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In der Not wird der Bischof von Münster zum Reformer

Nach den erschreckenden Erkenntnissen der Missbrauchsstudie will Felix Genn nicht zurücktreten, aber sich künftig von Gericht und Gremien kontrollieren lassen.

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Der Bischof von Münster hat eigene Fehler im Umgang mit Priester-Tätern eingeräumt, als er am Freitag Stellung zum wissenschaftlichen Gutachten der Uni Münster zu sexueller Gewalt gegen Kinder durch Priester im Bistum Münster genommen hat. Er habe sexuelle Gewalt aber selbst nicht vertuscht. Deshalb hält Genn ein Rücktrittsgesuch an den Papst nicht für nötig, sondern kündigt an, die Stallungen rund um St. Paulus gründlich auszukehren.

Das sind – mit Blick auf die Faktenlage des Gutachtens – nachvollziehbare Ankündigungen. Ihnen müssen nun aber auch Taten folgen. Die Reue nimmt man Genn ab. Doch wer Bischof in Münster ist, war Jahrzehnte ein funktionierendes Rad im klerikalen System falsch verstandener Brüderlichkeit. Ist er tatsächlich zur Umkehr fähig?

Die erste Tat ist zumindest ein starkes Symbol: Die Bischofsgruft im Dom ist geschlossen, denn in ihr liegen Mittäter und Vertuscher: die Bischöfe Michael Keller, Heinrich Tenhumberg und Reinhard Lettmann. Über Jahrzehnte haben sie vor Strafverfolgung geschützt und schwerste Verbrechen ermöglicht. Dabei wäre es ihre Aufgabe gewesen, den Opfern Hirte zu sein.

Die Toten sollen ruhen, aber im Lichte der Wahrheit ist Verehrung nicht länger angebracht.Ulrich Suffner, Chefredakteur OM Medien

Auch die zweite Entscheidung, die Genn ankündigt, wäre eine starke, wenn er sie tatsächlich in die Realität umsetzt. Angesichts des Leids, das seine Vorgänger befördert haben, prescht Genn in der seit Jahren schwelenden Diskussion um eine vom Bischof unabhängige kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit vor. Er will nicht länger auf Antworten aus Rom und eine deutschlandweite Lösung warten, sondern in seinem Bistum kurzfristig Fakten schaffen. Das ist mutig und richtig. Es wäre ein Fortschritt, wenn künftig kirchliches Verwaltungshandeln und damit auch das Handeln eines Bischofs gerichtlich überprüft werden kann.

Weitere Reformen, die Genn ankündigt, sind eine freiwillige Bindung des Bischofs an Gremienentscheidungen, die stärkere Einbindung von Laien in Entscheidungsgremien im Finanz- und Personalbereich sowie unabhängige Berater und eine Kommission zur weiteren Aufarbeitung des Missbrauchs. Alle diese Maßnahmen schwächten die männerbündischen Strukturen und schafften Transparenz und damit das so dringend benötigte Vertrauen der Gläubigen.

Von Opfern geforderte radikale Umkehr gibt es nicht

Man darf sich allerdings keinen Illusionen hingeben. Vieles von dem, was sich gerade im synodalen Prozess in der katholischen Kirche in Deutschland Bahn bricht, dürfte vom Papst in Rom wieder einkassiert werden. Die auch von vielen Opfern geforderte radikale Umkehr wird es nicht geben: keine konsequente Entfernung von Mitverantwortlichen am Missbrauch aus ihren Ämtern, keine grundlegenden Reformen wie Frauen im Priesteramt oder die Aufhebung des Zölibats.

Erst am Dienstag hat Papst Franziskus in einem Interview mit einer Jesuiten-Zeitschrift noch einmal seine Vorbehalte gegenüber dem synodalen Weg in Deutschland formuliert: "Es gibt eine sehr gute evangelische Kirche in Deutschland. Wir brauchen nicht zwei von ihnen." Danach soll Franziskus im Interview gelacht haben. Offensichtlich erheitert ihn der Reformeifer der deutschen Katholiken. Mit Blick auf das Missbrauchsgutachten im Bistum Münster bleibt einem das Mitlachen im Halse stecken. Zwischen 1945 und 2020 sind in der Diözese mindestens 610 Minderjährige Opfer sexueller Gewalt durch Priester geworden.

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