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Johann Wimberg: "Wir befinden uns in einer Zwickmühle"

Cloppenburgs Landrat spricht im Interview mit OM-Online über die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie. Derweil macht sich beim Impfstoff von Novavax Ernüchterung breit.

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Im Interview: Landrat Johann Wimberg blickt auf die derzeitige Pandemielage.   Foto: Hermes

Im Interview: Landrat Johann Wimberg blickt auf die derzeitige Pandemielage.   Foto: Hermes

Ein neues Infektionsschutzgesetz hat der Bundestag am Freitag verabschiedet, demnach sollen in Zukunft zahlreiche Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie fallen. Landrat Johann Wimberg spricht im Interview mit OM-Online über die aktuelle Situation.

Die Ampel-Koalition im Bund will den Ländern den Umgang mit der Corona-Pandemie weitestgehend überlassen. Wie bewerten Sie diesen Schritt?
Nach der langen belastenden Zeit dieser Pandemie sehnen sich grundsätzlich sicher die meisten Menschen nach mehr Normalität mit weniger Einschränkungen. Auch mir geht es so. Es gibt aber auch gleichzeitig den berechtigten Wunsch nach Schutz und Sicherheit insbesondere für das Gesundheitswesen. Mit der Omikron-Variante sind die bisherigen Regelungen aus unserer Sicht ausreichend. Das Gesundheitssystem war bislang trotz erheblicher Lockerungen seit Jahresbeginn nicht in Gefahr. Das ist ein gewaltiger Fortschritt gegenüber 2021.

Gibt es Ihrerseits Forderungen an Bund und Land im weiteren Umgang mit der Pandemie?
Aktuell befinden wir uns in einer Zwickmühle: Die meisten Maßnahmen werden weitgehend aufgehoben. Das Gesundheitssystem ist trotz enormer Infektionszahlen nicht gefährdet gewesen, da sich Menschen mit der Omikron-Variante zwar sehr leicht anstecken, aber viel seltener schwer erkrankten. Wenn doch, handelt es sich meistens um ungeimpfte oder vorerkrankte Menschen. Angesichts der immer noch zu niedrigen Impfquote und der fachlichen Einschätzung namhafter Virologen bin ich aber durchaus in Sorge, dass wir spätestens im Herbst, vielleicht auch früher wieder mit Einschränkungen rechnen müssen, wenn sich neue Virusvarianten verbreiten sollten. Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir von Bund und Land konsequente, wirksame und nachvollziehbare Entscheidungen, die sich an den Einschätzungen der Wissenschaft orientieren.

Was bedeutet das konkret?
So kann es beispielsweise doch nicht sein, dass erst der Landtag zusammenkommen muss, wenn es um Maßnahmen in einem einzelnen Landkreis mit hohen Infektionszahlen geht. Auch die Entscheidung des Bundestages zu einer allgemeinen Impfpflicht zieht sich hin und kommt möglicherweise viel zu spät. Nach über 2 Jahren der Pandemie sind viele Menschen müde und mürbe und daher bin ich sehr besorgt, wenn uns noch in diesem Jahr erneut wieder Einschränkungen belasten sollten. Und das nur, weil man nicht die Kraft aufbringt, fachliche orientierte und konsequente Entscheidungen zu treffen. Der Bundesgesundheitsminister sprach jüngst sogar von einer Sommerwelle. Vor diesem Hintergrund darf die Bundespolitik jedoch nicht gleichzeitig den Eindruck erwecken, die Pandemie sei beendet. Das passt nicht zusammen.

Während gelockert werden soll, liegen die Infektionszahlen auf einem hohen Niveau. Wie stellt sich die Situation im Gesundheitsamt derzeit dar?
Die Gesundheitsämter sind weiterhin flächendeckend gefordert und angesichts der hohen Infektionszahlen auch überfordert. Trotzdem werden Bedienstete des Landes und Bundeswehrsoldaten vor Ort abgezogen, was die Probleme noch größer macht. Nun wurde den Gesundheitsämtern noch die Überwachung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht übertragen. Auch das passt nicht zusammen.

Künftig sollen in Hotspots strengere Maßnahmen verhängt werden können. Welche Schwellenwerte sind Ihrer Meinung nach dafür maßgebend?
Eine Hotspot-Regelung, die sich nur an Inzidenzen orientiert, ist aus unserer Sicht nicht zielführend. Welche Zahlen man auch immer nimmt, sie spiegeln nicht zwangsläufig die tatsächliche Lage wider. Und wenn die Voraussetzungen für Maßnahmen zu hoch sind, vergeht wertvolle Zeit, bis sie ergriffen werden können. Auf der anderen Seite waren verpflichtende Maßnahmen bei Erreichung von Zahl X auch wenig hilfreich. Die Inzidenz ist immer von der Häufigkeit der Tests beeinflusst, die bei uns sehr hoch ist. Bedeutsamer ist da schon die Betrachtung der Auslastung des Gesundheitswesens insgesamt. In einer Krise braucht man weniger Bürokratie und mehr Handeln, das sich an der aktuellen Lage orientiert.

Der Landkreis ist in der Vergangenheit schon mit eigenen Allgemeinverfügungen über Maßnahmen hinaus gegangen. Ist dies auch nach dem 20. März geplant und überhaupt möglich?
Die niedersächsische Landesregierung hält die Eingriffsmöglichkeiten für nicht ausreichend. Details müssen wir jetzt abwarten. Es wird sich dann zeigen, was überhaupt noch im Rahmen des Infektionsschutzes über Allgemeinverfügungen geregelt werden kann. Unsere Maßnahmen haben sich immer an der Situation hier vor Ort, am Bedarf und am Nutzen orientiert. Aktuell halten wir weiter einschränkende Maßnahmen in einzelnen Landkreisen für nicht zielführend, aber die Lage kann sich natürlich jederzeit ändern.

Offenbar hat sich die Landesregierung für eine Übergangsregel bis zum 2. April entschieden. Wie soll es danach weitergehen?
Hier wird wohl noch einmal abgewartet, ob nach den Osterferien neue Varianten die Lage verändern oder ob es bei der aktuellen Situation bleibt. Dann müssen sich Bundes- und Landesregierung entscheiden, wie mit der Lage bei neuen Virusmutationen weiter umgegangen werden soll.

Wagen wir den Blick in die Glaskugel: Was erwarten Sie für den kommenden Herbst und Winter?
Das ist natürlich schwer einzuschätzen. Der Bundesgesundheitsminister und namhafte Virologen warnen bereits vor neuen Mutationen und befürchten angesichts der niedrigen Impfquote spätestens im Herbst und Winter die nächste Infektionswelle. Das wäre eine erneute große Belastung für die gesamte Gesellschaft, die ich mir nicht wirklich vorstellen mag. Im besten Fall begleitet uns das Coronavirus zukünftig wie die Influenza, so dass keine besonderen Maßnahmen mehr notwendig sind. Nachgewiesenermaßen ist die Impfung bislang das beste Mittel, um schweren Verläufen und damit der Pandemie wirksam zu begegnen.

Dennoch ist die Impfquote noch zu niedrig. Viele Experten hatten die Hoffnung, dass sie mit dem Novavax-Impfstoff steigt. Wie bewerten Sie die Situation seit der Zulassung?
Diese Hoffnung hat sich bislang leider ganz und gar nicht bestätigt. Die Resonanz auf den Impfstoff von Novavax ist sehr ernüchternd und hat bis jetzt auch bei uns nicht zur Steigerung der Impfquote beitragen können.

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