänden im Oldenburger Münsterland. Gleichermaßen solle sich nun auch die Politik einschalten.


Hier der offene Brief im Wortlaut:

Offener Brief an das Bischöflich Münstersches Offizialat Vechta als Aufsicht der St. Pius Stiftung Oldenburg: Für die Menschen und gegen Machtmissbrauch

Das von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickeltes Leitbild des Pius-Hospitals ist Teil unseres täglichen Lebens. Hier haben wir formuliert: „Unser Umgang ist geprägt von Ehrlichkeit, Vertrauen, Offenheit, gegenseitiger Achtung und Respekt. Konstruktive Kritik und Anerkennung sowie verantwortungsvoller Umgang mit Macht auf allen Ebenen sind Teile unseres Miteinanders“. Wir sehen aufgrund der aktuellen Vorgänge mit großer Sorge diesen wesentlichen Faktor unseres Erfolges gefährdet.

Mit der ungerechtfertigten und intransparenten Entlassung des Verwaltungsrates und dem Einsetzen eines zweiten Geschäftsführers durch das Offizialat, sind diese Grundwerte in eklatanter Weise verletzt worden. Die angeführten Vorwürfe der „groben Pflichtverletzung“ wurden durch ein inzwischen vorliegendes wissenschaftlich fundiertes Gutachten widerlegt; die Fusionsbestrebungen verstoßen nachweislich stiftungsrechtlich nicht gegen den Stifterwillen.

Wir, die wir täglich christliche Barmherzigkeit in der Versorgung leben, verurteilen, dass das Wohl unserer Patienten durch dieses Vorgehen dem ausschließlichen Erhalt der katholischen Trägerschaft des Pius-Hospitals geopfert wird.

Wir verurteilen, dass die Weiterentwicklung und Sicherstellung der exzellenten universitären Qualität in der Patientenversorgung durch das Offizialat als nachrangig bewertet wird. „Gesundheitliche und betriebswirtschaftliche Optimierungsstrategien sind dem Stiftungsrecht fern und dürfen der Stiftungssatzung nicht widersprechen“ so das Offizialat. (NWZ 08.03.2022) Dies bedeutet, dass die Fortentwicklung der medizinischen und pflegerischen Behandlungsqualität und die Sicherung des Standortes Pius-Hospital durch Anpassung an die gesundheitspolitischen Gegebenheiten einen geringeren Stellenwert als der Erhalt eines rein katholischen Krankenhauses haben.

Wir verurteilen, dass die Zukunft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Qualität Ihrer seit Jahrzehnten geleisteten Arbeit unbedeutend ist im Vergleich zu dem Machtanspruch, dem Dogmatismus und dem Selbstverständnis des Offizialats: Dieses gefährdet unsere Zukunft ohne Rücksicht oder christliche Empathie.

Wir verurteilen die Missachtung des Grundtextes der dritten Synodalversammlung vom 03.02.2022 „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“. Dieser Grundtext formuliert: „Im Zentrum des Problems steht die Art und Weise, wie Macht – Handlungsmacht, Deutungsmacht, Urteilsmacht – in der Kirche verstanden, begründet, übertragen und ausgeübt wird. Es haben sich eine Theologie der Kirche, eine Spiritualität des Gehorsams und eine Praxis des Amtes entwickelt, die sich einseitig zur Macht erklären. So ist sie von Kritik abgeschirmt, von Kontrollen abgekoppelt und von Teilung abgeschnitten.“ Daher formuliert die Synodalversammlung: „Wir wollen Macht und Verantwortung in der Kirche so verstehen, verändern und ausüben, dass die ‚Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes‘ neu entdeckt werden kann“. (Titusbrief 3,4). Die in diesem Grundtext formulierten Ansätze werden vom Offizialat gebrochen. Diese Haltung ist geprägt von Entscheidungen, die „den Missbrauch von Macht begründen, verursachen und fördern, und den Sendungsauftrag der Kirche verdunkeln.“

Wir verurteilen den offensichtlichen Interessenskonflikt, wobei sowohl der Verwaltungsrat als auch die Stiftungsaufsicht vom Offizialat besetzt wird. Wir verurteilen die Missachtung des Stifterwillens für machtpolitische Zwecke.

Wir verurteilen die Art und Weise, wie mit den langjährigen Mitgliedern des Verwaltungsrats, die über viele Jahre eine qualitative Weiterentwicklung der Patientenversorgung in einem wertschätzenden Miteinander ermöglicht haben, umgegangen wurde. Die Diskreditierung ihrer Leistung und Arbeit ist unwürdig und inakzeptabel.

Wir verurteilen, dass durch die angebrachten, nicht validen Argumente unsere Arbeit, unser Werk und unser Ruf beschädigt wurden und weiter werden. Es wird uns die Möglichkeit genommen, Teil eines wahrhaften, ökumenischen, zukunftsorientierten und universitären Hospitals für unsere Patienten zu sein. Durch die Arbeit in der Universitätsmedizin haben wir die Qualität unserer Patientenversorgung auf höchstem Niveau etabliert.

Daher stellen wir im Namen der Mitarbeitenden folgende Forderungen auf:

- Wir fordern eine Abkehr von reinen Macht- und Bewahrungsinteressen und Fokussierung auf die Menschen, die hier versorgt werden und arbeiten.

- Wir fordern die sofortige Wiedereinsetzung unseres bewährten Verwaltungsrats.

- Wir fordern die sofortige Absetzung des zweiten Geschäftsführers, der kein transparentes und Pius übliches Auswahlverfahren durchlaufen hat und daher von uns nicht akzeptiert werden kann. Wir können Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keine zusätzliche notwendige Unterstützung im Personalbereich zukommen lassen, da wir ein völlig überflüssiges zweites Geschäftsführergehalt bezahlen müssen. Bis zum heutigen Tag sind vom Bischöflich Münstersches Offizialat keine finanziellen Zuwendungen in der gesamten 150-jährigen Geschichte des Pius-Hospitals aufgebracht worden.

- Wir rufen die Patientenvertretungen, Selbsthilfegruppen, Pflegende und ärztlich Tätige, die Universität Oldenburg, die Kooperationspartner, Ehemalige des Pius-Hospitals, Laienverbände und alle, die sich mit uns verbunden fühlen, dazu auf: Beziehen Sie auch weiterhin öffentlich Stellung.

- Wir rufen alle Verbände im Oldenburger Münsterland dazu auf, sich mit uns zu solidarisieren und sich öffentlich zu positionieren. Lassen Sie nicht zu, dass unser täglich gelebtes christliches Ethos gefährdet wird.

- Wir rufen die Politik dazu auf, sich öffentlich für uns einzusetzen. Sie haben uns in den letzten Jahren in unserer qualitativen Entwicklung wesentlich begleitet und sollten es nicht zulassen, dass Ihr politischen Gestaltungswillen für das Land ignoriert wird.

Für die Mitarbeitenden des Pius-Hospitals

Universitätsklinik für Gynäkologie
Klinikdirektor
Prof. Dr. Dr. med. Rudy Leon De Wilde
Ärztlicher Direktor
Managementgremium
Universitätsklinik für Innere Medizin — Onkologie
Klinik für Hämatologie und Onkologie
Klinikdirektor
Prof. Dr. med. Frank Griesinger
Universitätsklinik für Viszeralchirurgie
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Klinikdirektor
Prof. Dr. med. Dirk Weyhe
Universitätsklinik für Medizinische
Strahlenphysik
Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie
Klinikdirektor
Dipl.-Phys. Dr. med. Kay C. Willborn
Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie
Klinikdirektor
Prof. Dr. med. Djordje Lazovic
Universitätsklinik für Augenheilkunde
Klinikdirektor
Prof. Dr. Dr. med. Stefan Schrader
Klinik für Gefäß- und endovaskuläre Chirurgie
Klinikdirektor
Dr. med. Christoph-Maria Ratusinski
Klinik für Thoraxchirurgie
Klinikdirektor
Dr. med. Douglas Scriba
Klinik für Innere Medizin, Pneumologie und Gastroenterologie
Klinikdirektorin
Dr. med. Regina Prenzel
Klinik für interdisziplinäre Notfallmedizin
Klinikdirektorin
Dr. med. Kirsten Habbinga
Klinik für Anästhesie und interdisziplinäre
Intensivmedizin
Klinikdirektor
Dr. med. Joachim Gödeke
Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Klinikdirektor
Priv-Doz. Dr. med. Alexander Kluge
Klinik für Nuklearmedizin
Klinikdirektor
Prof. Dr. med. Michael J. Reinhardt
Pflegedirektor
Werner Meyer B.A.
Managementgremium
Pflegerische Abteilungsleiterin
Schwester Kerstin Qereti
Klinik für Innere Medizin, Pneumologie und Gastroenterologie
Klinik für interdisziplinäre Notfallmedizin
Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie
Klinik für Hämatologie und Onkologie
Klinik für Nuklearmedizin
Pflegerische Abteilungsleiterin
Schwester Sabine Seidel B.A.
Universitätsklinik für Viszeralchirurgie
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Klinik für Gefäß- und endovaskuläre Chirurgie
Klinik für Thoraxchirurgie
Universitätsklinik für Augenheilkunde
Pflegerische Abteilungsleiterin
Schwester Heike Bocklage B.N.
Universitätsklinik für Gynäkologie
Universitätsklinik für Orthopädie und
Unfallchirurgie
Innerbetrieblicher Krankentransport
Pflegerische Abteilungsleiterin
Schwester Tanja Kröger B.N.
Klinik für Anästhesie und interdisziplinäre
Intensivmedizin
Kaufmännischer Direktor
Erich Thunhorst
Managementgremium
Vorsitz Mitarbeitervertretung
Dr. Jens Marten

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

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