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Kampf gegen sexuellen Missbrauch: Bischof Genn zieht Zwischenbilanz

Eine Studie sprach im Juni Klartext: Das Bistum Münster schützte über Jahrzehnte Täter-Priester. Bischof Genn kündigte "Konsequenzen" an. Die Projektliste ist erst zum Teil abgearbeitet.

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Bischof Dr. Felix Genn. Foto: dpa

Bischof Dr. Felix Genn. Foto: dpa

Im Juni hatte der Bischof von Münster Konsequenzen aus den erschütternden Ergebnissen einer Studie der Uni Münster zum sexuellen Missbrauch durch Priester im Bistum angekündigt. Nun präsentiert Dr. Felix Genn eine erste Zwischenbilanz. Seine „Zielsetzung" bleibe es, "bei allen Maßnahmen, die wir ergreifen, sexuellen Missbrauch zu verhindern“. Es sei "einiges auf den Weg gebracht; es gibt aber hier und da Schwierigkeiten in der Umsetzung; und es bleibt noch viel zu tun“.

Am 9. November haben sich demnach die Mitglieder der Unabhängigen Aufarbeitungskommission im Bistum mit Vertretern der Bistumsleitung getroffen, um die weitere Aufarbeitung voranzutreiben. Genn sei bereit, „dass sich das Bistum Münster in diesem Rahmen an einer völlig unabhängigen Beratungsstelle für Betroffene, die von Dritten eingerichtet und getragen wird, finanziell beteiligt“.

Ab dem 1. Januar werde ein ehemaliger Personaldezernent des Bistums als "Fall-Manager" regelmäßig kontrollieren, ob Beschuldigte und Täter im Bistum Münster disziplinarische Auflagen des Bischofs tatsächlich auch einhalten.

Bischof Genn will künftig auch gegen Priester disziplinarisch vorgehen, die durch "unangemessene Verhaltensweisen" gegenüber "anderen erwachsenen Personen" auffallen. In zwei Fällen habe er bereits "jeweils Maßnahmen gegen die beschuldigten Priester ergriffen". Grundlage sei eine Anfang des Jahres verabschiedete Interventionsordnung der Deutschen Bischofskonferenz. Die beziehe sich ausdrücklich auch „auf Handlungen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit, die im pastoralen […] Umgang mit […] schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen eine sexualbezogene Grenzverletzung oder einen sonstigen sexuellen Übergriff darstellen“. 

So wurde der gebürtige Cloppenburger Geistliche Kurt Schulte Ende Juni in Münster als Offizial des Kirchengerichts und als Dompropst auf eigenen Wunsch beurlaubt. Gegen Schulte war in der Studie und auch danach der Vorwurf grenzüberschreitenden, unangemessenen Verhaltens erhoben worden. Die Staatsanwaltschaft lehnte Ermittlungen mangels strafrechtlicher Relevanz ab, aber das Bistum eröffnete eine kirchenrechtliche Voruntersuchung. Der folgende Amtsverzicht Schultes Anfang September soll nach Angaben des Bistums nicht mit den Vorwürfen zusammengehangen haben.

Genn will Verwaltungsgericht im Bistum Münster

Festhalten will Genn an seinem Vorhaben, im Bistum ein Verwaltungsgericht als Kontrollinstanz auch eigener Entscheidungen einzuführen. Die Kirchenrechtler Professor Thomas Schüller und Dr. Thomas Neumann hätten angeboten, bis zum Mai 2023 die mögliche Gerichtsordnung zu formulieren. Gespräche der Bischofskonferenz mit Rom mit dem Ziel einer bundesweiten kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit verlaufen seit Jahren immer wieder im Sande.

Zunächst hatte Genn angekündigt, die vorübergehende Einrichtung einer diözesanen Verwaltungsgerichtsbarkeit vom emeritierten Münsteraner Kirchenrechtler Professor Klaus Lüdicke prüfen zu lassen. Lüdicke habe aber laut Genn seine Zusage zurückgezogen. Der Grund seien Meinungsverschiedenheiten zum Umgang Genns mit Vorwürfen gegen einen Priester, gegen den der Bischof Untersuchungen eingeleitet habe. 

Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern von Betroffenen sexuellen Missbrauchs, des Domkapitels, des Diözesanrates und des Diözesankomitees soll Vorschläge erarbeiten, wie künftig mit Gräbern von Tätern, Beschuldigten und Vertuschern umgegangen werden soll. Bisher gibt es im Umfeld der Bischofsgruft im St.-Paulus-Dom zu Münster einen ersten provisorischen Hinweis auf Verfehlungen dort begrabener Bischöfe.

Genn teilt weiter mit, dass er dem früheren Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen, zum 4. November den Titel als Ehrendomkapitular am St.-Paulus-Dom in Münster entzogen habe. Thissen habe in seiner Zeit als Generalvikar und Weihbischof im Bistum Münster schwere Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch gemacht. Genn: "Dieser Schritt erfolgte nicht zuletzt auch aufgrund einer Initiative von Betroffenenseite."

Als "deutliches Zeichen, dass Macht und Verantwortung in der katholischen Kirche neu verteilt werden", bezeichnet Genn die geplante Einführung eines synodalen Rates für die katholische Kirche in Deutschland. Gremienstrukturen "in ähnlicher Weise" plant Genn auch auf Bistumsebene. 

Er sei bereit, sich „im Rahmen einer Selbstverpflichtung an die Entscheidungen diözesaner Gremien zu binden und das verbindlich festzuschreiben“.Dr. Felix Genn, Bischof von Münster

Vier Fälle möglichen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster, in denen es nach Einschätzung der Wissenschaftler in der Vergangenheit möglicherweise Fehler im Verfahren gegeben habe, seien noch einmal überprüft worden.

Ein Verfahren sei nach Prüfung in Rom eingestellt worden, weil kein konkreter Vorwurf festgestellt werden konnte. Ein Verfahren laufe noch im Bistum. Im drittem Fall sei der Beschuldigte 85 Jahre alt und übe keinerlei priesterliche Tätigkeiten mehr aus. Noch sei nicht entschieden, ob der Vorgang aus dem Jahr 1974 nach Rom abgegeben werde. Der vierte Fall werde noch einmal vollständig von einem externen Kirchenrechtler einer kirchenrechtlichen Prüfung unterzogen.

Genn fordert staatliche Standards für Aufarbeitung 

Genn fordert erneut eine stärkere Beteiligung des Staates bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Kirche sei, so Genn, bereit, „sich nicht nur eigenen Regeln“ zu stellen. So sollen die unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs bei der Bundesregierung Standards der Aufarbeitung formulieren – für die Kirche und alle Verantwortlichen in der Gesellschaft.

Bernd Theilmann. Foto: TzimurtasBernd Theilmann. Foto: Tzimurtas
„Es müsste noch schneller gehen. Vieles dauert noch zu lange.“Betroffener Bernd Theilmann

Für Bernd Theilmann hat sich zwar schon ein wenig getan, aber: „Es müsste noch schneller gehen. Vieles dauert noch zu lange“. Der 70-Jährige gebürtige Neuenkirchener gehört zu den Opfern des Missbrauchstäters Bernd Janzen. Als eine Schule nach dem Pfarrer benannt werden sollte, wandte sich Theilmann an die Presse, brachte die Aufklärung ins Rollen. Theilmann ist designiertes Mitglied der geplanten Aufarbeitungskommission im Bistum Münster.

Es sei wichtig, dass man den Druck zur Aufklärung immer weiter hochhalte. So werde nun ein Vorschlag der Betroffenen umgesetzt, jede Pfarrei soll ein Exemplar der Missbrauchsstudie erhalten. „Dann wird es aber wichtig sein, dies auch in die Gemeinde zu tragen“, sagt Theilmann. Dabei komme es immer auf die handelnden Personen vor Ort an. Die Studie dürfe nicht nur in der Bibliothek oder beim Pastor im Regal stehen.

Auch eine Infoveranstaltung zu dem Thema am 2. Dezember um 19.30 Uhr im Antoniushaus in Vechta gehe auf die Initiative der Betroffenen zurück, so Theilmann. Er selbst wird dabei mit Professor Dr. Thomas Großbölting, Dr. Jürgen Hilling und Weihbischof Wilfried Theising an einer Podiumsdiskussion teilnehmen.


Diese Maßnahmen kündigt der Bischof an:

  • Nach Genns Angaben sollen im Bistum Münster Personalentscheidungen künftig „transparenter, nachvollziehbarer und partizipativer erfolgen“. Die Beratungen hierzu liefen.
  • Das Bistum hat einen der Verfasser der Missbrauchsstudie, Dr. Bernhard Frings, beauftragt, weitere Einzelfallstudien sexuellen Missbrauchs zu erstellen, wo dies möglich sei und wo Betroffene das wünschen. Eine finanzielle Zusage bis 2025 sei inzwischen abgegeben.
  • Auch die Caritas im Bistum Münster hat Genn aufgefordert, die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen zu intensivieren. „Die Leitungen sollen auf mögliche Opfer und auch Zeitzeugen zugehen und sie ermutigen, ihre Geschichten öffentlich zu machen.“
  • Die Überlegungen, neben den vorhandenen Therapie-Angeboten zusätzlich eine seelsorgliche Gesprächsbegleitung für Betroffene einzurichten, sind laut Genn „auf einem sehr guten Weg“. Dazu werde mit Betroffenen eine Konzeption entwickelt.
  • Auch den „geistlichen Missbrauch“ will Genn weiter bekämpfen. Gemeinsam mit dem Bistum Osnabrück werde dieses Thema aufgearbeitet und in Kürze ein unabhängiges Forschungsprojekt auf den Weg gebracht.
  • Schließlich erhalten alle Pfarreien im Bistum in Kürze kostenfrei ein Exemplar der Studie, um die Auseinandersetzung mit dem Thema sexueller Missbrauch auch auf dieser Ebene fortzusetzen Auf der Ebene der Deutschen Bischofskonferenz werde es einen unabhängigen Expertenrat geben, in dem Betroffene mitarbeiten.

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