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Im Iran gibt es einen grundlegenden Kulturkampf

Thema: Der Iran und die Proteste gegen das Kopftuch – Die Kluft zwischen dem Staat und den jungen Menschen ist riesig. Manches erinnert an die Endzeit der DDR.

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Ich war mehrfach als Journalist mit deutschen Außenministern im Iran, außerdem noch im Rahmen einer privaten Bildungsreise. Immer fiel mir die große Zahl selbstbewusster junger Frauen im Straßenbild auf. 60 Prozent der iranischen Studierenden sind weiblich. „Woher kommen Sie“, fragte uns einmal eine junge Frau in einem Teheraner Schnellrestaurant auf Englisch. „Aus Deutschland.“ „Oh, wie schön, da möchte ich mal hin. Was machen Sie hier? „Urlaub“. „Wie zur Hölle können Sie in diesem besch....enen Land Urlaub machen?“ Auf Englisch war ihre Ausdrucksweise noch deftiger.

Die Kluft zwischen dem Staat und den jungen Menschen ist riesig. Es erinnert ein bisschen an die Endzeit der DDR. Überall sieht man Propaganda gegen „den großen Satan“ (USA) und den „kleinen Satan“ (Israel), überall Revolutionsgarden und Sittenwächter, doch die Menschen bewundern den Westen und wollen frei sein.

Iranerinnen nehmen an einer Demonstration vor dem iranischen Konsulat in Istanbul nach dem Tod von Mahsa Amini teil. Die 22-Jährige war von der iranischen Sittenpolizei in der Hauptstadt Teheran festgenommen worden. Der Grund: Sie soll gegen die Kleiderordnung verstoßen haben. Noch in Polizeigewahrsam starb Mahsa Amini. Foto: dpaIranerinnen nehmen an einer Demonstration vor dem iranischen Konsulat in Istanbul nach dem Tod von Mahsa Amini teil. Die 22-Jährige war von der iranischen Sittenpolizei in der Hauptstadt Teheran festgenommen worden. Der Grund: Sie soll gegen die Kleiderordnung verstoßen haben. Noch in Polizeigewahrsam starb Mahsa Amini. Foto: dpa

Es geht um elementare Menschen- und Frauenreche

Mit massiver Gewalt will das Regime den Kopftuchzwang nun durchsetzen, es will die jungen Frauen genau an dieser Stelle brechen. Denn das Kopftuch ist das zentrale Symbol dafür, dass eine Handvoll alter Männer bis ins Private über die Frauen bestimmen kann.

Das hat System im radikalen Islam. In Afghanistan ist Mädchen die Schulbildung verboten, in Saudi-Arabien und im WM-Land Katar brauchen Frauen einen männlichen Vormund, in Teilen Afrikas grassiert die Genitalverstümmelung. Dazu Zwangsverheiratungen und häusliche Gewalt, die fast immer straflos bleibt. Im Kern geht es im nicht aufgeklärten Islam stets um die Verfügung von Männern über den Körper von Frauen und ihre Sexualität. Im Christentum war es zeitweise auch so, man denke an die Hexenverfolgungen oder die Kampagnen gegen Anti-Baby-Pille und Abtreibungen.

Der Aufstand im Iran ist deswegen kein lokales Ereignis. Es handelt sich um einen grundlegenden Kultur- und Menschheitskampf, den die iranischen Frauen und die mit ihnen solidarischen Männer hier ausfechten. Um eine konkrete neue Staatsform geht es noch nicht, das kommt vielleicht später. Sondern um elementare Menschen- und Frauenrechte. Deshalb müssen Deutschland und die EU diesen Widerstand so weit wie möglich unterstützen und das Regime so weit wie möglich wirtschaftlich und politisch isolieren. Es ist wichtig, dass die Ukraine gewinnt. Es ist ebenso wichtig, dass die iranischen Frauen gewinnen.


Zur Person:

  • Der Lohner Werner Kolhoff (66) hat für den Berliner Tagesspiegel und die Berliner Zeitung gearbeitet.
  • Er war Sprecher des Berliner Senats und leitete ein Korrespondentenbüro.
  • Heute ist er in der Hauptstadt als politischer Kolumnist tätig.

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